06.12.2017
Internationale Begegnungen

Salvadorianer erlebt deutschen Advent – im Kindergarten

München — 
Jedes Jahr arbeiten mehrere Dutzende bayerische Jugendliche über das landeskirchliche Partnerschaftswerk »Mission EineWelt« für ein Jahr als Freiwillige im Ausland. Sie gehen – global gesehen – vom »Norden« in den »Süden«: nach Costa Rica, Tansania oder Papua-Neuguinea. Aber es geht auch andersherum, und das heißt dann »Süd-Nord-Programm«. Fernando Rodríguez (23) ist der erste Freiwillige aus El Salvador, der in einer evangelischen Einrichtung in Bayern arbeitet. Gerade erlebt er im Kinderhaus der Münchner Kreuzkirche seinen ersten deutschen Advent. Mit Kerzenglanz, Schnee und Tannenzweigen. Nur das Feuerwerk an Weihnachten wird ihm vermutlich ein bisschen fehlen.
Der Salvadorianer Fernando Rodríguez im Kinderhaus St. Markus / Kreuzkirche in München-Schwabing.
Weihnachten ganz ohne Feuerwerk: Fernando Rodríguez aus El Salvador erlebt den bayerischen Advent im Kinderhaus der Münchner Kreuzkirche.

 

Sein erster Schnee ist es nicht. Weiß überzuckerte Dächer und Bäume einschließlich Eiseskälte hat Fernando Rodríguez zum ersten Mal in seinem Leben schon im vergangenen April erlebt, als er aus El Salvador in Deutschland ankam.

Rechtzeitig zum 1. Advent hat es in München wieder geschneit, und der Schnee ist sogar liegen geblieben. Vor allem aber hat sich eine Menge verändert im evangelischen Kinderhaus Sankt Markus/Kreuzkirche, in dem Fernando seit acht Monaten mitarbeitet: leuchtende Sterne und Tannenzweige wurden aufgehängt, Adventskränze aufgestellt, und die Kinder üben fleißig Lieder für den Nikolaus­besuch.

Wohl nirgends kann man die Adventszeit intensiver erleben als mit Kindern in einem Kindergarten, vor allem in einem christlichen wie dem Schwabinger Kinderhaus.

Friede ist das Wichtigste überhaupt

Die kindliche Vorfreude auf Weihnachten findet auch Fer­nando ansteckend. Wo er herkommt, feiert man Advent und Weihnachten ganz anders. Und auch sonst ist eine Menge anders.

Fernando Rodríguez kommt aus einem der gefährlichsten Viertel der salvadorianischen Hauptstadt San Salvador. In El Salvador, einem Land mit 6,5 Millionen Einwohnern und etwa so groß wie Hessen, sterben in zwei Wochen im Schnitt so viele Menschen durch Morde und Gewaltverbrechen wie in Deutschland in einem ganzen Jahr. Schon seit einigen Jahren entsendet Mission EineWelt keine deutschen Freiwilligen mehr nach El Salvador.

Was bedeutet es, in einem der gefährlichsten Länder der Welt zu leben, das kriminelle Jugendbanden (sogenannte »Maras«) in einen Krieg untereinander und mit der Polizei gestürzt haben? El Salvador sei ein enorm gestresstes Land, sagt Fernando, in dem »trotzdem tolle Menschen leben«. Nur, betont der 23-Jährige, »wo es so viel Gefahr und Gewalt gibt, bedeutet das, dass du dich aufs Überleben konzentrieren musst und nicht auf die Selbstverwirklichung«.

Als Fernando im April in Bayern ankam, dauerte es etwas, bis ihm klar wurde, was so entscheidend anders war: »Nach vier Tagen, als ich nachts draußen auf der Straße lief, wurde mir erst so richtig bewusst, dass ich hier wirklich in Sicherheit bin«, erinnert er sich.

Der Friede hier sei unschätzbar wertvoll – »unbezahlbar«. Er ist für ihn der größte Unterschied zwischen El Salvador und Deutschland. »Ich habe das Gefühl, hier kann ich mich ganz anders weiterentwickeln«, sagt Fernando, »einfach weil nicht mehr fast meine ganze Energie aufs Überleben ausgerichtet ist.«

Weihnachten ganz ohne Feuerwerk

Ein Dreivierteljahr lebt Fernando nun in Deutschland. Die Kinder im Kindergarten versteht er immer besser. Eigentlich ist er studierter Kommunikationswissenschaftler. Der Kindergarten war für ihn Neuland. »Mir gefällt, dass Kinder ihre wahren Gefühle zeigen und nichts vorspielen«, sagt er. Im Team sind neben fünf Kolleginnen noch zwei weitere junge Männer – was noch immer alles andere als selbstverständlich ist in der Frauendomäne Kindergarten. »Dabei wird hier eine Grundlage der Gesellschaft gelegt«, wundert sich Fernando.

Wenn seine Kinderhaus-Zeit im April zu Ende geht, würde er am liebsten hier bleiben für einen Aufbaustudiengang. Aber das geht nur mit einem Stipendium. Zurechtfinden würde er sich in München nun auch als Student jedenfalls sofort.

Der Advent, der Schnee und die Kerzen, all das gefällt ihm. Nur dem Heiligen Abend schaut Fernando mit gemischten Gefühlen entgegen. Es ist das erste Weihnachten ohne das Hühnchen seiner Mutter. Die ist Pfarrerin der kleinen lutherischen Kirche in El Salvador.

»Aber Weihnachten in der Kälte ist sehr spannend. Zu Hause feiern wir Weihnachten draußen im T-Shirt«, erzählt er. Und nicht alles ist anders: Auch in El Salvador ist Weihnachten vor allem ein Familienfest. Jetzt ist er gespannt, wie die Familie der Freunde, die ihn eingeladen haben, Weihnachten feiert.

Ein Feuerwerk um Mitternacht an Heiligabend wie in El Salvador wird Fernando bei ihnen allerdings ziemlich sicher nicht erleben. »Ich habe gehört, Feuerwerk gibt es hier nur an Silvester«, lacht er.

 

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