06.01.2018
Marmelade selbstgemacht

Start-up »Mammalade« feiert ersten Geburstag

Neubiberg — 
Mit selbst gemachter Marmelade Geld verdienen? Was nach einer angestaubten Idee klingt, hat sich in Neubiberg binnen eines Jahres zum erfolgreichen Benefiz-Startup entwickelt: Am Dreikönigstag feiert »Mammalade« ihren ersten Geburtstag.
Mammalade-Team.
Helene Nestler (links) mit ihrem Küchenteam von »Mammalade«: Die Damen sind höchst erfinderisch beim Komponieren der Fruchtaufstrich-Zutaten.

Dreh- und Angelpunkt der Marmeladenküche ist Helene Nestler. Die 62-Jährige wollte mehrere Gedanken zu einem Projekt bündeln: Menschen auf Sinnsuche eine Beschäftigung geben, Lebensmittel vor der Tonne bewahren und Frauen in Not unterstützen. Und weil Nestler eine hervorragende Netzwerkerin ist, ging der Plan auf. Rund 7.000 Euro Gewinn hat Mammalade in ihrem ersten Jahr erwirtschaftet. »Davon unterstützen wir das Frauenobdach Karla 51: Einmal im Monat kochen wir für die 50 Bewohnerinnen, wir finanzieren Windeln und Erstlingsausstattung für Neugeborene und finanzieren Ausflüge wie zuletzt an den Tegernsee«, zählt die Gründerin auf.

Das Marmeladen-Netzwerk »Mammalade« hat viele Fäden: Zwei Supermärkte und ein Fruchtmarkt schenken den Köchinnen jeden Freitag reifes Obst, das nicht mehr verkauft werden kann. Ehrenamtliche holen die Ware ab und bringen sie zur evangelischen Corneliuskirche Neubiberg, die ihre Gemeindeküche kostenlos zur Verfügung stellt.

Exotische Mischungen sind Markenzeichen von »Mammalade«

Dort entscheidet das sechsköpfige Team, was in einen Topf kommt. »Wir wissen ja vorher nie, was wir bekommen«, erklärt Küchenchefin Nestler. Mal liegen im Korb fünf Mangos, zwei Kilo Trauben und ein Pfund Khaki – daraus kreieren die Damen fantasievolle Mischungen, die mittlerweile zum Markenzeichen von »Mammalade« geworden sind. Gut, dass die meisten Kunden experimentierfreudige Frauen sind, denn eins hat Nestler schnell gelernt: »Männer kaufen nur sortenrein.«

Getreu dem Motto »Das Auge isst mit« wird dann jedes Glas mit einem Stoffdecken bekränzt und mit einem handschriftlichen Anhänger geschmückt – 80 bis 120 Gläser pro Woche. »Das schaut süß aus, da bleiben sogar die Männer stehen«, weiß Nestler. Dann wandert die Ware ins Regal: drei Sozialkaufhäuser der Arbeiterwohlfahrt und eine Nachbarschaftshilfe sind feste Abnehmer – deren Kunden freuen sich besonders über den Friedenspreis von 2 Euro pro Glas.
 

Gläser schmücken.
Sisyphos lässt grüßen: Jedes Mammalade-Glas wird mit Stoffdeckchen, Anhänger und Aufkleber geschmückt.

»Mammalade« sucht Helferinnen und Helfer

Doch auch in den schicken Münchner Familienvierteln Neuhausen und Haidhausen steht »Mammalade« auf dem Frühstückstisch: Der sozial engagierte Bäckermeister Ludwig Neulinger hat den Neubiberger Fruchtaufstrich ins Sortiment seiner vier Filialen genommen. Und sogar im Kasino der Bayerischen Staatskanzlei gibt´s Mammalade: Über eine Schulaktion lernte Helene Nestler den Kantinenchef der Staatskanzlei kennen, der probierte - und orderte prompt. »Und im Dezember waren dann 40 Frauen aus der Karla 51 dort zum Weihnachtsessen eingeladen«, berichtet die rührige Strippenzieherin stolz.

Dass das Projekt so großen Erfolg hat, liege am Gesamtkonzept, meint Helene Nestler. »Es gefällt vielen, dass wir Lebensmittel vorm Wegwerfen bewahren und dass wir mit dem Gewinn Menschen in der Region unterstützen«, zählt sie auf. Auch die Solidarität zwischen Frauen sei ein Faktor für den Erfolg. Darüber, dass in ihrem Kochteam neben alleinstehenden oder älteren Frauen auch eine junge Syrerin mitmacht, freut sie sich besonders: »Sie lernt bei uns ganz nebenbei Deutsch.«

Der Erfolg von Mammalade macht Nestler beinahe Sorgen. »Wir könnten noch mehr Obst bekommen und mehr Marmelade verkaufen«, sagt sie. Doch die Logistik ist jetzt schon am Anschlag. »Was wir bräuchten, wären Ehrenamtliche für einen zweiten Einkochtag – und jemanden für die Führungsrolle, der mich vertreten kann«, sagt sie. Bislang liegt die Organisation komplett in den Händen von Helene Nestler, die aber selbst noch berufstätig ist. Sie könnte sich auch vorstellen, das Konzept zu exportieren: »Das funktioniert überall.« Einzige Voraussetzung: eine Küchenchefin mit Händchen für gute Kontakte.

 

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