18.05.2017
Bildungsprojekt vor dem Aus

Die vorbildliche afghanische Schulinitiative des Unterfranken Peter Schwittek sucht neue Geldgeber

Am Schulsystem in Afghanistan lässt Peter Schwittek kein gutes Haar. »Die Mehrheit der Abiturienten sind nach zwölf Jahren Unterricht Analphabeten«, sagt der Entwicklungshelfer aus Randersacker, der seit den 1970er-Jahren in Kabul lebt. Dort etablierte er über die »Organisation zur Förderung afghanischer regionaler Initiativen und Nachbarschaftshilfen« (Ofarin) ein alternatives Schulprogramm. Dem droht nun mangels Geld das Aus.

Annemarie und Peter Schwittek mit einer ihrer Schulklassen in Kabul.
Annemarie und Peter Schwittek mit einer ihrer Schulklassen in Kabul.

Am Schulsystem in Afghanistan lässt Peter Schwittek kein gutes Haar. »Die Mehrheit der Abiturienten sind nach zwölf Jahren Unterricht Analphabeten«, sagt der Entwicklungshelfer aus Randersacker, der seit den 1970er-Jahren in Kabul lebt. Dort etablierte er über die »Organisation zur Förderung afghanischer regionaler Initiativen und Nachbarschaftshilfen« (Ofarin) ein alternatives Schulprogramm. Dem droht nun mangels Geld das Aus.

Die akuten Finanzprobleme rühren daher, dass der bisherige Hauptgeldgeber von Ofarin, das Aachener Hilfswerk Misereor, seine Förderung ab Mai einstellt. Zwei Millionen Euro hatte Misereor bisher für jeweils drei Jahre gegeben. Ofarin rechnete fest mit einer weiteren dreijährigen Unterstützung. Im Dezember wurde laut Schwittek bekannt, dass die Förderung eingestellt wird: »Uns traf dieser Schlag unvorbereitet.«

Die Entscheidung, sich aus der Ofarin-Unterstützung zurückzuziehen, begründet Misereor mit der prekären Sicherheitslage in Afghanistan. »Das schränkt unsere Möglichkeiten der Partnerbegleitung ein«, sagt Pressesprecherin Rebecca Struck. Afghanistan sei kein Einzelfall: »Schon vor einigen Jahren hat Misereor sein Engagement in Zentralasien weitestgehend eingestellt.« Solche Entscheidungen brächten es mit sich, dass auch die Förderung langjähriger Partner beendet werden müsse.

9000 Schülerinnen und Schüler wären betroffen

Das Hilfswerk legt Wert darauf, dass es jederzeit möglich ist, eigenes Personal problemlos in ein Projektgebiet zu schicken, um nach dem Rechten zu schauen. Diese Voraussetzung sei in Afghanistan nicht gegeben, bestätigt Schwittek: »Der Aufenthalt ist durchaus mit einem gewissen Risiko verbunden.« So gab es in den vergangenen Jahren mehrere Entführungen von ausländischen Entwicklungshelfern.

Auch Schwittek und seine Frau fragen sich, ob und wann es nötig ist, Kabul zu verlassen. »Unser Projektgebiet in der Provinz Logar mit immerhin 120 Klassen haben wir seit zehn Jahren nicht mehr besucht«, sagt Schwittek, der auch schon den Würzburger Friedenspreis verliehen bekam. Es werde aber von zuverlässigen Mitarbeitern betreut. Sollte es nicht gelingen, einen anderen großen Geldgeber zu finden, würde Ofarin nichts anderes übrig bleiben, als das Projekt einzustellen. Davon wären aktuell 9000 Teilnehmer am Schulprogramm betroffen.

Dass der afghanische Staat die Situation löst, hält Schwittek für ausgeschlossen: »Er würde das Programm nicht finanzieren.« Ofarin arbeitet aber eng mit dem Ministerium für Religiöse Angelegenheiten zusammen. »Dieser Minister ist ein verantwortungsbewusster Mensch.« Aufgrund dieser ungewöhnlichen Kooperation findet ein Großteil des Ofarin-Unterrichts in Moscheen in Kabul und den ländlichen Provinzen Logar und Pandschir statt. »In den Hauptgebetsräumen der Moscheen werden oft zwölf Klassen gleichzeitig unterrichtet«, berichtet Schwittek. Neben Kindern nehmen auch weibliche Jugendliche und Erwachsene, die keine Schule besucht haben, am Unterricht teil. »Es kommen aber auch viele Schüler aus der sechsten bis achten Klasse der staatlichen Schule zu uns, weil sie in der öffentlichen Schule nichts lernen.«

Misereor zahlt noch ein »Abschiedsgeld«

Wie »abgründig« das staatliche Bildungssystem ist, macht Schwittek an einem drastischen Beispiel deutlich: »Wenn sich bei uns ein Oberschüler um eine Beschäftigung als Lehrer bewarb, war meine Standardfrage: ›Was ist 16 minus 9?‹ Sie wurde fast nie richtig beantwortet.« Dies liege daran, dass kaum ein Lehrer in Afghanistan seinen Job ernst nehme. »Viele kommen tagelang nicht zur Arbeit und zeichnen, wenn sie dann da sind, die Anwesenheitsliste für die ganze Woche ab«, sagt Schwittek. In Afghanistan gebe es keine Schulaufsicht.

Bei Ofarin erhalten die Schüler täglich 90 Minuten Unterricht. Davon ist eine halbe Stunde islamischer Religionsunterricht, der von den Mullahs verantwortet wird. »Insgesamt mehr Zeit zu nehmen ist nicht möglich, denn unsere Schüler und auch viele Lehrer gehen zur staatlichen Schule oder arbeiten«, erklärt Schwittek. Die Staatsschule müsse besucht werden, sonst sei es später nicht möglich, einmal im öffentlichen Dienst tätig zu werden.

Misereor ist laut Schwittek bereit, noch ein »Abschiedsgeld« von 150 000 Euro zu zahlen. Damit könnte Ofarin bis Jahresende »Bruchstücke« seines Programms weiterführen: »Spätestens Ende des Jahres wird es dann ganz finster.« Hoffnung setzt Schwittek in das deutsche Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit. Nach dem Zustrom von Flüchtlingen gerade aus Afghanistan habe sich dort die Einsicht durchgesetzt, dass man in den Entwicklungsländern selbst etwas tun müsse, damit die Menschen nicht zur Flucht gezwungen würden.

 

INTERNET: Fotostrecke über das Schulprojekt Ofarin in Kabul auf »Zeitenspiegel«

 

OFARIN

»OFARIN« ist eine Abkürzung von »Organisation zur Förderung afghanischer regionaler Initiativen und Nachbarschaftshilfen«. In den afghanischen Landessprachen Dari und Paschtu bedeutet »Ofarin!« (oder auch »Afarin!«) aber auch so viel wie »Prima!« oder »Genau richtig!«.

Weitere Informationen und das Spendenkonto des Bildungsprojekts gibt es im Internet unter www.ofarin.de

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