Lebensziel: Das Tote Meer retten

Neri Ereli wohnt in der Oase Ein Gedi am Toten Meer. Er ist der Sohn des Bad Kissingers Hans-Josef Ehrlich, der vor 20 Jahren eine Partnerschaft zwischen dem israelischen Ort und Bad Kissingen gegründet hat, aus der viele lebendige Freundschaften entstanden sind. Was Neri davon hält, erzählt er auf einer Jeep-Tour durch die Negev Wüste.
Neri Ereli am Toten Meer

Im Radio des Jeeps läuft klassische Musik, was in dem orientalisch geprägten kleinen Land am Mittelmeer ungewöhnlich ist. Das ist schon eher ein bisschen deutsch, so wie Neris Pünktlichkeit und Höflichkeit. Auf den Sandpisten durch den großen und den kleinen Krater der Negev Wüste wird dann aber schnell klar, wo Neris Seele hingehört: »Ich will hier leben und hier sterben. Ich liebe Ein Gedi und die Wüste«.
Die gute Erziehung hat Neri von seinem Vater. Hans-Josef Ehrlich, geboren 1921 in Bad Kissingen, wuchs in einer sehr angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie auf und  emigrierte 1938 ins damalige Palästina. Dort wurde aus Nachnamen Ehrlich das hebräische Ereli.

Aus der Bad Kissinger Familie Ehrlich wurden die israelischen Erelis.

Neri Ereli ist 1947 in der Nähe von Tel Aviv geboren. Schon als junger Mann liebte er die Natur und zog nach Ein Gedi am Toten Meer. Die Oase liegt 420m unter dem Meeresspiegel und besteht zur Hälfte aus dem Kibbuz-Dorf mit 400 Einwohnern. Dort leben die Kibbuzmitglieder, die alles miteinander teilen und keinen Privatbesitz und kein eigenes Geld haben. Sie essen gemeinsam im Speisesaal, die Kinder wachsen im Kinderhaus auf und wohnen nicht bei den Eltern. Der andere Teil des Ortes ist der Kurort mit einem Hotel und einem Spa für Erholungssuchende und Kurgäste. Das Tote Meer ist bekannt für seine heilende Wirkung bei Hautkrankheiten und rheumatischen Erkrankungen. Neri empfiehlt jedem, hierher zu kommen, vor allem den Menschen aus der Stadt: »Das ist hier ein sehr ruhiger Platz, die braunen Berge der Wüste, der grüne  Garten des Kibbuz und das blaue Meer. Wenn Du das siehst, das entspannt dich. In Ein Gedi zu sein bewirkt eine innere Ruhe«.

Um mehr Ruhe zu finden, zogen auch Neris Eltern aus der Stadt nach Ein Gedi um. Neris Vater übernahm dort die Betreuung der deutschen Touristen. Mit 55 Jahren war er bereit, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und sich den Deutschen wieder anzunähern: »Das sind neue Leute«, sagte er zu seinem Sohn, »wir machen sie nicht verantwortlich für die Taten ihrer Väter«.Doch Neri war diesbezüglich ganz anderer Meinung: » Wenn deutsche Gäste kamen und mein Vater deutsch sprach, verließ ich regelmäßig den Raum. Ich als stolzer junger Israeli wollte nicht deutsch sprechen und sagte immer zu meinem Vater: Sprich nicht Deutsch, sprich Hebräisch!«

Als patriotischer Israeli weigerte sich Neri, Deutsch zu sprechen. Der Oberstleutnant kämpfte 1967 im Sechstagekrieg in der Schlacht von Latrun vor Jerusalem gegen die Ägypter und wurde schwer verletzt. Er hat nur knapp überlebt, wurde ins Krankenhaus gebracht. Aber sobald er wieder aufstehen konnte, ist er dort abgehauen und zurück zu seiner Einheit. Danach arbeitete er viele Jahre für die Armee und im Verteidigungsministerium. Eines seiner wichtigsten Projekte in dieser Zeit war die Suche nach vermissten Soldaten. Der ausgebildete Historiker wusste, wie man forscht und hat viele Jahren Familien zusammengeführ t. Aber er hat auch schwere Schicksale gesehen und entdeckt und  musste schlimme Nachrichten überbringen: »Für solche Aktionen brauchst du einen kühlen Kopf und ein warmes Herz«.  

Außen hart und innen weich.

Neri ist ein typischer Israeli: Harte Schale, weicher Kern. Mit dieser Einstellung hat er viele Situationen in seinem Leben gemeistert. Mit zunehmendem Alter kommt seine weiche Seite mehr zum Vorschein und er nimmt vieles mit Humor. Inzwischen ist er auch den Deutschen gegenüber wohlgesinnter, er hat viele Freunde in Bad Kissingen und Umgebung und  hört die deutsche Sprache inzwischen sehr gerne. Zur Ruhe setzt sich der 70 Jahre noch lange nicht. Er hat schon wieder ein neues Projekt: Er forscht nach vermissten Kindern aus der Zeit der Staatsgründung.
 

Doch sein wichtigstes Anliegen ist die Rettung des Toten Meeres. Das einzigartige Naturwunder ist von der Austrocknung bedroht. Neri war von 2002 bis zu seinem Ruhestand der Chef der Umweltbehörde  der Region Tamar. Er berichtet, dass aus diversen Gründen zu wenig frisches Wasser in das Meer fließt, so dass das Gewässer jährlich um über einen Meter sinkt. Es wird in absehbarer Zeit ganz verschwinden. Durch die Austrocknung verändert sich auch die umliegende Bodenbeschaffenheit und bringt viele Probleme mit sich. Der Boden bricht ein, woraus gefährliche Einsturzlöcher entstehen. Straßen brechen ein, die Badestrände verschwinden und sind nicht mehr zu nutzen.

Bad Kissinger Schüler sollen helfen, das Tote Meer zu retten.

Hier könnte die Partnerschaft mit Bad Kissingen helfen. Denn Neri will die jungen Menschen  von der Wichtigkeit dieses ökologischen Problems überzeugen. Deshalb hat er ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Gymnasiasten aus Bad Kissingen, Ein Gedi und Jordanien sich damit beschäftigen und eine Lösung suchen sollen. »Man braucht viel Wasser und viel Geld, um das Tote Meer zu retten. Das wird ein Problem werden. Man muss das aufteilen, alle müssen mithelfen, die israelische Regierung, Jordanien und private Investoren.« Da ist es von Vorteil, dass einer seiner Söhne der Direktor der Schule in Ein Gedi ist. Ein neues Freundschaftsprojekt mit Bad Kissingen für die nächste Generation. Neri ist überzeugt davon, dass Probleme nur gemeinsam zu lösen sind. Das hat er im Kibbuz gelernt. Dort schätzt er »die Menschen, die Freunde, die Gemeinschaft. Wir machen alles zusammen. Manchmal ist es schwierig, aber das Kibbuzleben zeigt dir, dass es leichter ist, zusammen etwas zu schaffen«.

Und inzwischen gehören auch die Deutschen dazu. Er schätzt die neuen Freunde, sieht aber das deutsch-israelische Verhältnis immer noch kritisch: »Wenn dich jemand zu sehr liebt, ohne Kritik, das ist auch nicht gut. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis sollte gemäßigt und nüchtern sein, nicht zu viel Liebe und nicht zu viel Schuldgefühle«.

Neri war nicht oft in Bad Kissingen, der Heimat seines Vaters. Seine Heimat ist Ein Gedi, hier will er leben, bis er stirbt. Den deutschen Gästen zeigt er gerne die außergewöhnliche Schönheit dieses Ortes: den paradiesischen Garten von Ein Gedi, der einzige botanische Garten, in dem Menschen wohnen, den Blick auf das blaue Meer und natürlich die Landschaft der Wüste, die man durch die Augen des Experten noch viel intensiver wahrnimmt.

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