19.03.2017
Schriftsteller Martin Walser

Walser: Krisenstimme vom Bodensee

Martin Walser ist einer der einflussreichsten und streitbarsten deutschen Schriftsteller. Wie kaum ein anderer stand er für den Neubeginn der Republik. Mit seinen politischen Äußerungen hat er Debatten ausgelöst – und heftige Kritik auf sich gezogen.
Martin Walser 2013.
Martin Walser 2013.

Er ist einer der prägenden Autoren der deutschen Nachkriegszeit: Martin Walser. Viele Kontroversen sind mit seinem Namen verbunden – selber sagt er: »Ich glaube schon, dass ich immer friedlich war, aber ich konnte es nicht sagen. Ich musste immer etwas behaupten.« Am 24. März 2017 wird er 90 Jahre alt.

Walser kam 1927 in Wasserburg am Bodensee als Sohn eines Gastwirts zur Welt. Den Zweiten Weltkrieg lernte er noch als Jugendlicher an der Front kennen. Er wurde kurz vor Ende des Kriegs eingezogen und zählte wie Günter Grass zur Generation der »Flakhelfer«. Er hat mehr als 20 Romane geschrieben, dazu zahlreiche Theaterstücke und Essays.

Nach dem Krieg setzte er seine Ausbildung fort, schloss sein Studium in Regensburg und Tübingen mit einer Promotion über Franz Kafka ab. Schon als Student verfasste er Hörspiele und Texte für das Fernsehen. Bald folgten Erzählungen und 1957 der Roman »Ehen in Philippsburg«, der ihn in der literarischen Szene der Republik zu einem der hoffnungsvollsten Autoren der jungen Generation machte.

Werke stehen für Neubeginn der Bundesrepublik

Walser wurde zu den Tagungen der einflussreichen Schriftstellervereinigung »Gruppe 47« eingeladen. Er traf dort Günter Grass, Heinrich Böll, Marcel Reich-Ranicki und teilte den Anspruch der Gruppe, einen literarischen Neuanfang zu unternehmen.

Mit seinen ersten Werken stand Walser wie kaum ein anderer für den Neubeginn in der Bundesrepublik. Nazi-Diktatur und Krieg tauchten kaum in seinen Büchern auf. Walser beschrieb die Welt der Rechtsanwälte, Ärzte, Journalisten, wie sie sich in den Städten des Wirtschaftswunders herausgebildet hatte. Der wirtschaftliche Erfolg ist in »Halbzeit« (1960), »Das Einhorn« (1966) oder »Der Sturz« (1973) der Maßstab, an dem das Leben der Figuren gemessen wird – und an dem sie scheitern. Walser beschrieb immer wieder den Prozess, in dem hochfliegende Erwartungen allmählich von der Gesellschaft klein gearbeitet werden: »Dabei ging ich so vor, dass ich die größten und höchsten, die atemberaubenden, das gegenwärtige Leben vergiftenden Erwartungen immer zuerst erledigte. Meistens hatte ich bis nach Mitternacht zu tun, bis ich die kleinsten umgebracht hatte, denn die kleinsten sind die zähesten.«

Konzentration auf die Mittelschicht

In seiner Literatur konzentrierte er sich auf die Mittelschicht. Politisch allerdings bewegte er sich nach links. Er warb für die Kanzlerschaft Willy Brandts (SPD), sympathisierte mit der DKP, reiste nach Moskau und protestierte mit den Studenten der 68er-Bewegung gegen den Vietnamkrieg der US-Amerikaner. Für die Literatur aber galt immer sein Satz: »Eine Meinung ist für einen Erzähler ein Kurzschluss.«

Privat blieb Walser seiner Heimat am Bodensee treu. Dort lebt er bis heute – reisefreudig bis ins hohe Alter, wenn er immer wieder durch die Republik tourt, seine neuen Bücher vorstellt und sich in kulturelle Debatten stürzt. Zurzeit ist er mit seinem jüngsten Werk »Statt etwas oder Der letzte Rank« auf Lesereise.

Auch sein berühmtestes Buch »Ein fliehendes Pferd« (1978) spielt am Bodensee. Es geht um die klassischen Walser-Themen: Ein beschauliches Leben in leicht gehobenen sozialen Verhältnissen gerät in eine Krise. Liebe und Beruf bieten keinen Ausgleich, sondern führen nur tiefer in den seelischen Zwiespalt.

Ein fliehendes Pferd

Marcel Reich-Ranicki nannte die Novelle »sein reifstes, sein schönstes und bestes Buch«. »Ein fliehendes Pferd« wurde zum Bestseller und Walser zum ersten Chronisten der Republik. Doch Ende der 80er-Jahre begann sich das Blatt zu wenden und Walser geriet in die Kritik. An der Novelle »Dorle und Wolf« (1987) bemängelten Kritiker, er setze zu sehr auf die nationale statt die soziale Karte.

Mit seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 stand Walser vollends im Zentrum öffentlicher Polemiken. Über die Nazi-Zeit und den Holocaust hatte er gesagt: »Wenn mir jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken.«

Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden, warf ihm daraufhin »geistige Brandstiftung« vor. Für Walser begannen unruhige Zeiten, immer wieder wurde ihm latenter Antisemitismus vorgehalten. Als er 2002 in dem Roman »Tod eines Kritikers« mit Marcel Reich-Ranicki abrechnen wollte, folgte eine erregte öffentliche Debatte, an deren Ende Walser vom Suhrkamp- zum Rowohlt-Verlag wechselte.

In den folgenden Jahren war der Schriftsteller um Ruhe und Ausgleich bemüht. In mehreren Werken setzte er sich auch mit religiösen Fragen auseinander.

Einmal schrieb er: »Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte.« Dieser Satz könnte auch über Martin Walsers Lebenswerk stehen.

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