24.05.2017
Ausstellung »Luther und die Avantgarde«

Zeitgenössische Kunst in alten Wittenberger Gefängniszellen

Im ehemaligen Wittenberger Gefängnis zeigen 66 Künstler ihre Werke zu Themen, die schon den Reformator Martin Luther 1517 umgetrieben haben: eine hochkarätig bestückte Schau der Gegenwartskunst zum Reformationsjubiläum.
Plakate »Luther und die Avantgarde« - Wittenberg, Berlin, Kassel.
Luthers Tintenklecks und die moderne Kunst: die Plakate zu den drei Ausstellungen in Wittenberg, Berlin und Kassel. Das Motiv greift eine Aktion des Künstlers Bazon Brock auf. Der hatte 2009 auf der Wartburg Luthers legendären Wurf seines Tintenfasses nach dem Teufel nachgestellt, der an der Wand einen blauen Tintenfleck an der Wand hinterlassen haben soll. Aktionskunst oder Glaubensakt? Es kommt nur auf die Perspektive an. Das Ergebnis kann sich gleichen.

 

Werke von Künstlern internationalen Rangs wie Markus Lüpertz, Richard Jackson und Ai Weiwei sind bis 17. September im Alten Gefängnis in Wittenberg zu sehen. Es sind Arbeiten, die sich auf Ideen der Reformation beziehen.

An der Ausstellung »Luther und die Avantgarde«, die bis zum 17. September zu sehen ist, beteiligten sich 66 Maler, Bilderhauer und Konzeptkünstler, die teils ganze Zellen neu gestalteten. Sie hätten »diesen Negativort verwandelt und die kargen feuchten Zellen, an denen Schicksale stattgefunden haben, zu einem Ort der Kunst gemacht, an den man gerne geht«, sagte Ausstellungsmacher Walter Smerling.

Zur Annäherung gehören Themen wie Freiheit, Widerstand und Anpassung. Bereits auf dem Weg zum Alten Gefängnis in der Altstadt fallen plakatierte Litfaßsäulen auf. Darauf sind Verschmelzungen jugendlicher Körper mit Fotos bekannter Menschen zu sehen: Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir, Oskar Schindler. Die Namen stehen aus der Perspektive junger Menschen, die Johanna Reich zu ihren Vorbildern befragt hat, für »Resistance« (Widerstand).

 

Das Alte Gefängnis Wittenberg mit der Installation »0,000672 Megapixel – Citizen To Be Seen From Mars« von Achim Mohné, 2017 (»Luther und die Avantgarde«).
Ausstellungsort für »Luther und die Avantgarde« ist das Alte Gefängnis Wittenberg - hier mit der Installation »0,000672 Megapixel – Citizen To Be Seen From Mars« von Achim Mohné, 2017.
Jonathan Meese inmitten seiner Arbeit »ERZTARZAN’S ZELLE, DIE 95 KUNSTTHESEN DESTEUFELS(BABIES) ALASKA KIDADDY MACHT DAS RENNEN „K.U.N.S.T.“ (M.E.E.S.E. IST JOHNNY SINCLAIR)«, 2017, Mischtechnik (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
Der Künstler Jonathan Meese in der von ihm gestalteten Zelle mit der Arbeit »ERZTARZAN’S ZELLE, DIE 95 KUNSTTHESEN DESTEUFELS(BABIES) ALASKA KIDADDY MACHT DAS RENNEN „K.U.N.S.T.“ (M.E.E.S.E. IST JOHNNY SINCLAIR)«, 2017, Mischtechnik. Meese gehört zu den bedeutendsten, aber auch umstrittensten deutschen Gegenwartskünstlern.
Ai Weiwei: Man In A Cube, 2016 (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
Ai Weiwei: Man In A Cube, 2016. Zwei Teile, je 150 x 105 x 52,1 cm.
Marzia Migliora: Schuld, 2017. Ortsspezifische Installation mit Schließfächern, Messingleiter, Spiegel, Barrisol (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
Marzia Migliora: Schuld, 2017. Ortsspezifische Installation mit Schließfächern, Messingleiter, Spiegel, Barrisol.
Stephan Balkenhol: Nackter Mann, 2017. Zedernholz, farbig gefasst, 179 x 87 x 45 cm (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
Stephan Balkenhol: Nackter Mann, 2017. Zedernholz, farbig gefasst, 179 x 87 x 45 cm.
Sun Xun bei der Arbeit an seiner Zelleninstallation »Protestant, 2017« (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
Sun Xun bei der Arbeit an seiner Zelleninstallation »Protestant, 2017« (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
robotlab - bios [bible], 2007. Roboterinstallation, 6 x 3 x 1,5 Meter (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
robotlab - bios [bible], 2007. Roboterinstallation, 6 x 3 x 1,5 Meter.
Monica Bonvicini: Bent in Shape (Detail), 2017. Teil der Gesamtinstallation Erhellung, 2017 Neonröhren, Seil, Kabel, Stahlgestell (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
Monica Bonvicini: Bent in Shape (Detail), 2017. Teil der Gesamtinstallation Erhellung, 2017 Neonröhren, Seil, Kabel, Stahlgestell.
Das alte Gefängnis in Wittenberg mit der Skulptur »Boxhandschuh« (2016) von Erwin Wurm (»Luther und die Avantgarde«).
66 Künstlerinnen und Künstler für »Luther und die Avantgarde«: das alte Gefängnis in Wittenberg mit der Skulptur »Boxhandschuh« (2016) von Erwin Wurm. Bronzeguss, patiniert, 146 × 130 × 125 cm.
Achim Mohné: »0,000672 Megapixel – Citizen To Be Seen From Mars«, 2017 (»Luther und die Avantgarde«, Wittenberg).
Achim Mohné: »0,000672 Megapixel – Citizen To Be Seen From Mars«, 2017. Bodenarbeit, 12 × 14 Meter, 672 Betonplatten, 11 Grautöne.

 

Wittenberg, Kassel, Berlin

Vor dem Hofportal zum Gefängnis dann eine lebendige Frau in Schwarz auf einem schwindelnd hohen Pfeiler aus Holz: Ein Versuch der Russin Olya Kroytor, Stabilitätssuche in einer sich stets wandelnden Wirklichkeit auszudrücken, wie es auf einer Erklärtafel heißt.

Martin Luther sei im 16. Jahrhundert in soziokultureller Hinsicht ein Avantgardist gewesen, sagte Smerling. Der Mönch und Reformator habe Wesentliches verändert, eine Vorreiterrolle eingenommen. Die Ausstellung am Ausgangsort der Reformationsbewegung von 1517 frage danach, wer 2017 die Menschen sind, die vorausgehen.

Smerlings Kollegin Susanne Kleine von der Bundeskunsthalle in Bonn lobte »das große und wunderbare Angebot der Künstler, Themen wie Innovation, Digitalisierung oder Reformation unter neuen Aspekten zu durchdenken«. Auch Künstler ohne religiösen Hintergrund hätten sich von Luthers Gedanken zur individuellen Freiheit oder zu herrschenden Machtsystemen beeindruckt gezeigt und »unterschiedliche Herangehensweisen an Probleme gefunden, die uns alle angehen«, sagte die Kunsthistorikerin Dan Xu, die als Kuratorin unter anderen die Künstler aus dem asiatischen Raum begleitete.

Anfang März hatte die künstlerische Gestaltung der Ausstellungsräume begonnen. Den ersten Pinselstrich machte noch am selben Tag der deutsche bildende Künstler und Atheist Jörg Herold. In seine hellblau gefärbte Zelle ritzte er die »99 schönsten Namen Allahs«, um seinen Wunsch nach Erkenntnisgewinn auszudrücken. Der zum Katholizismus konvertierte Markus Lüpertz zeigte sich fasziniert von der Ambivalenz und Vielschichtigkeit Luthers und präsentiert einen einarmigen, nur mit einer Kapuze bekleideten Mann mit Buch.

 

Die Kasseler Karlskirche (links) und die Berliner St.-Matthäus-Kirche (rechts, mit dem Künstlerpaar Gilbert & George) sind die beiden weiteren Ausstellungsorte von »Luther und die Avantgarde«. Kassel: Thomas Kilpper, Ein Leuchtturm für Lampedusa!, 2008–2017.
Die Kasseler Karlskirche (links) und die Berliner St.-Matthäus-Kirche (rechts, mit dem Künstlerpaar Gilbert & George) sind die beiden weiteren Ausstellungsorte von »Luther und die Avantgarde«. Kassel: Thomas Kilpper, Ein Leuchtturm für Lampedusa!, 2008–2017, Stahl, Kunststoff ehemaliger Flüchtlingsboote und Licht, ca. 600 x 550 x 500 cm.
Gilbert & George: »Priestley - a scapegoating picture« (Priestley - ein Sündenbockbild), 2013 (»Luther und die Avantgarde«, Berlin).
Gilbert & George: »Priestley - a scapegoating picture« (Priestley - ein Sündenbockbild), 2013 (»Luther und die Avantgarde«, Berlin).
Gilbert & George: »Vallance Road - a scapegoating picture« (Vallance Road - ein Sündenbockbild), 2013 (»Luther und die Avantgarde«, Berlin).
Gilbert & George: »Vallance Road - a scapegoating picture« (Vallance Road - ein Sündenbockbild), 2013 (»Luther und die Avantgarde«, Berlin).

 

Snowdens Bild für die Satelliten-Überwachungskameras

Auch auf dem Terrain um das Gefängnis herum sind Installationen zu entdecken, wie ein Mosaik aus verschiedenfarbigen Steinplatten von Achim Mohné: Von oben sollen Satellitensysteme und somit die Navigationssysteme im Internet das verpixelte Bild des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden aufnehmen.

Der Großteil der Arbeiten von Meistern wie Ai Weiwei, Richard Jackson, Isa Genzken, Stephan Balkenhol, Ayse Erkmen, Erwin Wurm oder Ilya und Emilia Kabakov ist nach Angaben des Kuratoriums eigens für den Ort und Zweck geschaffen worden. Das Alte Gefängnis aus dem Jahr 1900 wurde dazu nach einigen Jahrzehnten des Leerstands saniert. »Alle Werke, die wir hier präsentieren, haben in diesen Zellen eine ganz andere Intensität und Dimension als in üblichen Ausstellungsräumen«, sagte der Kurator.

In seinem Katalog-Beitrag formuliert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm: »Die revolutionäre Chance der Kunst liegt in ihrer Möglichkeit, anders zu sein. (...) Sie kann Mauern öffnen, indem sie mit unseren Sehgewohnheiten bricht.«

»Luther und die Avantgarde« ist Teil der Wittenberger Weltausstellung zum 500. Reformationsjahr. Im Sommer 2017 ist die Schau eine von vier Attraktionen, die an allen Wochentagen geöffnet ist. Zwei Außenstellen in der Berliner Matthäus-Kirche und der Karlskirche in Kassel sind ebenfalls Teil des Projekts. Die EKD ermöglichte die Ausstellung finanziell.

 

LUTHER UND DIE AVANTGARDE

WITTENBERG
ZENTRALE AUSSTELLUNG 66 KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER

Altes Gefängnis / Ehemalige Haftanstalt Berliner Straße
Berliner Straße / Ecke Lucas-Cranach-Straße
06886 Wittenberg

Öffnungszeiten: Mo-So, 10-19 Uhr
Eintritt: 7 Euro (5 Euro ermäßigt), Kinder bis 12 Jahre frei
Kombiticket Weltausstellung Reformation: 19 Euro (14 Euro ermäßigt)
Tickets vor Ort oder unter www.r2017.org/eintritt

 

BERLIN
GILBERT & GEORGE

St. Matthäus-Kirche
Matthäikirchplatz 1
10785 Berlin
www.stiftung-stmatthaeus.de

Öffnungszeiten: Di-Sa 11-18 Uhr
So Gottesdienst um 18 Uhr, anschließend bis 20 Uhr

Eintritt frei


KASSEL
SHILPA GUPTA
SOWIE THOMAS KILPPER & MASSIMO RICCIARDO

Karlskirche
Karlsplatz
34117 Kassel
www.ekkw.de

Öffnungszeiten: Mo-Sa, 10-20 Uhr
So Gottesdienst, anschließend bis 20 Uhr

Eintritt frei

 

Trailer zur Ausstellung »Luther und die Avantgarde« - gefolgt von Kurzinterviews mit Jonathan Meese, Stephan Balkenhol, Markus Lüpertz und Bazon Brock.
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