25.11.2017
Nach-Leben digital

Von Online-Friedhöfen und digitalem Nachlass

Was passiert mit unseren Daten, E-Mails, Konten bei Facebook, Instagram & Co., unserer digitalen Musiksammlung, nachdem wir gestorben sind? Diese Fragen werden immer wichtiger, je stärker und länger die Digitalisierung unseren Alltag durchdringt.
Kreuz aus den Logos von Facebook, iTunes, Skype, Twitter, Google, PayPal, Yahoo, Xing, Instagram, LinkedIn, WhatsApp
Was passiert mit unseren Daten, E-Mails, Konten bei Facebook, Instagram & Co., unserer digitalen Musiksammlung, nachdem wir gestorben sind? Gibt es Orte im Internet für die Trauer? Winkt im Netz die Unsterblichkeit?

 

Nun hat sich in München die Fachmesse digina mit Fragen nach dem »Digitalen Nachlass«, nach Trauer und Gedenken im Netz beschäftigt. Unter den Referenten: der evangelische Pfarrer Rainer Liepold. Er fordert mehr Aufmerksamkeit seiner Kirche für das, was sich in der Bestattungskultur derzeit so alles ändert. Und er findet, dass es Zeit ist für einen evangelischen Online-Friedhof.

Weit über 500 Menschen hat Rainer Liepold in seinem Leben schon beerdigt. Liepold ist Pfarrer in München-Freimann. Neben seiner Gemeindearbeit widmet der 50-jährige promovierte Theologe und Biografieforscher ein Drittel seiner Arbeitszeit der Altenheimseelsorge im Münchner Norden. Über seine Erfahrungen mit dem letzten Gang hat Liepold einen ebenso unterhaltsamen wie informativen »Bestattungskulturführer« geschrieben – Titel: »Graben Sie tiefer«. (Claudius Verlag 2015)

Liepold ist überzeugt: »Es gibt kein Thema, bei dem die Menschen den Kirchen so viel zutrauen, wie bei Beerdigung, Tod, Bestattung.« Studien wie zuletzt die EKD-Mitgliedschaftsstudie 2014 bestätigen das: Auf die Frage, warum sie Kirchenmitglied sind, erzielte die Formulierung »Weil ich einmal kirchlich bestattet werden möchte« den Höchstwert aller Antwortmöglichkeiten (im Schnitt 5,33 von 7 möglichen Punkten).

Für Liepold unterschätzen viele in der Kirche die Bedeutung und das Potenzial von Beerdigungen: »Ein Stadtpfarrer wie ich erreicht übers Jahr rund 1500 verschiedene Menschen – Weihnachts-, Oster- und Konfirmationsgottesdienste eingerechnet. Durch Bestattungen kommen noch einmal über 2000 dazu.« Heißt: Bei Bestattungen geht die kirchliche »Reichweite« weit über die Kerngemeinde hinaus.

 

Pfarrer Rainer Liepold
Rainer Liepold ist evangelischer Pfarrer in München-Freimann und hat in seinem Leben weit über 500 Menschen »unter die Erde gebracht«. Der 50-jährige promovierte Theologe und Biografieforscher hat über seine Erfahrungen mit dem letzten Gang einen ebenso unterhaltsamen wie informativen »Bestattungskulturführer« geschrieben – Titel: »Graben Sie tiefer«. (Claudius Verlag 2015)

 

In Sachen Tod und Trauer trauen die Menschen der Kirche etwas zu. Jedenfalls noch. Denn sie verliert mit hohem Tempo Boden. »Mindestens 20 Prozent der Evangelischen werden inzwischen von konfessionsfreien Rednern bestattet«, weiß Liepold. Bestatter leben auf Provisionsbasis. Wenn es um die Frage nach einem Pfarrer für die Beerdigung gehe, werde schon mal suggestiv gefragt: »War Ihre Mutter denn jeden Sonntag in der Kirche?«, so Liepold. Mit der Vermittlung eines freien Redners können Bestatter etwas verdienen. Wenn sie die Kirche informieren, nicht. Und manchen Angehörigen sei am Ende sowieso nicht klar, ob da nun ein Pfarrer am Grab gesprochen hat oder nicht.

In Deutschland gibt es heute doppelt so viele Bestatter wie noch in den 1980er-Jahren. Die Zahl der Todesfälle in Deutschland liegt seit Jahrzehnten stabil bei knapp einer Million pro Jahr. War früher die Bestattung ein Handwerk, sind heute immer mehr und immer kreativere Bestatter am Werk. Sie gehen viel stärker als früher auf individuelle Wünsche ein und bieten inzwischen sogar Pilgerreisen und Gesprächsgruppen an. »Da sind einfühlsame und einfallsreiche Menschen am Werk«, sagt Liepold. Der Kirche sei eine »Systemkonkurrenz« rund um die Beerdigung erwachsen. Trotzdem verlasse sie sich weiter darauf, so Liepold, »dass die Leute von selber kommen«.

Online-Friedhof »Soulium«

Wo die Bedürfnisse der Menschen liegen, zeigt sich derweil im Internet – auch beim Umgang mit dem Tod. Je mobiler die Menschen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass eine Familie auf demselben Friedhof beerdigt wird wie vor 100 Jahren. Zu Lebzeiten bringen heute Facebook, WhatsApp, Instagram und andere »soziale« Internetplattformen die Menschen mit ihren oft über die Welt verstreuten Familien und Freunden zusammen.

Aber was kommt danach? Was passiert mit unserer »digitalen Person«, wenn wir als leibliche Person gestorben sind? Wer kümmert sich um unsere verwaisten Profile auf Facebook, Twitter und Co.? Was geschieht mit den unzähligen Datenspuren, die wir hinterlassen haben, unseren digitalen Fotos, Anmeldungen bei Internetseiten, Online-Abos, mit Blogs, Google-Suchanfragen, Sprachnachrichten, Videos? Und: Gibt es Orte im Internet für die Trauer?

 

26 000 Gräber, 11 Millionen Kerzen: So sieht die christliche Abteilung des Online-Friedhofs »Soulium« (www.strassederbesten.de) aus.
26 000 Gräber, 11 Millionen Kerzen: So sieht die christliche Abteilung des Online-Friedhofs »Soulium« (www.strassederbesten.de) aus. Klickt man auf die Kreuze, erfährt man mehr zu den Verstorbenen und kann virtuelle Kerzen anzünden.

 

Virtuelle »Online-Friedhöfe« wie Soulium (www.strassederbesten.de) wollen zumindest einen solchen Ort bieten – »kostenfrei und würdevoll«, rund um die Uhr und von überall auf der Welt erreichbar, wo es einen Internetzugang gibt. Gedenkseiten für über 26 000 Menschen und mehr als elf Millionen angezündete Gedenkkerzen auf der Seite zeigen, dass es dafür eine Nachfrage gibt. Und dies bei einer Seite, die alles andere als professionell anmutet und den Charme des Selbstgebastelten ausstrahlt.

Warum zum Beispiel der jüdische Online-Friedhof (mit nur zwei Gräbern; es gibt auch eine muslimischen Abteilung mit ein paar mehr) ausgerechnet auf dem Steilhang im Skigebiet am Brauneck angesiedelt ist, wissen nur die Macher von Soulium. Für den »christlichen Friedhof« hat man – romantisch und konventionell – ein Bild der St.-Jakobs-Kirche im Südtiroler Villnößtal mit einem digitalen Kirchhof versehen.

»Abends sind auf der Seite um die 50 Menschen unterwegs«, hat Rainer Liepold festgestellt, »so viele wie tagsüber auf dem Münchner Nordfriedhof«. Der Pfarrer findet, die Kirche sollte so etwas wie Soulium selber, aber besser machen. »Erinnerungskultur wird immer mehr auch im Internet stattfinden«, ist er überzeugt. Keineswegs nur als Einbahnstraße: Immer mehr Städte erlauben in ihren Friedhofssatzungen sogenannte QR-Codes auf Grabsteinen. Hält man die Smartphone-Kamera auf die schwarz-weißen Pixelmuster, wird man auf eine Erinnerungsseite im Internet geschickt. Zum Beispiel mit Fotos des Verstorbenen oder Texten, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Spuren der »digitalen Persönlichkeit« des Toten kommen so mit seiner Grabstelle zusammen.

Für die Idee einer evangelischen Plattform, die dies und mehr zusammenführen soll, warb Liepold nun auf der digina, einer Fachmesse rund um das Thema »Digitaler Nachlass« in München. Unter der Adresse www.gedenkenswert.de soll kein weiterer Online-Friedhof à la Soulium entstehen, sondern ein umfassenderes evangelisches Angebot, das aber durchaus einen Online-Friedhof beinhalten soll.

Unter Federführung der rheinischen Kirche gibt es mit trauernetz.de bereits ein breites, aber relativ schlichtes evangelisches Angebot im Netz, in dem es ums Vorsorgen (Patientenverfügung etc.) ebenso geht wie um die Bestattung und den Umgang mit der Trauer. Am Ewigkeitssonntag bietet ­trauernetz.de eine »Chat-Andacht« an. Angehörige können im Vorfeld der Andacht die Namen ihrer Verstorbenen eintragen. Während der digitalen Andacht mit Vaterunser und Segen zum Abschluss sollen diese Namen dann eingeblendet werden.

 

Im digitalen Himmel.
Im digitalen Himmel.

Der Tod lässt sich nicht vertreiben

»Bei Beerdigungen schauen Menschen sehr genau hin«, ist Liepolds Erfahrung aus der analogen Welt. Details werden bei Bestattungen scharf wahrgenommen: die flackernde Neonröhre in der Aussegnungshalle, die Spinnweben am Kruzifix an der Wand, der Friedhofsmitarbeiter, dem man zusehen kann, wie er den Vorhang vor dem Sarg zuzieht, das Plastik-Grabschäufelchen im Sandkastenstil.

Ästhetische Aufmerksamkeit braucht es also auch für digitale Angebote, wenn sie für einen würdigen und lebensbejahenden Umgang mit der Sterblichkeit stehen sollen, wie es Liepold und seinen Mitstreitern vorschwebt.

Dabei soll es um Vorbereitung und Vorsorge ebenso gehen wie um einen Ort des Gedenkens. »Auch der letzte Gang soll selbstbestimmt sein, die 08/15-Angebote von früher reichen nicht mehr aus«, sagt Liepold. Wer da schon einmal die rund 110 Fragen, die ein Bestatter den Angehörigen zur Entscheidung vorlegt, ohne den emotionalen Stress eines Todesfalls durchgespielt hat, tut sich im Ernstfall leichter. Aber auch um Fragen wie » Was ist mir im Blick auf meine Sterblichkeit wichtig? Was macht mich aus? Welche Bilder, welche Lieder, Gedanken?« soll es gehen. »Bilder sagen mehr, als der eloquenteste Pfarrer je sagen könnte«, ist Liepold überzeugt.

Unter den Zuhörern Liepolds auf der digina ist die SPD-Politikerin Diana Stachowitz, kirchenpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion und Beiratsvorsitzende der Stiftung Wort und Tat des evangelischen Dekanats München. Zu ihren politischen Schwerpunkten gehört das Thema Sterbehilfe. Sie verspricht Unterstützung für das Projekt, das derzeit auf der Suche nach einer Finanzierung durch die kirchlichen Gremien wandert.

 

Der Traum von der Unsterblichkeit im Netz.
Der Traum von der Unsterblichkeit im Netz.

 

Bei der digina werden auch technische Träume formuliert: Ideal wäre, verkündet ein Start-up-Unternehmer, ein technischer Standard zum Austausch von Daten, wie das Protokoll »HTTP«, das im Hintergrund für das Funktionieren des Internets sorgt. Mit entsprechenden Sicherheitsfunktionen versehen, könnte dieser – wenn er in allen betroffenen digitalen Produkten eingebaut ist – für eine Automatisierung bei der digitalen Nachlassverwaltung sorgen.

Die Wirklichkeit mag davon noch weit entfernt sein. Für neue Internetdienste und Software-Erfinder ist die schwierige, für Hinterbliebene mitunter teure, nervenaufreibende und frustrierende Frage des digitalen Nachlasses genau deshalb ein neues vielversprechendes Geschäftsfeld - auch das zeigte die digina-Messe. Anbieter wie Columba versprechen gegen gutes Geld Schneisen in den ungeordneten Dschungel des digitalen Nachlasses zu schlagen. Mail- und Social-Media-Konten, Digitalfotos und Videos im Netz, Abos und Services, Vermögenswerte oder Online-Banking - nichts ist heute in der Regel geregelt, wenn einer von uns Neubürgern im digitalen »Neuland« stirbt.

Während die Kirchen noch sehr langsam darüber nachdenken, ob sie digitale Angebote zu einem »lebensbejahenden Umgang mit der Sterblichkeit« machen sollen, arbeiten indessen andere bereits an der Unsterblichkeit.

»Auch Atheisten wie ich brauchen etwas, an das sie glauben können – zum Beispiel die Wissenschaft«, bekannte bei der Münchner digina Agnieszka Walorska, Gründerin eines Berliner Unternehmens, das Firmen bei der Entwicklung digitaler Produkte hilft. Wird das Leben durch den Tod erst kostbar? Oder muss es das menschliche Ziel sein, den Tod zu eliminieren? Agnieszka Walorska ist von Letzterem überzeugt.

So etwas wie digitale Unsterblichkeit gibt es ja bereits jetzt. In der gewaltigen Kopiermaschine Internet hinterlassen Nutzer unzählige Datenspuren. Sie ermöglichen Datengoldgräbern wie Google, nahezu unser ganzes Leben wie aus einer Matrix zu rekonstruieren. Diese Datenspuren sagen mehr über uns aus, als die nächsten Angehörigen, Ehepartner oder Kinder von uns wissen. Wer bei Google angemeldet ist, kann über google.com/history verblüffende Erinnerungserfahrungen machen, sieht man sich an, was man an bestimmten Tagen vor drei, fünf, sieben Jahren gesucht hat.

Es sind heute nicht mehr nur Science-Fiction-Autoren, die unter dem Stichwort »Mind up­loading« die Hoffnung hegen, es könne dereinst gelingen, den menschlichen Geist auf ein externes Medium zu übertragen. In Silicon Valley arbeitet der Internet-Milliardär, Elektroauto- und Raumfahrt-Pionier Elon Musk (Tesla, SpaceX) mit seiner Firma Neuralink seit Kurzem bereits ganz konkret daran. Er will eine Technologie entwickeln, mit der man das menschliche Gehirn an Computer anschließen kann. Der Traum dahinter heißt »Transhumanismus«. Das Ziel: Einschränkungen des menschlichen Körpers zu überwinden, am Ende auch dessen Sterblichkeit – der Traum vom Weiterleben des Geists auf dem Chip.

Einer Mainzer Archäologin, die sich wissenschaftlich mit der Digitalisierung des kulturellen Menschheitserbes beschäftigt, war es gleich zu Beginn der digina vorbehalten, einen entscheidenden Einwand gegen solche Träume zu formulieren: Mitunter reicht ein kleiner Stromausfall, ein kleines Feuer oder ein kleiner Krieg, und der (Daten-)Tod ist zurück in der schönen neuen digitalen Welt.

 

Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema:

Digitalisierung & Vorsorge

Kreuz aus den Logos von Facebook, iTunes, Skype, Twitter, Google, PayPal, Yahoo, Xing, Instagram, LinkedIn, WhatsApp
Wie sorge ich für meinen digitalen Nachlass? Lege eine Liste mit allen Internetkonten bei Maildienstleistern, Social-Media-Anbietern sowie sonstigen Services - und bewahre Sie sie sicher, aber zugänglich auf. Ganz besonders, wenn Geld im Spiel ist oder andere von den dort hinterlegten Informationen abhängig sein könnten. Was noch zu tun ist.
Share Facebook Twitter Google+ Share
Sonntagsblatt