24.11.2017
Klassische Dirndl »à l’africaine«

Rahmée und Maries Dirndl aus afrikanischen Stoffen

Gut, der »Innovationspreis Volkskultur« der Landeshauptstadt München ist kein Oscar und auch nicht der »Bambi«. Wer allerdings die letzte Bambi-Verleihung im Fernsehen gesehen hat, darf bezweifeln, ob das ein Nachteil ist. Die Münchner Volkskultur-Preisträgerinnen 2017 heißen jedenfalls Rahmée Wetterich und Marie Darouiche. Beide wurden nicht in Bayern, sondern in Kamerun geboren.
Dirndl à l’africaine aus dem Münchner Glockenbachviertel: Rahmée Wetterich mit einer »Noh Nee«-Dirndlschürze.
Dirndl à l’africaine aus dem Münchner Glockenbachviertel: Rahmée Wetterich mit einer »Noh Nee«-Dirndlschürze.

 

Im Alten Münchner Rathaus wurden Rahmée Wetterich und Marie Darouiche nun geehrt für ihr »wegweisendes Projekt, neue Dirndl­mode zu entwickeln, die auf Grundlage traditioneller Schnittformen in Kombination mit typisch afrikanischen Stoffen eine bezaubernde Transformation von Tracht hervorbringt und damit einen herausragenden Beitrag zur Verbindung beider Kulturen leistet«. Besser als der Münchner Kulturreferent Küppers kann man kaum auf den Punkt bringen, was die beiden Schwestern modisch so treiben.

Marie (geb. 1952) ist das älteste von ingesamt sieben Darouiche-Kindern. Wie ihre jüngste Schwester Rahmée lebt sie seit Jahrzehnten in München. Sie ist ausgebildete Schneiderin und scheut ein bisschen die Öffentlichkeit. Die Vermarktung von »Noh Nee« und der bayerisch-afrikanischen Mode der beiden liegt bei der polyglotten, weltgewandten Rahmée. Sie ist mit einem Schreiner aus Niederbayern verheiratet. Ihre zwei inzwischen erwachsenen Kinder haben das Abitur an der französischen Schule gemacht. Die Idee Dirndl à l’africaine? Liegt da quasi in der Luft.

»Noh Nee« heißt »Gottesgeschenk«

Wobei: Das mit der Globalisierung reicht bei Marie und Rahmée sogar noch tiefer.

Rund 20 Prozent der Kameruner sind Muslime, aber die muslimischen Wurzeln der Darouiches liegen in Syrien. Der Vater der Schwestern war Koch bei der französischen Fremdenlegion und stammte aus dem syrischen Kurdistan. Im Hafen von Douala verliebte sich der Abenteurer in »die Blume des Hafens«, ihre Mutter, eine stolze Kameruner Adelige, wie Rahmée lachend erzählt. Sie heirateten. Der Vater machte in einem Dorf 40 Kilometer entfernt von Kameruns Hauptstadt Yaoundé einen Tante-Emma-Laden auf, er wurde Kakao-Händler und wohlhabend.

Und was bedeutet der Name »Noh Nee«, den die beiden ihrem Laden und ihrem Mode­label gegeben haben? Auch dahinter verbirgt sich eine Geschichte: »Meine Schwester ist religiös und wollte einen ›frommen‹ Namen, ich etwas, dass man leicht aussprechen kann«, grinst Rahmée. Sie ließen sich von einem Suaheli-Wort inspirieren: »Noni« heißt »Geschenk Gottes«.

 

Die Münchner Mode-Unternehmerin Rahmée Wetterich.
Die Münchner Mode-Unternehmerin Rahmée Wetterich.

Herkunft und Weltoffenheit

Über die Erlebnisse in ihrem Laden könne sie ein Buch schreiben, sagt Rahmée Wetterich. Mit Geschichten wie der von dem Mann, der seiner Frau ein Dirndl besorgen wollte. Warum die nicht zur Anprobe vorbeikomme? Weil sie in Israel lebe. Auch in Tel Aviv trägt man inzwischen also Dirndl à l’africaine. Oder die Geschichte von der Kundin, die sich mit Tränen in den Augen vor dem Spiegel in ihrem afrikanisch bunten Dirndl besah und in sattem bayerischen Dia­lekt bekannte: »Ich hätt mir nie vorgestellt, dass ich mal ein Dirndl trag.« Engstirnige Traditionsauslegung sorgt auch in Bayern bei manchen für Leidensdruck.

Die in der Münchner Werkstatt handgefertigten Einzelstücke sind nicht billig. Sie gehören eher in die Kategorie Abendkleid. Oder Kunstwerk. Zwei der Dirndl stehen bereits in Museen.

Herzensprojekt »The Project Justine – train the trainer«

Eine etwas günstigere Kollektion wird komplett im Benin genäht. Dahinter steckt ein Herzens­projekt von Rahmée Wetterich und Marie Darouiche. Denn von den heute meist in China hergestellten »afrikanischen« Stoffen profitiert man in Afrika oft wenig. Deswegen fördern die beiden nach dem Prinzip »Trainiere den Trainer« in Bersin­gou, einem Provinznest im Norden von Benin, eine einfache Dorfbewohnerin. Sie holten sie zur Ausbildung nach München und sorgten vor Ort für die nötige Infrastruktur. Vor ihrem Aufenthalt in München hatte Justine Payarou noch nie in ihrem Leben einen Staubsauger gesehen. Inzwischen leitet sie die afrikanische Filiale von Noh Nee und hat selbst zwei Lehrlinge.

Gerade hat Rahmée Wetterich in Bersingou für den gemeinnützigen Verein der beiden ein großes Grundstück gekauft. Eine Ausbildungs- und Begegnungsstätte wird hier entstehen. Die Karriere zur Selbstständigen, wie sie Justine Payarou hingelegt hat, soll auch anderen jungen Menschen möglich werden – damit diese wiederum ihr Wissen weitergeben. Zur Schneiderei werden weitere Handwerke dazukommen.

»Gemeinschaft! Spaltungen überwinden! Das ist viel wichtiger als jeder persönliche wirtschaftliche Erfolg«, sagt die Münchner Unternehmerin. Auch in Afrika hinterlasse die Globalisierung ihre Spuren der Vereinzelung. Trotzdem empfinde sie das als ihr wichtigstes afrikanisches Erbe: »Das Wir, das Teilen. Afrikaner haben die Gruppe, das Gefühl zusammenzugehören. Das nimmt die Angst. Vor der Zukunft und überhaupt.«

Davon kann man in Europa eine Menge lernen.

 

Internet: www.nohnee.com, theprojectjustine.com

Bayerisch-afrikanische Mode-Kooperation: Rahmée Wetterich (links) und Justine Payarou in Benin.
Bayerisch-afrikanische Mode-Kooperation: Rahmée Wetterich (links) und Justine Payarou in Benin.
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Sonntagsblatt