BR-Intendant Wilhelm: Kirchensendungen sind wichtig

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, hat am 1. Januar den Vorsitz der ARD übernommen. Im Gespräch beschreibt er die Perspektiven des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - auch vor dem Hintergrund von Sparzwängen, Digitalisierung und wachsendem Konkurrenzdruck.
BR-Intendant Ulrich Wilhelm
BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen Sendern reißt zur Zeit nicht ab. Werden Sie der letzte Intendant des BR sein?

Wilhelm: Mit Sicherheit nicht! Wir nehmen Kritik natürlich sehr ernst. Es gibt aber auch die erfreuliche Seite der Medaille, und die zeigt: Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Bayern schätzt den BR sehr. Wie Untersuchungen in schöner Regelmäßigkeit ergeben, ist der Bayerische Rundfunk für rund 80 Prozent der Befragten sein Geld wert und für die Gesellschaft insgesamt von großer Bedeutung. Diese Werte gelten im Übrigen in ähnlicher Größenordnung für die gesamte ARD. Im Bewusstsein der Bevölkerung gehört der BR immer noch zu den angesehensten Institutionen im Freistaat, sogar noch vor dem FC Bayern, der Justiz und der Polizei.

Worauf führen Sie dann aber die starke Kritik zurück?

Wilhelm: Diese Kritik beschränkt sich nicht auf Deutschland, sie spiegelt vielmehr eine allgemeine Medien-Diskussion wider, wie sie aktuell in den USA und weiten Teilen Europas läuft. Dabei schlägt vor allem den etablierten Medien  ein Klima der Nervosität und Gereiztheit entgegen. Immer mehr Menschen neigen dazu, sich sofort zu empören und aufzuregen, ein kleines persönliches Erlebnis wird schnell zur Beurteilung und Einordnung des Großen und Ganzen herangezogen. Dazu kommt die zunehmende Fragmentierung der Öffentlichkeit infolge der Digitalisierung. Die Sozialen Medien mit ihren Filterblasen und Echokammern im Netz schaffen einen Zustand, in dem viele Menschen Inhalte lediglich nach persönlichen Vorlieben sortieren und sich Bestätigung für ihre Sicht der Dinge nur noch in der eigenen Gruppe suchen. Diese bewusst segmentierte Wahrnehmung führt dann zu dem Gefühl mancher Menschen, sie würden von Qualitätsmedien wie den Sendern, die breit und umfassend berichten, manipuliert oder nur unzureichend informiert. Richtig ist aber, dass wir nicht auf dem hohen Ross sitzen dürfen, sondern die Fähigkeit zur Selbstkritik stärken müssen.

Ein weiterer Trend ist eine deutliche Qualitäts-Steigerung bei anderen Anbietern, die natürlich auch die Zuschauer wahrnehmen. Bei Netflix beispielsweise soll eine Stunde fiktionales Programm schon bald mit einem Budget von bis zu 20 Millionen US-Dollar zu Buche schlagen. Mit diesen Zahlen, die nur durch einen weltweiten Markt refinanzierbar sind, können wir nicht einmal im Ansatz mithalten.

Wie wollen Sie dann diesen Trends begegnen?

Wilhelm: Es steht außer Frage, dass auch wir permanent unsere Qualität verbessern müssen. Da ist bereits eine ganze Menge geschehen, etwa bei der Vielfalt der Stoffe oder dem seriellen Erzählen. Weitere positive Beispiele sind der Bildungssender ARD-alpha oder »funk«, das junge Online-Angebot von ARD und ZDF. Noch besser werden könnten wir als ARD aber bei unseren Politikformaten und dort mehr Genres bieten, außerdem würde ich mir ein noch vielfältigeres Angebot in den Bereichen Kultur, Bildung und vor allem der Wissenschaft wünschen. Dabei macht mir Hoffnung, dass für diese nötigen Optimierungsprozesse nicht nur Geld gefragt ist, sondern auch Kreativität und Phantasie. Aber natürlich hat Qualität auch ihren Preis.

Es ist aber ein gängiger Vorwurf an den BR, dass er eher zu viel Geld hat als zu wenig.

Wilhelm: »Zuviel« stimmt sicher nicht. Denn der BR muss - wie alle anderen ARD-Anstalten - kräftig sparen. Seit 2014 schrumpfen wir real zwischen ein und zwei Prozent jährlich. Die Sparnotwendigkeit rührt wesentlich auch von den Verpflichtungen aus der Altersversorgung her, weil die Öffentlich-Rechtlichen in der Vergangenheit Pensionsleistungen gezahlt haben, die heute schlicht undenkbar wären. Das bringt Rechtsverpflichtungen mit sich, denen wir nachkommen müssen. Außerdem sind aus rechtlichen Gründen Entlassungen nur sehr schwer möglich, weshalb wir bei Personalabbau nur auf Fluktuation und Vorruhestand setzen können.

Unsere finanzielle Situation hängt aber auch mit dem Prinzip Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk zusammen: Alle Aufgaben werden uns per Gesetz zugewiesen, und in der Vergangenheit war damit auch eine entsprechende Finanzierung gewährleistet. Das hat sich geändert: Der Rundfunkbeitrag ist seit 2009 nicht mehr gestiegen, sondern wurde im Gegenteil sogar gesenkt.  

Wie sind denn angesichts dieser Grundbedingungen Einsparungen überhaupt möglich?

Wilhelm: Wir können kurzfristig immer nur bei den beweglichen Haushaltsansätzen sparen, nicht aber bei den durch Gesetz oder Tarifvertrag feststehenden Fixkosten. Das geht dann zwangsläufig auch auf Kosten der Qualität, wenn wir beispielsweise das Programm ausdünnen, Redaktionen zusammenlegen müssen, weniger frische Sendungen anbieten können und dafür den »Tatort« öfters wiederholen. Auch den ganz zentralen Prozess der digitalen Veränderung - eine Jahrhundertaufgabe - müssen wir durch Umschichtungen im Bestand stemmen. Da immer mehr Menschen im Netz unterwegs sind und unsere Angebote unabhängig von Ort und Zeit nutzen wollen, müssen wir neben Hörfunk und Fernsehen zunehmend auch digitale und mobil nutzbare Angebote, wie Apps und Mediatheken, entwickeln. Wenn die Qualität insgesamt nicht spürbar sinken soll, brauchen wir also zumindest einen Teuerungsausgleich. Hier wäre es wichtig, dass die Politik Farbe bekennt.

Wie wollen Sie die Digitalisierung angehen?

Wilhelm: Wir versuchen, im BR digitale Kompetenz aufzubauen, uns ein grundlegendes Können anzueignen und unsere Produkte selbst zu programmieren, so dass die digitale Lernkurve im eigenen Haus bleibt. Dafür haben wir Mitarbeiter auf Zeit, begabte Informatik-Studenten der beiden Münchner Unis. Dank ihrer Kompetenz und ihres Engagements ist beispielsweise die neue BR-Mediathek und die Nachrichten-App BR-24 entstanden. Gleichzeitig haben wir im Zuge der Digitalisierung unsere Angebote gestrafft: Während es früher eine Vielzahl an BR-Web-Seiten, Blogs und Youtube-Kanälen gab und jede Sendung ein eigenes Online-Angebot hatte, haben wir jetzt die alte Silo-Struktur überwunden und uns auf wenige Marken konzentriert. Außerdem gibt es anders als früher nicht mehr für jede Sendung eine eigene Redaktion. Und wir haben nur noch jeweils einen Wirtschafts-, Sport- und Kulturchef, der crossmedial Fernsehen, Hörfunk und Online abdeckt. Oder auch nur noch einen, trimedialen Chefredakteur. Das war - vor allem auch emotional - ein gewaltiger Kraftakt.

Halten Sie es für realistisch, dass die öffentlich-rechtlichen in Deutschland einen Gegenpunkt zu den großen Suchmaschinen wie Google oder facebook setzen können?

Wilhelm: Wir allein wären dafür zu klein, das ist eine Aufgabe, die wir auf europäischer Ebene angehen müssten. In den nächsten Jahren muss Europa die Grundsatz-Entscheidung treffen, ob die Vielfalt und kulturelle Besonderheit, die unseren Kontinent immer ausgezeichnet haben, auch in der digitalen Welt erhalten werden können, oder ob wir lediglich Teil einer von den USA dominierten digitalen Weltgemeinde werden. Europa muss zumindest eine Art Plattform-Hoheit für unsere Inhalte schaffen, mit entsprechender Regulierungsfähigkeit bei Daten-, Jugend- und Persönlichkeitsschutz - weil gerade hier die Standards weit auseinanderklaffen. Während in den USA etwa Nacktheit als absolutes Tabu gilt, ist an Religions- oder Politikerbeleidigung dort so gut wie alles möglich.

Ist der Eindruck richtig, dass der BR auf die globalen Veränderungen auch mit einer Rekurrierung auf den Begriff Heimat reagiert - und zwar in einer Art Doppelstrategie: Heimat darstellen und eine akustische oder virtuelle Heimat zu generieren?

Wilhelm: Ja, das stimmt. Als Beispiel lassen sich neben unserer bayerischen Daily »Dahoam is dahoam« auch unser erfolgreiches Digitalprogramm »BR-Heimat« anführen, unsere 24-Stunden-Welle für Volksmusik und bayerische Geschichte, oder das Dokumentationsprojekt »24h Bayern«. Auch die Sendung »Kunst und Krempel« hat ein Bildungs- und Kulturverständnis, das sich deutlich abhebt von bloßer Unterhaltung. Das Konzept Heimat steckt gleichsam in der DNA des BR und das wird auch so bleiben. Vor allem in einer Zeit, wo immer mehr Menschen Orientierung in einer zunehmend globalisierten Welt suchen, erlebt »Heimat« eine Wiedergeburt.  

Zur Beheimatung der Menschen gehören gerade in Bayern immer noch Kirche und Glaube. Welche Bedeutung haben sie für den BR?

Wilhelm: Der BR legt seit jeher besonders viel Wert auf die Berichterstattung über Glaubens- und Kirchenthemen. Ich persönlich finde es wunderbar, dass es im Hörfunk etwa die Sendung »Auf ein Wort« gibt. Ich habe auch angeregt, mehr Kurzmeditationen zu Glaubensthemen und Sinnfragen in den Massenprogrammen zu bringen. Auch das »12-Uhr-Läuten« soll weiterhin seinen Platz im Sendeschema haben. Denn das sind Momente des Innehaltens im Alltag, die die Menschen schätzen. Für viele ältere Leute, die selbst nicht mehr in die Kirche gehen können und denen die Gottesdienst-Übertragungen etwas bedeuten, wollen wir ebenfalls da sein. Die Kirchensendungen haben schließlich auch die wichtige Funktion, Wissen zu vermitteln, etwa über christliche Feiertage. Und Spiritualität ist nach meinem Eindruck in ihren unterschiedlichen Spielarten für einen wachsenden Teil der Bevölkerung wichtig.   

Noch ein Ausblick ins nächste Jahr, in dem Sie als ARD-Vorsitzender fungieren werden. Wollen Sie die Zahl der Sender verringern, auch um Kosten zu sparen?

Wilhelm: Es ist ein großes Missverständnis zu glauben, dass wir uns selbst alle diese Programme und Sender gestatten! Nicht die Intendanten von ARD und ZDF entscheiden über die Struktur oder die Finanzausstattung, sondern die Ministerpräsidenten der Länder und die Landtage. Wir sind bei jeder Veränderung auf die Politik angewiesen. Selbst bei den kleinsten ARD-Anstalten Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk halten die jeweiligen Landtage sehr entschlossen an der Zukunft ihrer Sender fest, die ihnen als absolut unverzichtbar für die Identität ihres Bundeslandes gelten. Und die Bundesrepublik ist eben ein Land der föderalen Vielfalt und des föderalen Selbstbewusstseins, und Rundfunkrecht ist Länderrecht. Als föderales Gebilde gehört es daher zum Wesen der ARD, mit hochwertigen und regional stark verwurzelten Programmen den Menschen in allen Landesteilen zuverlässig Orientierung zu bieten und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu unterstützen.

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