01.09.2017
Traumapsychologie

Jan Kizilhan aus dem Schwarzwald hilft Jesidinnen

Die Jesiden wurden in der Vergangenheit immer wieder verfolgt. Das Wissen um das Leid der Vorfahren kann den heutigen Terroropfern helfen, glaubt der Traumapsychologe Kizilhan. Er hat selbst jesidische Wurzeln.
Jan Kizilhan, Psychologe und Professor für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen.
Jan Kizilhan, Psychologe und Professor für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen.

 

Die junge Frau war erst kurz in Sicherheit. Kämpfer der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) hatten die Jesidin verschleppt, vergewaltigt und als Sexsklavin gehalten. Irgendwann konnte sie fliehen und kam in ein Flüchtlingslager im Nordirak. Doch nach zwei Wochen erlitt sie einen Flashback, wähnte sich wieder in den Händen ihrer Peiniger. Unerträglich für die 16-Jährige: Sie übergoss sich mit Öl und zündete sich an.

Jan Kizilhan kennt viele solcher Geschichten. Seit 20 Jahren behandelt der Psychologe aus dem Südschwarzwald Menschen, die Krieg und Gewalt zwar überlebt, aber längst nicht verarbeitet haben: Sie kommen aus Ruanda, vom Balkan, aus Pakistan und Tschetschenien. Transkulturelle Traumaforschung ist das Fachgebiet des 50-Jährigen. Es fand wenig Beachtung.

Die Männer ermordet, die Frauen verschleppt

Doch das änderte sich schlagartig. Im Herbst 2014 bekam der Professor für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen einen Anruf aus Stuttgart. Ob er im Auftrag der Landesregierung die Aufnahme von tausend traumatisierten Frauen aus dem Nordirak leiten wolle? Kizilhan hatte über Minderheiten im Nahen Osten geforscht und entstammt selbst einer jesidischen Familie aus dem kurdischen Teil der Türkei. Trotzdem zögerte er: sich mit seinen eigenen Wurzeln beschäftigen?

Seine Familie gab den Ausschlag: »Sie haben gesagt: Du hast gar keine andere Wahl.« Kizilhan flog in den Nordirak und traf auf depressive und ängstliche Menschen. Wenige Wochen zuvor waren Milizen des IS in das Sindschar-Gebirge eingefallen, die Heimat der Jesiden. Sie töteten Männer und Kinder, verschleppten Frauen und Mädchen, misshandelten und folterten sie. Heute werden noch rund 3000 Frauen und Mädchen in der Gewalt des IS vermutet.

Ohne Heimat und ohne Halt

Zuflucht fanden die meisten Jesiden in Dohuk, einer Stadt, in der eine halbe Million Einwohner und genauso viele Flüchtlinge leben. »Es gab in der ganzen Stadt gerade mal fünf Psychologen«, sagt Kizilhan. Das sei ein Grund gewesen, Frauen nach Deutschland zu holen. Aber auch: »Die Menschen haben ihre Heimat und damit jeden Halt verloren.« Zudem seien die vergewaltigten Frauen anfangs von ihrer Gemeinschaft verstoßen worden. Erst nachdem der religiöse Führer der Jesiden, auch auf Drängen Kizilhans, eine neue Fatwa zur Wiederaufnahme der Frauen erließ, habe sich das gebessert.

Kizilhan musste entscheiden, wer ins sichere Baden-Württemberg fliegen darf. Es war schwer: »Unser Ziel war, die Frauen rauszuholen, die am stärksten Schutz benötigen.« Die junge Frau, die sich verbrennen wollte und schwer verletzt überlebte, gehört dazu.

Kizilhan spricht die Sprache der Jesiden, Kurmandschi. Oft hörte er das Wort »sernan«. Es bedeutet Holocaust oder Völkermord. Denn die Jesiden waren in ihrer 800-jährigen Geschichte immer wieder bedroht. Zu Zeiten des Osmanischen Reichs seien über 1,8 Millionen Menschen zwangskonvertiert und 1,2 Millionen ermordet worden, sagt Kizilhan: »Die Leute leiden außer unter ihrem individuellen und kollektiven auch unter einem transgenerationellen Trauma.«

Wo sich die Schmerzen der Seele im Köper äußern

Dass die Jesiden schon als Kinder Geschichten, Gebete und Lieder über ihre Verfolgung hören, kann ihnen jetzt helfen, glaubt Kizilhan. Er fragt seine Patientinnen nach ihren Vorfahren. Und lässt sie ihre Erfahrungen in Form von Geschichten erzählen, um sich vorsichtig den traumatischen Erlebnissen zu nähern.

Die Frauen klagten zunächst nicht über gedrückte Stimmung oder Depressionen, sondern über Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen. Sie trennten nicht zwischen seelischem und körperlichem Leid, erklärt Kizilhan. Eine Psychotherapie erschien vielen abwegig: »Sie wollten nicht reden, sondern einfach Medikamente einnehmen.« Auch Drogen seien deshalb ein großes Problem.

Nun hat sich die Haltung gewandelt: »Psychische Leiden sind heute weniger stigmatisiert, die Leute kommen von selbst zu uns. Aber es gibt kaum Therapeuten.« Um das zu ändern, gründete Kizilhan mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg an der Universität Dohuk ein Institut für Psychotherapie, wo Therapeuten ausgebildet werden.

Kizilhan pendelt zwischen dem Südschwarzwald und dem Nordirak. Seine Erfahrung helfe ihm, eine gewisse Distanz zu wahren, erklärt er: »Ich bin trotz allem ein Optimist.« Aber wenn eine Achtjährige vor ihm sitze und von ihrer Vergewaltigung berichte, sei das sehr schwer. Als Wissenschaftler finde er zwar Antworten auf die Grausamkeit, als Mensch und zweifacher Familienvater aber nicht.

 

Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema:

Peter Klentzan

Freundlicher Menschenverbinder: Diakon Peter Klentzan.
Von Zeltlagern und lutherischen Apfelbäumchen: Am 12. März wird der Diakon, Traumatherapeut und »Wings of Hope«-Gründer Peter Klentzan in den Ruhestand verabschiedet – in der Dachauer Versöhnungskirche, dort, wo vieles in seinem Leben zusammenkommt: berufliche Stationen, Zeltlager, die Schrecken dessen, was Menschen einander antun können, von der christlichen Hoffnung getragene Flügelschläge auf dem Weg zu Heilung und Frieden.
Share Facebook Twitter Google+ Share
Sonntagsblatt