10.02.2018
Diakonie in Mittelfranken

Beratungsstelle ALMA: Hilfe bei sexualisierter Gewalt

Eine gute halbe Stunde lang wartet Eva Neuner vor dem Schnellimbiss auf die 14-Jährige, die bei ALMA, der Weißenburger Beratungsstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt angerufen hat und sich mit der Sozialpädagogin treffen wollte. Zwei Stunden später ruft sie dann an und erklärt „Ich war da, wollte Sie aber erst mal aus der Ferne betrachten. Was ich zuhause erlebt habe, kann ich nicht einfach so jemandem anvertrauen.“
ALMA Weißenburg
Eva Neuner (links) und Stephanie Göggerle von der Weißenburger Beratungsstelle ALMA im Gespräch mit Jugenddiakonin Ramona Leibinger, die 1215,01 Euro der Kollekte ihres Einsegnungsgottesdiensts im Oktober 2017 an ALMA spendete.

Eva Neuner spricht dem Mädchen Mut zu. „Schön, dass du nochmal anrufst. Treffen wir uns dann jetzt doch mal?“

Für die Sozialpädagogin ist ein solches Szenario nichts Neues. Wer sich erst einmal getraut hat, die Nummer von ALMA zu wählen, der hat meistens nicht nur Angst oder Wut. Auch Scham spielt eine ganz große Rolle, weshalb manche Erstkontakte mit meist jungen Menschen, die in Familie, Nachbarschaft oder Schule und Beruf sexuelle Übergriffe erlebt haben, ebenso ablaufen wie in dem Fall, den Eva Neuner im Gespräch schildert. Und es ist gerade diese niederschwellige Möglichkeit, mit jemandem über sein Problem zu sprechen, die ALMA ausmacht. „Nicht jeder rennt gleich zum Jugendamt oder zur Polizei. Da spielen auch Bedenken eine Rolle, jemanden zu Unrecht zu denunzieren“, meint Stephanie Göggerle, Leiterin der vom Diakonischen Werk Weißenburg-Gunzenhausen im September 2013 eingerichteten Stelle. Dabei sind es nicht immer die Betroffenen selbst, die sich beim Team anonym melden können. „Kinder kommen erst ab etwa zwölf Jahren selbst. Oft sind es aber auch völlig aufgelöste Mütter oder Omas, die uns um Rat fragen.“

 

Wo Missbrauch beginnt

Es muss dabei nicht immer vollzogener körperlicher Missbrauch sein. „Es beginnt dort, wo sich einer unwohl fühlt, weil sich ein anderer seiner bemächtigt. Und wenn dies immer wieder geschieht und sich der Unterdrücker nicht um sein Opfer und dessen Gefühle schert, dann wird’s ernst“, sagt Neuner. Oft fühlen sich vorwiegend Mädchen von vorwiegend männlichen Personen bedrängt oder sind sich nicht im Klaren darüber, ob es bei dem Erlebten überhaupt mit rechten Dingen zugeht. „Wir fragen dann auch keine Löcher in den Bauch, sonst macht der Betroffene schnell zu“, meint Eva Neuner. Vertrauen müsse langsam aufgebaut werden. Dann wird genau hingeschaut, erläutert, aufgearbeitet.

Klar war damals der Fall, der vor einigen Jahren Eva Neuner und Diakonie-Geschäftsführer Martin Ruffertshöfer überhaupt auf die Idee brachte, die Beratungsstelle zu gründen: Eine Dreijährige hatte Eva Neuner mehr oder weniger von ihrem Onkel erzählt, der mit dem Finger am Intimbereich der Kleinen zugange war. Es war also Zeit zu handeln. ALMA zeigt aber selbst keine Personen an.

Nur in etwa einem Drittel der Fälle entschließen sich Betroffene oder Angehörige überhaupt dazu. Schwer wiegt dann die Furcht vor Begleitumständen. Fragen wie „was sagen die Nachbarn?“ oder „müssen wir weg ziehen?“ werden gewälzt. Das kann auch ein Grund sein, lieber auszuhalten.

 

Handpuppe hilft

Die ALMA-Berater versuchen, erst einmal das Erlebte aufzuarbeiten und die richtigen Weichen mit dem Klienten zu stellen. Manchmal hilft dabei die Handpuppe „Emma“ Kindern und Jugendlichen dabei, das Unaussprechliche in Worte zu fassen. Wer sich öffnet und hier Gehör findet, den begleiten die Pädagogen dann auf Wunsch mit zum Arzt, zur Kriminalpolizei und notfalls auch bis zum Gericht. Im Jahr 2016 wurden 44 Fälle in 290 Sitzungen betreut, die rund anderthalb Stunden dauern. Eva Neuner könnte noch viel mehr Menschen betreuen, der Bedarf ist da – die nächst gelegenen Beratungsstellen sind in Ansbach oder Nürnberg. „Missbrauchsopfer brauchen aber schnelle Hilfe, müssen sofort außer Gefahr kommen und stabilisiert werden“, ist sie überzeugt.

Und dann sind da noch die Fälle, bei denen der Vorfall in der eigenen Familie die alten Dämonen weckt: Mütter, die in ihrer Jugend ebenfalls sexuell missbraucht wurden und nun aus der Bahn geworfen werden, weil das Kind jetzt ähnliches durchlebt. „Manche Traumata werden über Generationen weiter getragen“, wissen die Beraterinnen.

„ALMA“ ist portugiesisch und heißt „Seele“. Genau um die geht es bei der Kriseninterventionsstelle. Wer sich meldet, kann auf absolute Vertraulichkeit bauen. Die Mitarbeiter stehen unter gesetzlicher Schweigepflicht. Das Beratungsangebot ist kostenlos. Das Projekt ist alleine durch Spenden finanziert.

 

Beratungsstelle ALMA

Unter der Telefonnummer 0160/1214542 kann man ALMA rund um die Uhr anrufen und dort entweder jemanden erreichen oder eine Nachricht hinterlassen. Eine Kontaktaufnahme ist auch über die Mailadresse alma@diakonie-wug.de möglich.

 

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