16.08.2017
Kommentar

Der Rückzug der Seenotretter und Europas Schuld

Gespenstische Stille: Mit dem Rückzug der Seenotretter offenbart sich Europas Schuld. Kommentar von Gabriele Ingenthron
Seenotrettung im Mittelmeer.
Flüchtlings-Friedhof Mittelmeer: Die Schiffe der privaten Seenotretter stehen der Politik im Weg. Je mehr Schiffe unterwegs sind, desto mehr lohnt es sich für Schleuser, Migranten auf die lebensgefährliche Reise zu schicken. Aber wenn sie fehlen, werden nachweislich wieder mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken.

 

Noch vor Kurzem gab es keine ruhige Minute für die Retter, die am Rande der libyschen Hoheitsgewässer kreuzten. Tag und Nacht bargen sie Tausende von Menschen aus den Fluten, weil im Sommer Hochsaison für die Flucht in Richtung Italien ist. Doch am vergangenen Wochenende haben auch die Regensburger Seenotretter der »Sea Eye« ihre Fahrten eingestellt. Wie zuvor schon »Ärzte ohne Grenzen«.

Grund ist eine veränderte Sicherheitslage im Mittelmeer. Die libysche Regierung kündigte an, ihre Hoheitsgewässer auszuweiten. Libysche Sicherheitskräfte hätten sogar schon auf Hilfsschiffe geschossen, hieß es.

Ist es nun also ruhig geworden im Mittelmeer? Ja, denn es herrscht eine gespenstische Stille, weil sich die letzten Zeugen der humanitären Katastrophe im Mittelmeer, die Retter, zurückgezogen haben. Sie hinterlassen eine tödliche Lücke. Denn das Sterben wird weitergehen. Oder glauben wir etwa, dass die Flucht übers Mittelmeer inexistent wird, nur weil sie aus den Schlagzeilen verschwindet?

Laut Innenministerium in Rom sind in diesem Jahr bereits mehr als 73 000 Menschen in Italien gelandet. Wie viele Migranten noch in Libyen warten, dazu gibt es keine sicheren Zahlen, laut Schätzungen sind es aber bis zu zwei Millionen.

Die meisten Flüchtlinge, die nach Europa wollen, landen in Lagern, in denen katastrophale hygienische Zustände herrschen. Misshandlungen, Vergewaltigungen und Erpressung sind verbreitet. Was Migranten dort durchmachen, lässt sie die Gefahren der Überfahrt auf sich nehmen.

Damit offenbart sich die ganze Absurdität der europäischen Flüchtlingspolitik. Erst wurde die Balkan-Route geschlossen, dann folgte der Deal mit dem türkischen Autokraten Erdogan. Nun setzen Europas Politiker auf die Zusammenarbeit mit den nordafrikanischen Transitländern. Libyen soll zum Bollwerk gegen den Flüchtlingsstrom werden. Libyen, war das nicht dieser kaputte Staat, in dem Milizen, Schmuggler und Kriminelle einander blutig bekriegen? Darauf soll nun das Grundrecht fußen, auf das die Europäer so stolz sind: das Recht auf Asyl?

Ein weiterer Sommer zieht ins Land, in dem Europas Schuld schwerer wiegt. Die NGO-Schiffe stehen der Politik im Weg: Je mehr Schiffe, desto mehr Schleuser. Aber auch desto weniger Tote in den Fluten. Wie wollen wir davor die Augen verschließen? Wie viele Fotos von an Land gespülten Leichen sind nötig, um einzusehen, dass die mutmaßliche libysche Lösung eine Sackgasse ist? Geflüchtet wird jeden Tag, auch jetzt, in diesem Moment.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblattredakteurin Gabriele Ingenthron: gingenthron@epv.de

 

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