01.04.2012
Mythos Titanic

Vor 100 Jahren ging die »Titanic« unter

Das Schiff war das größte, schönste und sicherste, das je gebaut worden war. Doch schon als es zum ersten Mal übers Meer fuhr, stieß es mit einem Eisberg zusammen und ging unter. Der Untergang der RMS »Titanic« am 15. April 1912 gehört zu den großen Katastrophen der Seeschiffahrt. Vor allem aber ist die Geschichte der »Titanic« eine fast perfekte Metapher auf die Geschichte der Menschheit.

Kaum ein Ereignis des Weltgeschehens strahlt eine derart zeitlose Faszination aus wie die Unglücksfahrt der »Titanic«. Man bekommt dies in unseren Tagen, da sich diese Fahrt zum 100. Mal jährt, zu spüren: Da werden neue Bücher geschrieben, neue Museen eröffnet (wie zum Beispiel im irischen Belfast), neue Filme gedreht, neue Denkmäler enthüllt. Sogar die vermeintlich ultimative Auseinandersetzung mit dem Epos, nämlich James Camerons oscarüberhäufter Blockbuster, bis vor Kurzem der erfolgreichste Spielfilm aller Zeiten, erfährt eine Neuauflage - in 3D.

Das norwegische Kreuzfahrtschiff »Balmoral« begibt sich im April auf dem Nordatlantik auf eine »Titanic Memorial Cruise« entlang der historischen Fahrtroute, um am Untergangsort der »Titanic« zu einer minutengenauen Gedenkfeier anzuhalten. Die 1309 Passagiere - fast exakt so viele, wie seinerzeit an Bord der »Titanic« unterwegs waren - haben sich zum Teil zeitgenössische Kleidung nachschneidern lassen.

Die historische Bedeutung des Unterganges steht in keinem Verhältnis zu dieser beispiellosen Verdichtung des Gedenkens. Es gab schlimmere, unglücklichere und vor allem folgenschwerere Katastrophen, und es hätte nicht der eigenartigen Aktualität bedurft, die der Titanic-Jahrestag durch die Havarie der »Costa Concordia« erlangt hat.

Der Mythos Titanic

Doch keine Schiffskatastrophe hatte wie der Untergang der »Titanic« das Zeug zum Mythos. In der Titanic-Literatur, die sich längst im Zustand der Unüberschaubarkeit befindet, findet sich immer wieder der Hinweis, es gebe, genau genommen, zwei »Titanics«: Die historische, die vor 100 Jahren im eiskalten Atlantik unterging, und die mythische, die erst aus dem Unglück erwuchs und sich als tatsächlich unsinkbar erweist.

Die historische »Titanic« lief im Mai 1911 in der Werft von Harland & Wolff Ltd. in Belfast vom Stapel. Sie war mit einer Länge von 269 Metern und einer Tonnage von rund 46.000 Bruttoregistertonnen geringfügig größer als ihr bereits in Dienst gestelltes Schwesterschiff »Olympic« und damit zu ihrer Zeit das größte Schiff der Welt. Mehr noch als die pure Größe allerdings beeindruckte die Zeitgenossen der verschwenderische Luxus, die die britisch-amerikanische White Star Line ihren Passagieren gönnte: Das Schiff war vor allem in der Ersten Klasse ein schwimmendes Fünf-Sterne-Hotel mit Bibliothek, Palmengarten und Türkischem Dampfbad, die Suiten waren im Stil »Louis XVI« oder »Italian Renaissance« dekoriert. Aber auch die Passagiere zweiter und dritter Klasse genossen eine Ausstattung mit gepolsterten Mahagoni-Stühlen und Pinienholztäfelung, die in der Atlantik-Seefahrt bis dato nicht üblich gewesen war.

Im Hafen von Southampton nahm die »Titanic« vor dem Auslaufen zu ihrer Jungfernreise nach New York Geschirr, Wäsche und Nahrungsmittel an Bord - darunter 1000 Austerngabeln, 1200 Likörgläser, 7500 Badetücher, 15.000 Kissenbezüge, 40.000 Eier, 40 Tonnen Kartoffeln, 1000 Pfund Gewächshaus-Trauben und 6000 Pfund Butter. Mit 908 Besatzungsmitgliedern und 1317 Passagieren, darunter einige der reichsten Männer der USA, stach sie am 10. April 1912 in See.

Eisberg voraus...

Wäre die »Titanic«, wie vorgesehen, fünf Tage später im Hafen von New York angelangt, hätten all diese Üppigkeiten allenfalls für eine Fußnote in der Berichterstattung über die Atlantikschiffahrt getaugt. Aber die »Titanic« stieß in der letzten Nacht der Überfahrt exakt um 23.40 Uhr mit einem Eisberg zusammen, besser gesagt: Sie schrammte knapp an dem Eisberg vorbei, wobei das Eis an sechs Stellen kleine Risse in den Rumpf des Schiffes schlitzte. Das dabei entstandene Gesamtleck war nicht größer als rund 1,1 Quadratmeter - die einzelnen Risse waren aber derart ungünstig verteilt, dass dem mitreisenden Chefkonstrukteur Thomas Andrews nach kurzer Zeit klar war, dass das Schiff untergehen müsse.

In der sternenklaren Frühlingsnacht lief die »Titanic« auf spiegelglatter See zuerst langsam, dann immer schneller voll Wasser. 705 Menschen gelangten in die Rettungsboote, über 1500 aber, unter ihnen ein Benediktinerpater aus dem oberbayerischen Scheyern (siehe Kasten), gingen schließlich um 2.20 Uhr mit dem Schiff unter und hatten bei einer Wassertemperatur von unter null Grad keine Überlebenschance. Zwei Stunden später erreichte der per Funk verständigte Passagierdampfer »Carpathia« die Unglücksstelle und nahm die Überlebenden an Bord.

Der Untergang der »Titanic« war vom ersten Moment an mehr als ein tragisches Schiffsunglück. Noch in der Unglücksnacht wurde der Mythos geboren, befeuert von der noch jungen Funktechnik, befeuert vom Sensationshunger der noch jungen Massenmedien, und nicht zuletzt durch die offizielle Beschwichtigungsmeldung aus der Führungsetage der International Mercantile Marine Company, zu der die White Star Line gehörte: »Es besteht keine Gefahr, dass die Titanic sinken wird. Das Schiff ist unsinkbar.« Als Vizepräsident Philipp Franklin dies verkündete, lag die »Titanic« bereits auf dem Grund des Atlantiks.

Was wäre wenn?

Warum kann ein unsinkbares Schiff untergehen? Wieso kann etwas passieren, das - eigentlich - gar nicht passieren darf? Was wäre gewesen, wenn … die Eiswarnungen Beachtung gefunden hätten? Wenn die »Titanic« Southampton nicht mit einer Stunde Verspätung verlassen hätte? Wenn sich der Eisberg nicht kurz vor der Kollision im Wasser gedreht hätte und dadurch schlecht zu sehen war? Wenn die Konstruktion des Schiffs und seiner geschlossenen Kammern nur geringfügig anders gewesen wäre? Wenn, wenn, wenn?

Tatsache ist, dass im Falle der »Titanic« eine Vielzahl von kleinen Geschehnissen, manchmal Zufällen, die sich unglücklich miteinander verketteten, in unerbittlicher Stringenz zur größtmöglichen Katastrophe geführt hat. Dieser Gedanke war schon vor 100 Jahren schwer zu ertragen.

»Der Mythos gründet auf der moralischen Lektion, die aus der Katastrophe zu gewinnen ist«, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Linda Maria Koldau im neuesten deutschsprachigen »Titanic«-Buch (siehe Buchtipps): »Die Titanic ist zum Sinnbild einer Welt geworden, die durch menschlichen Hochmut dem Untergang geweiht wurde.« Dass zwei Jahre später der erste industriell geführte Krieg in der Geschichte der Menschheit ausbrach, passte da wie ein Puzzleteil zum anderen.

Überhaupt: Das Bild von der Gesellschaft, die sorglos und in maßlosem Reichtum, bis zum letzten Moment blind für die Gefahren der Gegenwart, in ihren Untergang schippert, hat zeitlose Aktualität. Klima? Bevölkerungsexplosion? Gentechnik? Armut? Gerechtigkeit? Es wird schon alles halb so schlimm sein - Hauptsache, die Kapelle spielt weiter. Wie auf der »Titanic«, als mitten im Chaos des Untergangs die Klänge des Chorals »Näher, mein Gott zu dir« übers Wasser schallten, bevor die Musiker den Boden unter den Füßen verloren.

»Wir verirren uns in einem lustvollen Wahn von Reichtum und Macht und Ehrgeiz. Wir spalten die Gesellschaft in Kasten auf. Es braucht eine schreckliche Warnung, um uns zurück zu unserer Verankerung in die Vernunft zu bringen.« Diese Worte stammen nicht etwa von einem kapitalismuskritischen Occupy-Aktivisten anno 2012, sondern aus dem Mund des US-Senators William Alden Smith nach dem Abschluss der Untersuchungen des »Titanic«-Untergangs.

Walter Lords Dokumentation »Die letzte Nacht der Titanic«, mitunter als die »Bibel der Titanic-Fans« bezeichnet, formulierte 1955, schon mitten im Kalten Krieg, den Mythos in nostalgischer Perspektive: »Nie wieder wird die Welt so sein, wie sie war«. Mit der »Titanic«, so sah es Lord, war die gute alte Welt Britanniens unwiederbringlich untergegangen - die gerechte Ordnung, die Menschlichkeit inmitten der Not, die Übersichtlichkeit der Technik, die Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Koldau hat festgestellt, dass der »Titanic«-Kult, nicht zuletzt im gedanklichen Sog von Lords Buch, zunehmend religiöse Züge angenommen hat. Die letzten Überlebenden dienten als Ersatzheilige, die Opfer als Märtyrer, die »Titanic« selbst wird zum »sagenumwobenen Tempel oder sogar zur Gottheit, die für das Bessere der vergangenen Zeit steht« (Koldau). Die Tragik der Katastrophe gerät ob derlei sinnstiftender Überhöhung mehr und mehr in Vergessenheit - der Mythos hat die Historie längst überflügelt.

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Sonntagsblatt