01.06.2017
Glaube und Politik

Peter Gauweiler über Evangelischsein in der CSU, in München und in Bayern

Peter Gauweiler (67) war als Politiker in der CSU und im Bundestag unbequem. Beim Redaktionsgespräch im Evangelischen Presseverband sprach der überzeugte Protestant über die Beziehung von Glaube und Politik. Und erklärte, warum wer in Bayern evangelisch ist, keiner »Sekte aus Preußen« angehört.
Peter Gauweiler Ende Mai 2017 beim Redaktionsgespräch im Sonntagsblatt.
»Den fortschrittlichen Oberkirchenräten war ich hin und wieder ein bisschen peinlich«: Peter Gauweiler.

Sie sind immer wieder als EU-Kritiker in Erscheinung getreten. Hat sich Ihre Haltung nach dem Brexit und der Ablehnung Europas durch rechte Gruppierungen oder die Stichwahl in Frankreich geändert?

Gauweiler: Als Franzose hätte ich Emmanuel Macron auch nicht gewählt; man muss nach den Vorschusslorbeeren jetzt natürlich die weitere Entwicklung abwarten. Diese Wahl wird jedenfalls nicht die merkwürdige Krise Europas lösen, hinter der im Grunde genommen eine Art »Erfolgsdepression« steckt: Nach seinem Sieg im Kalten Krieg steckt unser liebes Europa in einem tiefen Loch.

 

Kann Europa aus dieser Depression herausfinden?

Gauweiler: Natürlich, wie aus jeder Depression, natürlich auch durch Zuspruch. Gerade im Fall Europa – die Konzentration darauf, was schon alles erreicht worden ist. Der Kontinent braucht aber auch einen guten Plan für die Zukunft. Meiner Meinung täte Europa gut daran, sich nicht in einen Größenwettbewerb mit Asien, Afrika und Amerika zu begeben, sondern den Charme von »Small is beautifull« zu entdecken. Der Publizist Sebastian Haffner hatte schon vor einigen Jahrzehnten Europa genau dies empfohlen: die Schweiz der Welt zu sein.

 

ln der Geschichte gab es auch andere Formen der Kooperation in Europa, wie etwa den lange Zeit sehr effizienten Wirtschaftsbund der Hanse. Könnte das wieder ein Modell werden?

Gauweiler: Das ist eine wirklich gute Idee! Es war ja das Kennzeichen der Hanse, dass nicht einzelne Städte ihren Bund dominierten, und es war immer ein Plus für Deutschland, wenn es keinen Zentralstaat gab, wenn kulturelle Unterschiede als Wert betrachtet und geachtet wurden. ln der historischen Erinnerung: Das Paulskirchen-Modell des Deutschen Bunds von 1848 war für uns besser als das Versailler-Spiegelsaal-Modell von 1871. Bei allem Respekt vor Bismarck. Auch die evangelische Kirche ist schließlich keine Zentralkirche und macht damit immer wieder klar, dass es unterschiedliche Wege zu und mit Christus gibt.

 

Sie sind evangelischer Christ. Braucht die Politik christliche Werte?

Gauweiler: Wir sollten – was doch gerade ein evangelischer Wert ist – immer die Freiheit des Andersdenkenden verteidigen. Ich war ein leidenschaftlicher Wahlkämpfer, aber irgendwann ging mir diese ständige Suche nach dem wunden Punkt beim Gegner furchtbar auf die Nerven. Ein weiterer christlicher Wert ist die Sache mit der Wahrheit – was ist wahr in der Politik? Der Grundsatz für rechts und links müsste heißen: Man (frau) darf nicht betrügen. Deshalb sollte man bei Debatten wie zur Leitkultur, der doppelten Staatsbürgerschaft oder den fernsehgerechten Abschiebungen nach Afghanistan genau hinschauen, ob sie vom aufrichtigen Willen zu Problemlösungen getragen sind. Oder ist der Auftritt nur Kalkül für den nächsten Wahltag? Also: durchhalten, was man verspricht. Ich war als Politiker oft mit dem Vorwurf konfrontiert: »Um Himmels willen, der tut das auch noch, was er sagt.«

Das Interview als Video anschauen - hier.

Sie selbst erlebten eine doppelte Diaspora – als Protestant im katholischen München und als Protestant in der CSU. Inwieweit hat diese Konstellation Ihre Karriere geprägt?

Gauweiler: Auf meinen politischen Weg schaue ich dankbar zurück. Ich hatte wirklich viel Glück. Evangelisch sein hat mir in meiner katholischen Umwelt nie geschadet, ganz im Gegenteil. Umgekehrt war es manchmal eher anders: Als »rechter« CSUler war ich in meiner Kirche den fortschrittlichen Oberkirchenräten hin und wieder ein bisschen peinlich.

 

Was hält Sie in der evangelischen Kirche?

Gauweiler: Diese Frage hat sich mir nie gestellt. Ich bin getauft und froh, dass ich mir den Glauben meiner Kindheit bewahren konnte. Bekanntlich soll man das Himmelreich annehmen wie ein Kind, sonst gelangt man nicht hinein. Und ich hänge mit Überzeugung der »Confessio Augustana« an. Zu meiner Zeit gab es auch noch den Konfirmationseid, den ich abgeleistet habe. Als Bayer und Münchner war mir immer wichtig, dass die Evangelischen in Bayern keine im 19. Jahrhundert aus Preußen zugewanderte Sekte sind, sondern, andersherum, dass sich die Ursprünge der Reformation gerade auch in Bayern finden. Schon zu Lebzeiten Luthers neigten Bayern aus allen Bevölkerungsschichten der Reformation zu, schon lange vor der Reformation kamen vom Alten Hof der Wittelsbacher revolutionäre Ideen im Widerspruch zu Rom und Avignon. Noch auf dem Konzil von Trient forderte der bayerische Vertreter den Laien-Kelch für alle Gläubigen. Bayern braucht zu der barocken katholischen Kirchenkultur, die einem wunderbaren Festmahl gleicht, auch das evangelische Vollkornbrot durch unsere allein an der Schrift orientierte Kirche. Beides gehört zusammen. Ich kann jedenfalls ohne Vollkornbrot nicht leben und finde es eine Bereicherung, dass es so viele Wege zu Gott gibt, wie es Menschen gibt.

 

Ist es für Sie als überzeugten evangelischen Politiker dann eine Provokation, dass es im Zentrum Münchens keine evangelische Kirche gibt?

Gauweiler: Das ist schade, aber ein selbst gewähltes Schicksal unserer Kirche. Man kann ja auch im Dom gut beten, der gerade innen ziemlich evangelisch ausschaut. Es gab zwei große Chancen für rein evangelische Innenstadtkirchen: Unsere Oberen wurden mehr als einmal gefragt, ob sie die Allerheiligenhofkirche als Gotteshaus wollen, bevor diese säkularisiert wurde. Die zweite Chance war das ehemalige Kloster der Augustiner-Eremiten in der Fußgängerzone, in dem Luther sogar auf seiner Reise nach Italien eine seiner frühen Predigten gehalten haben soll. ln dem Gebäude ist jetzt das Jagdmuseum untergebracht. Ich hatte – bei aller Sympathie für Jagen und Fischen – damals eine Initiative für eine kirchliche Nutzung der ehemaligen Klosterkirche unterstützt. Daraus wurde aber nichts. Mit Ausnahme des Münchener Dekanats wollte das niemand.

 

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Sonntagsblatt