10.02.2017
Feiermuffel oder Faschingsfans

Gehen Evangelische zum Lachen in den Keller?

Fasching wird ja schon seit Jahrhunderten überall gefeiert. Vor allem bei den Katholiken gehört das Verkleiden dazu. Nur die Evangelischen haben den Ruf weg, nicht so feierfreudig zu sein.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Evangelischen erklärte Feiermuffel sind. Ein Sprichwort bringt es sogar auf den Punkt: Evangelische gehen zum Lachen in den Keller. Aber ist da heute wirklich noch was dran? Eine Spurensuche im evangelischen Umfeld in München hat interessante Ergebnisse hervorgebracht.

In der Münchner Christuskirche beispielsweise gibt es seit 16 Jahren eine Narrenpredigt, gehalten von Pfarrer Ulrich Haberl. Der hat sich über die Jahre richtiggehend einen »närrischen« Ruf erreimt, denn seine Predigten hält er an Fasching komplett in Versform und vor vollen Kirchenbänken. Er komme beim Reimen richtig in einen Rausch, beschreibt er seinen Schreibprozess. Vor allem mache es ihm aber großen Spaß.

»Mei, ich bin sonst ein lutherischer Pastor und im Fasching halt der Narr«, sagt Haberl.

Die närrische Zeit ist also durchaus in der evangelischen Kirche angekommen! Woran das liegt, weiß der Narr auf Zeit ganz genau.

»Fasching ist antihierarchisch und es hat mit Fantasie und Farbe zu tun«, sagt Haberl. An Fasching könne man Dinge ausleben, die man sich sonst das Jahr über nicht traut.

Das macht sogar Faschingsmuffeln Lust aufs Feiern. Bei der Evangelischen Jugend ist dies ein Fall für das Team von der Sozialen Rehabilitation. Die machen keine halben Sachen, sondern organisieren gleich mal eine Faschingsdisco für Jugendliche mit und ohne Handicap. Eine inklusive Faschingsfreizeit gibt es außerdem. Chefin Juanita Lesser, selbst keine Faschingsfreundin, findet, auch ohne Lust aufs Verkleiden kann man an Fasching Spaß zu haben.

 

 

»Ich bin explizit ein Faschingsmuffel«

Sie ergänzt jedoch: »Ich mache aber gerne was für andere und nutze dann die Gelegenheit an Fasching aus.« Außerdem steht sie auf dem Standpunkt: Organisieren ja, aber verkleiden muss nicht unbedingt sein. Vielleicht mal ein Hut oder eine bunte Brille, aber das war‘s dann auch.

Kollegin Agnes Wiegand denkt da ähnlich. Auch sie bezeichnet sich selbst als Faschingsmuffel, freut sich aber, für »ihre Leute«, die gerne tanzen gehen und aufgrund ihrer Behinderungen in der normalen Discolandschaft oft Probleme hätten reinzukommen, die Faschingsdisco zu organisieren.

Für die richtige Feierstimmung ist zum Glück Sandra Sommer im Team. Die junge Mutter von zwei kleinen Kindern ist eine erklärte Faschingsfreundin.

»Mir macht es ziemlich viel Spaß. Ich verkleide mich gerne, ich verkleide meine Kinder gerne, ich male uns alle gerne an. Ich finde es super!« Zwar weiß sie noch nicht genau als was sie sich und die Kinder verkleiden wird, aber Mühe wird sie sich auf jeden Fall geben. Da sie eine Tochter und einen Sohn hat, kann es von Prinzessin, über Marienkäfer und Indianer bis zum Cowboy alles sein. So klappt es dann auf jeden Fall mit der Feierstimmung.

Doch nicht nur bei der Evangelischen Jugend ist was los an Fasching. In der Lukaskirche an der Isar und in der Schwabinger Erlöserkirche wird selbst in der Krabbelgruppe Fasching gefeiert beziehungsweise eine Kinderfaschingsparty organisiert und mit den Kleinsten das Lachen zum Programm gemacht.

Passend zum Namen und zum 500 Jahre Reformationsjubiläum gibt es in der Obergiesinger Lutherkirche ein Lutherfasching im Gemeindehaus.

Apropos Reformationsjubiläum: Was sagt eigentlich der große Reformator Martin Luther dazu? Pfarrer Ulrich Haberl findet bei ihm auf jeden Fall eine Rechtfertigung zum Feiern.

»Er war ein ganz großer Freund des Lachens und des Humors«, weiß Haberl.

Er habe ja auch über alle möglichen, mehr oder weniger schmutzigen Dinge, seine Sprüche gemacht und da sei mit Sicherheit herzlich gelacht worden an seinem Tisch.

Da bietet es sich doch an, sich Fasching als Luther zu verkleiden. Ob das wohl viele machen? Pfarrer Haberl lässt sich überraschen.

Bei so viel Faschingsspaß ist jedenfalls klar: die Evangelen können sehr wohl feiern und lachen. Auch der selbst erklärte Faschingsmuffel Juanita Lesser ist davon überzeugt:

»Ich glaube, evangelisch gläubige Menschen feiern genauso lustig oder unlustig wie die Faschingsliebhaber in allen anderen Religionen«, sagt sie.

Und schließlich hat schon Luther gesagt: »Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang bleibt ein Narr sein Leben lang.«

 

Wie feiern die Menschen Fasching, Karneval oder Fastnacht in Bayern? Lesen Sie in unserem Dossier mehr zum Thema Fasching: www.sonntagsblatt.de/Fasching

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