15.07.2015
Pflege mal anders

Beauty-Nachmittag für Senioren

»Pflege der Seele« nennt die Heimleiterin das Angebot. Es soll mehr Lebensqualität für die älteren Menschen schaffen.
Kosmetik für Senioren
Szenen wie im Kosmetikstudio: Hannelore A. bekommt von Betreuerin Martha la Rosa Vaillant eine Gesichtsmaske aufgetragen. Die Altenpflegerin ist auch gelernte Kosmetikerin. Sie schminkt die älteren Damen, lackiert ihnen die Fingernägel und frisiert sie. Sogar ein Mann besucht mittlerweile den Beauty-Nachmittag.

Für diesen Nachmittag vergisst Hermine V., dass sie im Altenheim lebt: Entspannt lässt sie sich von Martha la Rosa Vaillant eine Gurkenmaske aufs Gesicht streichen. Während der Einwirkzeit der Schönheitspflege genießt sie eine Handmassage. Sie hat sich für Gurke entschieden - obwohl auch eine Honigmaske sie gereizt hätte. Aber nein - Gurkenmaske, das kennt sie von früher. Aus einer Zeit, als sie noch jünger war und als ihr wichtig war, für andere schön auszusehen.

Welch positive Wirkung es hat, sich selbst zu gefallen, entdeckte Hermine V., als das Seniorenstift St. Michael im Neu-Ulmer Stadtteil Offenhausen den ersten Beauty-Nachmittag für die betagten Bewohnerinnen anbot. Heimleiterin Karmen Batistic Nardin und Betreuerin Martha la Rosa Vaillant, die auch ausgebildete Kosmetikerin ist, entwickelten gemeinsam die Idee solcher Beauty- und Wellness-Nachmittage im Heim als Nachmittagsangebot.

Massieren, Schminken, Frisieren

»Wenn wir es schaffen, die Bewohner für eine Zeit vergessen zu lassen, warum sie in einem Heim untergebracht sind -, wegen gesundheitlicher Beschwerden, Pflegebedürftigkeit oder Schmerzen - wird die Lebensqualität, die im Alter oft ausbleibt, ein Stück weit wiederhergestellt«, erläutert Karmen Batistic Nardin. Angebote wie der Beauty-Nachmittag sollen den Einsatz von Psychopharmaka in der Altenpflege deutlich verringern, indem verstärkt auf die individuelle Biografie der Bewohner und ihre Lebensgewohnheiten eingegangen wird.

Dossier

Pflege & Pflegende

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Es ist eine Szene, wie sie in jedem Kosmetikstudio ablaufen könnte: Leise Entspannungsmusik läuft im Hintergrund. Ein breites Angebot an Kosmetika und Nagellacken steht bereit, es gibt Säfte und Wasser. In der Schale mit angenehm temperiertem Wasser, das für die Gesichtsreinigung vorbereitet ist, schwimmen frische Rosenblüten. Zuvor gibt es eine sanfte Gesichtsmassage.

Etliche der Bewohnerinnen des Seniorenstifts ließen sich in früheren Jahren manchmal von einer Kosmetikerin verwöhnen oder pflegten und schminkten sich selbst gern. Warum soll das Wort »Pflege« im Altersheim allein auf einen Teil seiner Bedeutung reduziert werden? So unerlässlich die pflegerische Arbeit im Altenheim ist: »Man kann das Wort ›Pflege‹ auch anders verstehen, als Pflege der Seele«, sagt Karmen Batistic Nardin: »Wenn man jünger ist, bedeutet das Wort ›pflegen‹ für eine Frau, sich schön zu machen.«

Ewiglich schön

Margarete H. ist dement und zum ersten Mal beim Beauty-Nachmittag. Die Anspannung in ihren Gesichtszügen löst sich zusehends unter der sanften Massage. Die Berührungen, das Auftragen der Cremes wecken Erinnerungen an Kosmetik-Beratungen aus einer Zeit, als sie noch mitten im gesellschaftlichen Leben stand, als das Wort »Altersheim« höchstens mit der eigenen Großtante verbunden war. Sie scherzt mit der Kosmetikerin darüber, dass die Schönheit nun bis zu ihrem 100. Geburtstag reichen werde.

Inzwischen lässt sich Hermine V. die Fingernägel lackieren. »Den Nagellack vom letzten Mal hab ich schon runtergemacht«, sagt sie. »Diesmal will ich einen silbernen.« Wenn der Lack getrocknet ist, warten Kaffee und Kuchen, ehe die zweite Runde - Schminken und Frisieren - des Beauty-Nachmittags ansteht. »Du siehst heute hübsch aus«, lobt lachend eine ältere Dame, die als Nächste an der Reihe ist, ihre Mitbewohnerin nach der Gurkenmaske: »So weiche Haut!« Die Freude der Seniorinnen hat sogar einen der wenigen Männer unter den 42 Bewohnern angesteckt. Auch er besucht den Beauty-Nachmittag - eine Erfahrung, die er zuvor noch nie hatte.

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