11.01.2017
Naturforscherin und Künstlerin

Vor 300 Jahren starb Maria Sibylla Merian

Maria Sibylla Merian ging immer ihren eigenen Weg. Vor mehr als 300 Jahren brachte sie Wissenschaft und Kunst genial zusammen – und setzte sich für ihre Forschungen über etliche Konventionen hinweg.
Maria Sibylla Merian: Krokodilkaiman (Caiman crocodilus) im Kampf mit einer Korallenrollschlange (Anilius scytale), 1701-1705.
Maria Sibylla Merian schuf genaue und lebendige Illustrationen »nach dem Leben«: Krokodilkaiman (Caiman crocodilus) im Kampf mit einer Korallenrollschlange (Anilius scytale), 1701-1705.

Ihre Bilder sind präzise lebendige Darstellungen: Eine Pflanze von Faltern umflogen, Raupen kriechen an ihr hoch, am Boden ringelt sich eine Eidechse. Die Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647-1717) war eine Pionierin der Insektenkunde – und eine außergewöhnliche Frau, ihrer Zeit weit voraus. Am 13. Januar jährt sich ihr Todestag zum 300. Mal.

Merian beobachtete Insekten, züchtete sie, beschrieb und illustrierte die Entwicklungsstadien, etwa beim Schmetterling: vom Ei über Raupe und Puppe bis zum fertigen Falter. Ihren Bildern, in leuchtenden Farben gern auf hochwertigem Pergament gemalt, stellte sie erläuternde Begleittexte an die Seite. Im 17. und 18. Jahrhundert war Blumen- und Insektenmalerei zwar ein anerkanntes Betätigungsfeld für Frauen; aber dazu Forschung zu betreiben, so wie Merian es tat – das war neu und unerhört.

Am 2. April 1647 kam sie in Frankfurt als Tochter des Kupferstechers Matthäus Merian auf die Welt. Die aus der Schweiz stammende Familie betrieb eine Druckerei mit Verlag, der Matthäus Merians beliebte Städteansichten herausbrachte. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde der Blumen- und Stilllebenmaler Jakob Marell Maria Sibyllas Stiefvater und führte die Werkstatt weiter.

Links Maria Sibylla Merian um 1700: Kupferstich von Jakob Houbraken nach einem Porträt des Schweizer Barockmalers Georg Gsell (1673-1740). Rechts eines ihrer Blätter über die Schmetterlingswelt Surinams.
Links Maria Sibylla Merian um 1700: Kupferstich von Jakob Houbraken nach einem Porträt des Schweizer Barockmalers Georg Gsell (1673-1740). Rechts eines ihrer Blätter über die Schmetterlingswelt Surinams.

Marell erkannte die Begabung des Mädchens, förderte seine Wissbegier und lehrte es Malen, Zeichnen und Kupferstechen  – gegen den Einfluss der Mutter, die für die Tochter die klassische Hausfrauenrolle vorsah. Schon als Kind experimentierte Maria Sibylla mit Seidenraupen. 18-jährig heiratet sie Johann Andreas Graff, Mitarbeiter der Merianschen Druckerei, und zieht mit ihm nach Nürnberg.

Bald Mutter zweier Töchter, betreibt sie im Garten der Familie intensive Naturstudien, die sie mit Bildern dokumentiert. So entsteht nach und nach Merians erstes großes Werk: »Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung – Von Maria Sibylla Gräffin fleissig untersucht, kürzlich beschrieben, nach dem Leben abgemalt, ins Kupfer gestochen und selbst verlegt«.

Das Buch im Selbstverlag herauszugeben war ein finanzielles Abenteuer, das glückte. Die Arbeit am Raupenbuch begleitete Merian durch ihr ganzes Leben. Es erschien in drei Teilen, 1679, 1683 und posthum 1717, von der Tochter Dorothea Maria herausgegeben.

Immer ging Maria Sibylla Merian ihren eigenen Weg. Nach dem Scheitern der Ehe übersiedelte sie 1685 mit den Töchtern Johanna Helena und Dorothea Maria in die Niederlande, die im 17. Jahrhundert ein Anziehungspunkt für fortschrittliche Geister waren. Künstler, unorthodoxe Denker, religiös oder politisch Verfolgte fanden hier eine Heimat.

Die Frau auf dem 500-Mark-Schein: Merian-Porträt nach einer Radierung des Basler Künstlers Johann R. Schellenberg (1740-1806).
Die Frau auf dem 500-Mark-Schein: Merian-Porträt nach einer Radierung des Basler Künstlers Johann R. Schellenberg (1740-1806).

Merian, die sich zunächst einer protestantischen Gemeinschaft anschloss, sah die Chance, sich als Malerin und Naturforscherin zugleich entfalten zu können. Ihr Interesse für tropische Insekten brachte die Forscherin 1699 dazu, »eine große und teure Reise zu unternehmen, nach Surinam, um dort meine Beobachtungen fortzusetzen«, wie sie es selbst beschrieb.

Diesem Abenteuer verdankt sich Merians anderes großes Werk »Metamorphosis Insectorum Surinamensium«. Drei Monate dauert die beschwerliche Fahrt der 52-Jährigen in die niederländische Kolonie in Südamerika. Dort stößt Merians Forschungsvorhaben auf Unverständnis, kennen und schätzen die Kolonialherren doch nur den dank Sklavenausbeutung äußerst profitablen Zuckerrohranbau. »Die Menschen dort verspotten mich, dass ich etwas anderes in dem Land suche als Zucker«, schreibt Merian.

Sie lernt kreolisch, zieht mit Tochter Dorothea und von Einheimischen unterstützt in den Dschungel. Dort sammelt und präpariert sie exotische Insekten und deren Futterpflanzen, beschreibt, zeichnet: Palmbohrer-Käfer oder Korallenspinner auf Maniok, Ananas oder Pampelmuse.

Bis heute fasziniert, wie sie ihre Beobachtungen bildlich umsetzt. So sind auf einem Guajavebaum glänzende Ameisen, diverse Spinnen und ein Kolibri – Letzteren attackiert eine haarige Vogelspinne – so angeordnet, dass man wieder und wieder hinschaut, um die Inszenierung zu erfassen.

Nach drei Jahren in den Tropen erkrankt Merian an Malaria und reist schweren Herzens zurück nach Amsterdam. Im Gepäck hat sie kostbare Präparate und Bilder. Sie tragen zur ihrem Lebensunterhalt bei, ebenso wie Auftragsbilder und Malunterricht. Im Jahr 1705 erscheint das »Insektenbuch« in Niederländisch und Lateinisch. Es macht sie zu einer Berühmtheit, mit der Gelehrte sich gerne austauschen. Carl von Linné benannte Schmetterlinge und Käfer nach ihr.

Am 13. Januar 1717 stirbt Maria Sibylla Merian an den Folgen eines Schlaganfalls. In Wiesbaden ist nun aus Anlass ihres 300. Todestags bis zum 9. Juli eine große Maria-Merian-Ausstellung zu sehen.

 

INFO: Museum Wiesbaden: Maria Sibylla Merian – Kabinettausstellung. 13. Januar bis 9. Juli 2017. ­Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag, 10-20 Uhr, Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag: 10-17 Uhr. Eintritt: 10 Euro, 7 Euro ermäßigt.

INTERNET: museum-wiesbaden.de

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