20.04.2014
Mesner in Jerusalem

Schwäbisch-arabischer Charme in der Erlöserkirche

»Die Altstadt, das ist unser Leben, da bin ich geboren, da bin ich aufgewachsen und meine Seele liegt hier in der Altstadt.« Das christliche Viertel der Altstadt von Jerusalem ist die Heimat von Yacoub Khoury (54), dem Mesner und Hausmeister der Erlöserkirche der deutschen evangelischen Gemeinde in Jerusalem.

In den schmalen Gassen, in denen es nach türkischem Kaffee mit Kardamom duftet, zwischen Souvenirläden mit Kreuzen und Dornenkronen, Ständen, die frisch gepressten Orangensaft, Datteln und köstliche arabische Süßigkeiten anbieten, ist er groß geworden. Dort, wo der Muezzin zum Gebet ruft und gleichzeitig die Kirchenglocken läuten und am Freitagabend die Schabbatsirene der ultraorthodoxen Juden ertönt.

Zur Schule ging Yacoub nach Beit Jala, in der Nähe von Bethlehem. Dort in der evangelischen Bildungseinrichtung Talitha Kumi wurde er unter anderem von »Bruder Daniel«, einem deutschen Mitarbeiter der Erlöserkirche, unterrichtet. Der gebürtige Schwabe verschaffte dem handwerklich begabten Jungen einen Ferienjob in der Kirchengemeinde und die beiden wurden Freunde.

Bruder Daniel half Yacoub dann auch weiter, als er nach seinem Schulabschluss keine geeignete Berufsschule für seine weitere Ausbildung fand. Als christlicher Palästinenser hätte er entweder in Jordanien oder in Israel studieren können. Doch es kam anders.

Der Weg nach Jerusalem

Daniel vermittelte ihm eine Lehrstelle in einem Elektrofachbetrieb auf der Schwäbischen Alb. Im Januar 1979 begann Yacoub dort seine Ausbildung und besuchte begleitend dazu die Fachhochschule in Ulm. Gewohnt hat er während dieser Zeit im evangelischen Pfarrhaus von Laichingen bei der Pfarrfamilie Maier.

Yacoub hätte gerne wie viele andere christliche Palästinenser in Deutschland bleiben wollen. Doch der Pfarrer redete ihm ins Gewissen, dass er in Jerusalem mehr für sein Volk tun könne. Im März 1984 ging es also zurück nach Jerusalem - und es sah zunächst nicht danach aus, als ob er einen Job bekommen würde. Doch sechs Monate später wurde Yacoub gebraucht. An der Erlöserkirche wurde eine Stelle frei.

Seit 30 Jahren arbeitet er nun als Hausmeister und Mesner in der wunderschönen ruhigen Anlage, einer Oase der Ruhe in der lebhaften Altstadt. Gleich um die Ecke von der imposanten weltberühmten und ständig überlaufenen Grabeskirche. Als Leiter eines Teams mit mehreren Mitarbeitern ist er verantwortlich für das Lutherische Gästehaus, die technische Instandhaltung der Gebäude, aber auch für Einkäufe und Gottesdienstvorbereitungen. Außerdem wartet er die vier Glocken auf dem Kirchturm.

Der Turm der Erlöserkirche ist berühmt für seine Aussicht. »Die schönste in der ganzen Altstadt«, versichert Yacoub. Im Rundumblick sieht man vom Damaskustor über den Felsendom, die Al Aksa Moschee und die Klagemauer bis hin zum Jaffator. Im Osten geht der Blick bis hin zu den Judäischen Bergen, wo die Wüste beginnt, zum Zionsberg und zum Ölberg. Dort, 850 Meter über dem Meeresspiegel und 1300 über dem Toten Meer, am höchsten Punkt Jerusalems, steht die Himmelfahrtkirche, die mit dem Pilger- und Begegnungszentrum zur Gemeinde gehört. Auch auf diesem Kirchturm hängen vier in Deutschland gegossene Glocken, die allerdings weitaus größer sind als die der Erlöserkirche. Um sie zu warten, hat Yacoub eigens eine Fortbildung in Erfurt absolviert.

Zwischen deutschem und arabischem Denken

Insgesamt ist seine Arbeit in der Gemeinde der Erlöserkirche geprägt von der deutschen Mentalität, aber »ich schalte immer um zwischen deutschem und arabischem Denken, wie es gerade gebraucht wird,« erzählt der Palästinenser mit arabischem Akzent und einem leicht schwäbischen Einschlag.

Vor Ostern gab es natürlich sehr viel Arbeit. Die Glocken der Altstadtkirchen wurden gewartet. Dabei arbeiten die katholischen und evangelischen Gemeinden eng zusammen. Zusätzliche Glockenspezialisten reisten extra aus Erfurt an, damit die Todesglocke am Karfreitag und das Glockengeläut in der Nacht auf Sonntag reibungslos funktionieren. Dafür ist Yacoub verantwortlich, aber auch die Gottesdienste mussten vorbereitet werden. Er musste Palmzweige besorgen, den Altar herrichten und vieles mehr.

Am Ostersonntag hat Yacoub frei. Da lädt der vierfache Familienvater traditionell seine ganze Verwandtschaft zu sich nach Hause ein: Es gibt Mansaf, ein köstliches libanesisches Gericht mit Lamm in arabischem Joghurt und Reis.

Wenn er Gäste hat, lebt Yacoub seine deutsche Seite: »Ich sage immer, da ist das Essen, kommt, bedient euch«, während seine Frau mit ihrer orientalischen Mentalität das Essen immer wieder anbietet und den Gast dazu drängt, mehr zu essen. »Und da krieg ich immer Probleme mit meiner Frau«. Ab und zu hat er Sehnsucht nach den Gerichten aus dem schwäbischen Pfarrhaushalt: »Linsen und Spätzle mit Rauchfleisch oder Maultaschen, das würd' ich gern mal wieder essen«, sagt er. Und was er sich noch sehnlichst wünscht: »Dass endlich Frieden sein wird zwischen Israel und Palästina.«

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Sonntagsblatt