22.05.2016
Coaching

Personalberatung in der Landeskirche

Es gibt mehrere Wege, auf denen man zu Frank Seifert kommen kann: zum Beispiel über eine Wendeltreppe und durch die hohen Räume der Evangelischen Hochschulgemeinde. Mit viel moderner Kunst an den Wänden sieht es aus wie in einer der Kunstgalerien, von denen es hier, im Münchner Museenviertel, einige gibt. Oder man kommt über ein ganz normales Treppenhaus, nachdem man eine Klingel gedrückt hat. »Personalberatung« steht auf dem schlichten Schild.

Frank Seifert ist der erste und bisher einzige »Coach« der bayerischen Landeskirche für deren rund 1500 aktive Pfarrerinnen und Pfarrer. Seiferts Büro - hell und großzügig - blickt auf die Pinakothek der Moderne. Zu sehen ist aber auch der Turm der Markuskirche, Münchens zweitältester evangelischer Kirche. Das Landeskirchenamt, nennen wir sie: die Arbeitgeberzentrale der bayerischen Pfarrer, liegt nur einen Katzensprung entfernt. Aber hier, in Seiferts Beratungszimmer, ist das bei den kirchlichen Mitarbeitern mitunter berüchtigte »Amt« irgendwie auch ziemlich weit weg.

Ein typischer Dialog am Ende eines Gesprächs bei Frank Seifert könnte vielleicht so gehen: »Mich interessiert, wie es bei Ihnen weitergeht«, würde Seifert sagen - und darauf die überraschte Antwort erhalten: »Das habe ich schon lange nicht mehr gehört.«

»Salutogenese«

Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten mit hohem, manche mit höchstem persönlichen Einsatz. Das bringt der Theologenberuf so mit sich, das ist reizvoll, aber es birgt das Risiko der Überforderung.

Dass auch die, deren Beruf das Heil anderer ist, immer wieder Hilfe brauchen, um selbst heil zu bleiben, spricht sich inzwischen sogar in der Kirche herum. »Salutogenese« heißt das Stichwort dazu, ursprünglich vom israelisch-amerikanischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky geprägt. Mit gemeint ist, welche Arbeitsbedingungen dabei helfen, gesund (also »heil« und hilfreich für andere) zu bleiben. Entsprechende Bücher stehen bei Seifert prominent platziert im Regal.

Nur: Kann mein Arbeitgeber zugleich mein Coach sein? Seiferts »Projektstelle für Personalberatung« gehört formal zur Personalabteilung der Landeskirche. Geht es hier nicht doch heimlich um das Ziel der Leistungssteigerung? Darum, das notorisch unabhängige theologische Personal etwas stromlinienförmiger zu machen, besser angepasst an die Personal- und Planungsbedürfnisse der Zentrale?

»Coaching heißt nicht, dass ich anderen sage, was zu tun ist«, entgegnet Seifert, der seine Ausbildung an einer Schweizer Coaching-Akademie absolviert hat. Er versuche, bei beruflichen und persönlichen Klärungsprozessen zu helfen. Auch Pfarrer kommen im Lauf ihres Berufslebens an Weggabelungen: Wohin soll es künftig gehen? Verlasse ich meine Stelle? Was taugt für mich? Wie gehe ich mit einem Problem um? Woraus ziehe ich Kraft für meinen Beruf? »Familie, Kinder, persönliche Situation - all das spielt im Pfarrberuf eine Riesenrolle«, sagt Seifert. Und natürlich geht es bei Veränderungen, Bewerbungen, Umorientierung immer entscheidend um: Vertrauen und Vertraulichkeit.

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Das gilt für diejenigen, die sich verändern wollen, aber nicht recht wissen, wohin: Bleibe ich in der Gemeinde? Ist eine Stelle im übergemeindlichen Dienst das Richtige? Gibt es eine dritte Möglichkeit, die ich noch nicht sehe?

Das gilt aber auch für diejenigen, die sich vergeblich um eine Stelle beworben haben. Für Pfarrer gebe es nur selten eine qualifizierte Rückmeldung à la »Sie haben die Stelle nicht bekommen, weil ...«, sagt Seifert. Deswegen geht es in seiner Beratungsstelle mitunter auch um »Realitätskonfrontation in Sachen Selbst- und Fremdwahrnehmung« - aber eben in einem geschützten Raum.

Die Beratung - zunächst nur für Pfarrerinnen und Pfarrer vorgesehen - ist kostenlos. Lediglich die Fahrkosten fallen an. Mit ihrem Coaching-Angebot folgt die bayerische Landeskirche ähnlichen Projekten in den Landeskirchen von Hessen-Nassau, Hannover und Westfalen, deren Erfahrungen man sorgfältig ausgewertet hat.

Seiferts Alleinstellungsmerkmal ist es wohl, dass er nicht nur unabhänge Beratung in einem angstfreien Raum anbieten kann, sondern, weil er Personaler war und Pfarrer ist, auch selbst Stallgeruch hat. »Feldkompetenz« heißt das im Deutsch der Coaches.

Für den 59-Jährigen ist das Projekt die vermutlich letzte Stelle vor dem Ruhestand. Neben seiner Berufserfahrung sieht er seine Freiheit als Coach auch darin, »dass ich nie wieder der Dienstvorgesetzte von irgendjemand sein werde«.

Sein Credo als Berater: Wer sagt, ich habe da ein Problem, der hat bereits den Schlüssel zur Lösung in der Hand. »Ich war schon immer der Meinung: Jeder Mensch ist sein bester Coach«, sagt der Coach im Pfarrer Frank Seifert.

Jetzt reinhören! Pfarrercoach Frank Seifert im Gespräch mit Elke Zimmermann
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