21.06.2017
Kommentar

Zu schwache Lobby fürs Soziale

Warum soziale Berufe mehr Anerkennung verdient haben. Kommentar von Stephan Bergmann
Erzieherin im Kindergarten.
Gerade in einem Wahljahr mit prall gefülltem Staatssäckel sollten die Menschen die Politik daran erinnern, dass soziale Daseinsfürsorge eine Kernaufgabe ist – mit Blick auf die Finanzierung, aber auch auf das Wertschätzen von Berufen und Mitarbeitern im Sozialbereich.

 

Du hast keine Lobby, aber nutze sie. So ähnlich muss es häufig sozialen Dienstleistern in den Ohren klingen, wenn es um ihre Belange im politischen Berlin geht.

Anderen geht es da besser: Von der Autoindustrie bis zur Versicherungswirtschaft ist Lobbyarbeit schon eher von Erfolg gekrönt.

Der hohe gesellschaftliche Nutzen vieler sozialer Dienste hingegen entspricht nicht ihrer Wertschätzung durch Staat und Kostenträger. Und das wiederum beeinflusst Jobsuchende und Auszubildende bei ihrer Berufswahl. Diese ist ja auch ein Reflex auf das öffentliche Image, auf Bezahlung und Arbeitsbedingungen.

Umso alarmierender ist der Nachwuchs- und Stellenmangel vor allem in den Berufen, die ganz nahe am Menschen orientiert sind. Von der Kita über die Jugend- und Sozialarbeit bis hin zu Krankenhäusern und Altenheimen gibt es Stress wegen Überlastung des Personals bei niedrigen Gehältern und chronischem Mangel an Finanzen und Fachkräften.

Besonders krass sieht es bei den Erzieherinnen und beim Pflegepersonal aus: Bis zu 40 000 Erzieher sollen in Deutschland immer noch fehlen, und im Pflegebereich könnte schon in einigen Jahren die Versorgungslücke bei 150 000 Vollzeitkräften liegen.

Der demografische Wandel mit seiner Alterspyramide ist eine der größten Herausforderungen für unseren Sozialstaat. Deshalb müssen mehr Angebote und damit auch mehr Personal für den ambulanten wie stationären Bereich und für neue Formen des betreuten Wohnens her.

Ebenso herausfordernd sind allerdings auch die Begleiterscheinungen der digitalen Revolution auf die frühkindliche Sozialisation. Das Einüben von respektvollem Umgang, die Immunisierung gegen Abstumpfung und Verrohung erfordern viel Personal und hohe Professionalität. Derweil rangiert der verantwortungsvolle Erzieherberuf bei Ansehen und Gehalt weiterhin hinter den Lehrern.

Es ist vor allem den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden und den Gewerkschaften zu verdanken, dass sie trotz oft bescheidener Erfolgsaussichten immer wieder den Finger in die Wunden des Sozialstaats legen.

Allerdings hat selbst die jüngste Pflegereform in Sachen Personalbudget kaum Fortschritte gebracht. Und auch im Kitabereich herrscht trotz inzwischen besserer Rahmenbedingungen vielerorts immer noch Notstand.

Gerade in einem Wahljahr mit prall gefülltem Staatssäckel sollten die Menschen die Politik deshalb daran erinnern, dass soziale Daseinsfürsorge eine Kernaufgabe ist – mit Blick auf die Finanzierung, aber auch auf das Wertschätzen von Berufen und Mitarbeitern im Sozialbereich.

Soziale Arbeit ist kein Selbstläufer. Sie braucht eine stärkere Lobby.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Gastkommentator Stephan Bergmann: sonntagsblatt@epv.de

 

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