01.02.2017
Evangelisches Fernsehen

20 Jahre »Lebensformen« auf Sat.1 Bayern

Wie kommt bayerisch-evangelisches Fernsehprogramm auf einen Sender wie Sat.1? Die ganz kurze Geschichte des evangelischen Beratungsmagazins »Lebensformen« im Regionalfenster Sat.1 Bayern geht so: Es begann mit einer Zwangsheirat. Doch nach 20 Jahren lautet die Bilanz: Heute ist es Liebe.
Lebensformen - Logo der Sendung und Collage von Stills.
20 Jahre oder 240 Sendungen: 1997 ging das evangelische Beratungsmagazin »Lebensformen« an den Start.

Alexander Stöckl, Chefredakteur des Regionalfensters Sat.1 Bayern war schon damals, 1997, dabei. »Es war keine einfache Symbiose«, erinnerte er sich bei einer Lebensformen-Jubiläumsfeier im Münchner Evangelischen Presseverband. Es gab da dieses monatliche evangelische Programmfenster von 24 (heute 18) Minuten, in dem die Privatfernsehmacher wenig mehr sahen als eine lästige »Programmauflage, mit der man zurechtkommen muss«.

Er selbst sah sich ständigen Nörgeleien und Forderungen vom bundesweiten Privatsender ausgesetzt. Denn bereits die eigene Existenz als Regionalmagazin war und ist eine Programmauflage der Landesmedienzentrale. Sie soll dafür sorgen, dass im privaten Gesamtprogramm für täglich eine halbe Stunde die Region nicht zu kurz kommt. Auch für TV-Laien ist begreiflich, dass ein Programmfenster im Programmfenster keine ganz einfache Konstellation ist.

»Wir waren die öffentlich-rechtliche Laus im Pelz des privaten Regionalfernsehens«, erinnerte sich Johanna Haberer. Die frühere Sonntagsblatt-Chefredakteurin und heutige Erlanger Professorin für Christliche Publizistik hatte vor 20 Jahren die kommissarische Verantwortung für den Sendeplatz inne. In ihrem Pasinger Wohnzimmer entstand damals das Konzept für eine neue Sendung.

Es waren zwar nicht mehr die anarchischen Anfangszeiten im »Tutti-Frutti«-Privatfernsehen, doch das evangelische Programm, das den verordneten Sendeplatz füllte, nahm auf das boulevardeske Sat.1-Umfeld fast schon aus Prinzip wenig Rücksicht und sorgte für harte Kontraste. Ständig gab es Ärger mit dem Muttersender, der sich über das »Umschaltprogramm« mokierte. Nun sollte ein Magazin­format mit Moderatorin »dem Audience-Flow«, also den Publikumserwartungen bei Sat.1, stärker als bisher entgegenkommen.

Lebensformen Mai 2016: Neuanfang mit Musik - Emmason aus Nigeria im Tegernseer Männerchor.
Die ganze Familie von Emmason aus Nigeria wurde von Boko-Haram-Terroristen ermordet. Heute singt er als schwarzes Gesicht unter lauter weißhaarigen Kollegen im Tegernseer Männerchor (Sendung Lebensformen vom 28. Mai 2016).

Heimatfernsehen im besten Sinn

Herz des Konzepts sei laut Haberer diese Idee gewesen: »Keine Institution ist in den geschlossenen Räumen dieser Gesellschaft so präsent wie die Kirche: in Krankenhäusern, in der Psychiatrie, im Gefängnis. Sie hat Zutritt zu den Menschen im Ausnahmezustand.« Und: »Es gibt keine Institution, die so viele kompetente Menschen ausweisen kann, die wissen, wie man mit Abgründen, Schicksalsschlägen, Niederlagen im Leben umgehen kann.«

Der erfahrene Hörfunk- und Fernsehjournalist Arnold Meyer-Lange (1941-2007) setzte das Format eines evangelischen Beratungsmagazins gegen Widerstände durch und machte es dauerhaft erfolgreich. Er leitete die Sendung bis zu seinem Tod 2007. Inzwischen sind es 20 Jahre und 240 Sendungen, in denen Lebensformen sehenswerte Geschichten von biografischen Neuanfängen, Aufbrüchen des Lebens, vom Licht am Ende des Tunnels erzählt hat.

Lebensformen ist christliches Heimatfernsehen im besten und überhaupt nicht volkstümelnden Sinn – mit Protagonisten, die in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel Emmason aus Nigeria, dessen ganze Familie von Boko-Haram-Terroristen ermordet wurde und der heute als schwarzes Gesicht unter lauter weißhaarigen Kollegen im Tegernseer Männerchor begeistert bayerische Gstanzl singt.

Zwang und Liebe

Für Siegfried Schneider (CSU), den katholischen Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), ist das evangelische Fernsehmagazin »eine Bereicherung der bayerischen Fernsehlandschaft«, weil es neben den oft schnelllebigen und oberflächlichen Informationen »den Blick über den Tellerrand, über den Tag hinaus und ein Stück Werteerziehung« leiste.

Man darf, was Johanna Haberer als »öffentlich-rechtlich« bezeichnete, getrost mit Qualität übersetzen. Lebensformen muss jedenfalls den Vergleich mit Magazinen wie 37 Grad (ZDF) oder Lebenslinien (BR) nicht scheuen. Und eine »Laus im Pelz« ist das evangelische Magazin längst nicht mehr.

»Die ganze Sache hat sich, ich hätte es nicht gedacht, zu einer sehr, sehr positiven und fruchtbaren Kooperation entwickelt«, gestand Sat.1-Bayern-Mann Stöckl – und ließ ein flammendes Plädoyer für mehr Qualitätsjournalismus folgen. »Immer weniger Redakteure heißt immer weniger Recherche heißt immer weniger Qualität«: In Zeiten von »Lügenpresse«-Vorwürfen und von den Netzmedien beförderten Fake-News müsse man sich dieser Entwicklung entgegenstellen. »Wir brauchen Qualitätsjournalismus – und Sie bei Lebensformen betreiben diesen Qualitätsjournalismus«.

 

Im Internet unter www.lebensformen-tv.de: »Lebensformen – das Magazin des Evangelischen Fernsehens«, ist immer am letzten Samstag des Monats um 17 Uhr auf Sat.1 Bayern zu sehen. Thema der nächsten Sendung (25. Februar): »Ein neues Leben in Freiheit«.

Alle Lebensformen-Sendungen der letzten zwölf Monate stehen in der Mediathek von Sat.1 Bayern (Archiv oder Sucheingabe »Lebensformen«).

Lebensformen-Moderatorin Christine Büttner im Studio.
Moderatorin Christine Büttner im Lebensformen-Studio.
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Sonntagsblatt