05.07.2017
Im Porträt

Der 88-jährige Fritz Rabenstein trompetet seit 75 Jahren im Posaunenchor

Modernes Ehrenamt sieht so aus: projektbezogen, nicht auf Dauer angelegt, ein bisschen weniger verbindlich. Auf Fritz Rabenstein trifft all das nicht zu. Seit 75 Jahren spielt der 88-Jährige im Posaunenchor seiner Kirchengemeinde.
Seit 1942 hat er kaum eine der wöchentlichen Proben versäumt: Fritz Rabenstein.
Seit 1942 hat er kaum eine der wöchentlichen Proben versäumt: Fritz Rabenstein.

Es war Anfang 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, als der damals 13-jährige Fritz Rabenstein ganz zufällig sein liebstes Steckenpferd für sich entdeckte. Der musikbegeisterte Pfarrer Bartholomäus aus Hellmitzheim rief für Nenzenheim bei Markt Einersheim einen neuen Posaunenchor ins Leben.

Es waren vor allen Dingen Schüler des 6. und 7. Jahrgangs, alle anderen waren im Kriegseinsatz. Rabenstein war damals noch nicht mal konfirmiert. »Bei der ersten Probe habe ich keinen Ton herausgekriegt«, erinnert sich der heute 88-Jährige. Trotz dieser Startschwierigkeiten ist Rabenstein dem Chor treu geblieben, bis heute. Seit 75 Jahren spielt er aktiv mit – dafür wurde er nun geehrt.

Regelmäßig vom Stall zum Üben

Seit damals vergeht kaum ein Tag, an dem er seine Trompete oder sein Flügelhorn nicht in die Hand nimmt. »Ich blase jeden Tag, das macht mir Freude«, sagt Rabenstein. Für den rüstigen Musiker war der Posaunenchor immer mehr als nur ein x-beliebiges Hobby. »Da hat man Verantwortung. Man spielt in den wichtigsten Momenten der Menschen. Bei Taufen, bei Hochzeiten, bei Beerdigungen – und an kirchlichen Feiertagen«, erläutert er.

Damit das klappt, gehört Üben unbedingt mit dazu. Bis heute hat er kaum eine der wöchentlichen Proben am Freitagabend versäumt. »Das ist mir wichtig«, betont er. Auch, damit er weiterhin beinahe alles, was der Posaunenchor spielt, ohne Noten auswendig spielen kann.

Doch Fritz Rabenstein spielt im 1932 gegründeten Posaunenchor von Nenzenheim nicht einfach nur mit. Nachdem der Nenzenheimer Pfarrer Rudolf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder die Chorleitung von seinem Kollegen aus dem Nachbardorf übernommen hatte, gab er sie 1954 an seinen Nachfolger Pfarrer Krüger.

Der Chor gedieh prächtig, immer weitere Bläser gesellten sich um die anfangs kleine Jugendgruppe hinzu. »Auch die Kriegsheimkehrer haben wieder mitgeblasen«, erinnert sich Fritz Rabenstein. 1960 übernahm der heute 88-Jährige die Leitung des Chors – und behielt sie 35 Jahre. In dieser Zeit war der Trompeter auch noch für rund 20 Jahre Leiter des Bezirksposaunenchors.

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Einer, dem die Puste nicht ausgeht

Dass eine Ehrung für 75 Jahre aktive Mitgliedschaft etwas Besonderes ist, bestätigt auch der Verband evangelischer Posaunenchöre in Bayern als Dachorganisation aller evangelischen Posaunenchöre. Allerdings: Ob es das schon einmal gab oder ob auch anderen Bläsern ähnliche Jubiläen ins Haus stehen, das weiß man dort nicht. Dass es überhaupt 75 Jahre werden, war gar nicht sicher. Denn Rabenstein hat seit etlichen Jahren die Augenkrankheit Grüner Star. »Mein Arzt hat gesagt, ich sollte damit aufhören, wegen des hohen Drucks beim Trompetespielen«, erzählt er. Grüner Star kann durch hohen Augeninnendruck schlimmer werden.

»Das mit dem Aufhören hab ich aber nicht fertiggebracht«, räumt er ein. Zu sehr liebt er den einmaligen Klang, wenn er mitten unter den Bläsern seines Posaunenchors steht und mit ihnen ein kraftvolles »Nun danket alle Gott« durch den Kirchenraum schmettert.

Für Fritz Rabenstein war die Musik auch immer ein Ausgleich zum Beruf als Landwirt und Gastwirt, weil er beim Musizieren immer durchschnaufen und entspannen konnte. Wie lange er noch weiterspielen will, das weiß er nicht.

»Ich habe mir ein Ziel gesetzt«, sagt er mit schelmischem Unterton: »Ich setze mir kein Ziel. Ich spiele, solange ich kann und ich Luft und Lust dazu habe.«

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