01.07.2017
Pfarrerin Nora Steen in Portugal

Vom Wort-zum-Sonntag zur Pfarrerin in Lissabon

Lissabon — 
Früher sprach sie in der ARD das Wort zum Sonntag, nun leitet Nora Steen zusammen mit ihrem Ehemann Leif Mennrich die evangelische Kirchengemeinde von Lissabon. Und stellt dabei immer wieder fest, dass die religiösen Uhren hier etwas anders ticken als in Deutschland.
Pfarrerin Nora Steen in Lissabon.
Pfarrerin Nora Steen sorgt unter den konservativ geprägten katholischen Kollegen immer noch für Aufsehen

Eine Oase mitten in Lissabon. So beschreibt sich die evangelische Kirchengemeinde selbst in ihrem Flyer. Sie liegt zwischen Wohn- und Geschäftshäusern, am Eingang und im einladenden Garten des mit einer gelben Mauer umzäunten Grundstücks blühen Bougainvillea-Bäume in einem kräftigen Lila. Die Idylle lässt einen fast vergessen, dass man sich im Zentrum einer europäischen Hauptstadt befindet. Bis zu dem Moment, in dem aus dem Nichts plötzlich ein Airbus mit ohrenbetäubendem Lärm so dicht über den Kirchturm hinwegfliegt, dass man sich instinktiv ducken möchte, um nicht vom Fahrwerk gestreift zu werden. »Daran mussten wir uns am Anfang auch erst mal gewöhnen«, gesteht Pfarrerin Nora Steen, die hier gemeinsam mit ihrem Ehemann die Gemeinde leitet. »Wir wohnen sozusagen direkt in der Einflugschneise.« Am Anfang, gibt sie zu, sei das gerade für ihre beiden kleinen Töchter gewöhnungsbedürftig gewesen.

Evangelische Pfarrer in Lissabon

2015 entschloss sich das Pastorenpaar, für die nächsten sechs Jahre ins Ausland zu gehen. Dass ihre Wahl auf Lissabon fiel, war dabei eher Zufall. »Wir hatten uns die Ausschreibungen der evangelischen Kirche angesehen und da wir beide den Süden und den Atlantik mögen, war die Entscheidung schnell gefallen.« Bis dahin waren sie noch nie in Portugal gewesen und konnten auch die Sprache nicht, insofern war dieser Umzug für die beiden ein Sprung ins kalte Wasser.

Fast zwei Jahre ist das nun her. Inzwischen beherrschen sie die Landessprache ihrer Wahlheimat, die Gottesdienste halten sie aber weiterhin auf Deutsch. »Weil unsere Besucher mit der Sprache einfach ein Stück Heimat verbinden«, weiß Nora Steen. Portugiesisch braucht sie daher meist nur für besondere Gottesdienste wie Taufen und Eheschließungen. Oder Beerdigungen.

Niedriger Standard beim Sozialsystem

Doch gerade ältere Menschen, die schon lange hier leben, erzählt die Pastorin, bleiben oft nicht bis an ihr Lebensende in der Fremde. »Wenn der eine Partner stirbt, stellt sich für den anderen meist mit über 70 oder 80 Jahren dann die Frage: ›Was mache ich? Gehe ich nach Deutschland zurück oder bleibe ich hier?‹« Gerade letzte Woche hat sie eine alte Dame verabschiedet, die zurückgeht. »Es fiel ihr sichtlich schwer und war sicherlich eine Vernunft- und keine Herzensentscheidung.« Denn das portugiesische Sozialsystem und die Pflege seien sehr liebevoll, aber vom Standard her niedriger.

Warum Deutsche gerne nach Lissabon ziehen

Nora Steen beobachtet noch einen anderen Trend: Während die einen zurückgehen, um sozial abgesichert zu sein, kommen dafür im Gegenzug immer mehr Deutsche aus ganz neuen Beweggründen nach Lissabon. »Es fällt auf, dass sich einige Menschen aufgrund der Terrorgefahr in Deutschland nicht mehr frei und sicher fühlen und daher zu uns wollen. Vermutlich, weil sie gemerkt haben, dass dieses Thema bislang in Portugal nicht wirklich eine Rolle spielt. Dafür ist das Land politisch und wirtschaftlich zu uninteressant.«

Lissabon
Lissabon ist eine der ältesten evangelischen Auslandsgemeinden überhaupt. 1761 kamen evangelische Hanseaten hierher, um Handel zu treiben.

Sie selbst hat ihre Entscheidung, ins Ausland zu gehen, bislang noch keinen Tag bereut. Damit ihre Kinder den Kontakt zur Heimat nicht verlieren, reist sie mit ihnen regelmäßig nach Deutschland. Beim letzten Besuch, erinnert sie sich, habe sich ihre Tochter total darüber gefreut, ein gelbes Rapsfeld zu sehen. Denn das, sagte sie, gebe es in Portugal nun mal nicht. Bevor sie von Hannover wegging, sprach die Pastorin sechs Mal jährlich in der ARD das »Wort zum Sonntag«.

Wort zum Sonntag: Fünf Minuten im Fernsehen sprechen

Rückblickend gesehen wertet sie das als tolle Chance, dieses traditionellste Format im deutschen Fernsehen zu moderieren. »Wer bekommt schon die Möglichkeit, fünf Minuten am Stück ungeschnitten zu sprechen und so quasi in jedes deutsche Wohnzimmer zu gelangen?« Auf der anderen Seite schätzt sie den persönlichen Kontakt im Gottesdienst viel mehr. Zwar mit einer kleineren Reichweite, aber dafür kennt sie viele ihrer Zuhörer persönlich, kann sich Auge in Auge mit ihnen austauschen. »Ich sehe, wie sie reagieren. Das geht beim Fernsehen ja nicht.« Obwohl ihre Kirche nicht direkt im Stadtzentrum liegt, kommen seit gut einem Jahr auch immer mehr Touristen zum sonntäglichen Gottesdienst vorbei, verrät die 40-Jährige. »Manchmal sind es sogar ganze Reisegruppen, die mit dem Bus anreisen. Das zeigt mir: Egal, ob für Gemeindemitglieder oder Touristen: Ich werde hier gebraucht.«

»Die Arbeit hier hat etwas von einer Urgemeinde«

Die Herausforderungen, eine Auslandsgemeinde zu leiten, liegen vor allem im Miteinander. »Die Arbeit hier hat etwas von einer Urgemeinde. Unsere Aufgabe ist es vor allem, die Gemeinschaft zusammenzuhalten.« Das sei gerade in der Fremde wichtig, ein »Halt für die Menschen zu sein, die zu uns kommen«.

Um das zu vermitteln, sei eine hohe Präsenz gefragt, erzählt die Pfarrerin. Ein Engagement, das die aktuell rund 170 Kirchenmitglieder zu schätzen wissen. Der Kontakt untereinander, versichert sie, sei sehr eng, alle seien gut miteinander vernetzt. »Wenn es da mal jemandem schlecht geht, sind sofort andere da, die sich um denjenigen kümmern.« Das fehle vielen Menschen in Deutschland, sagt sie. »Deshalb haben wir hier auch viele Leute, die in Deutschland keine Kirche besuchten und hier nun fester Bestandteil der Gemeinschaft sind. Weil sie hier das gefunden haben, was sie suchten, nämlich ein soziales Umfeld.« Dazu gehören organisierte Ausflüge genauso wie das gemeinsame Essen und Beisammensein nach jedem Gottesdienst im Garten. Genügend Zeit, um über die Themen zu reden, die in der fernen Heimat gerade Schlagzeilen machen. Wie der Bundestagswahlkampf. Oder die Flüchtlingskrise.

Religionsunterricht an der Deutschen Schule in Lissabon

Neben ihrer Kirchenarbeit geben Nora Steen und ihr Ehemann an der deutschen Schule in Lissabon Religionsunterricht. Dass dies nicht selbstverständlich ist, war ihnen anfangs überhaupt nicht bewusst. »Wir waren völlig erstaunt, als wir erfuhren, dass in Portugal eigentlich kein Religionsunterricht an Schulen vorgesehen ist. Das hängt mit der klaren Trennung von Kirche und Staat zusammen, die auch aus der Verquickung der Diktatur unter António de Oliveira Salazar (1932-1968) mit der katholischen Kirche resultiert. Wir werden zwar toleriert, müssen uns aber sehr zurückhalten, da 85 Prozent der Kinder an der deutschen Schule portugiesisch sind und die Eltern befürchten, dass ihre Kinder von uns zu sehr missioniert werden. Insofern gibt es Schulgottesdienste auch nicht in dieser Selbstverständlichkeit, wie wir es aus Deutschland gewohnt waren.«

Kirche und Gemeindehaus des renommierten Architekten Otto Bartning aus dem Jahr 1934, Der Chor beim Singen im Gottesdienst.
Kirche und Gemeindehaus des renommierten Architekten Otto Bartning aus dem Jahr 1934, Der Chor beim Singen im Gottesdienst.

Auch Trauungen am Strand sind offiziell verboten, was vor allem Brautpaare aus Deutschland, die hier heiraten wollen, immer wieder bedauern. Portugal hat diesbezüglich seine ganz eigene, besondere Geschichte. Dafür hat die 1761 gegründete Glaubensgemeinde das Privileg, als erste evangelische Kirche in Portugal eine Kirchenglocke zu besitzen, mit der sie zum Gottesdienst läutet. Außerdem hat sie den einzigen deutschen Friedhof auf der iberischen Halbinsel. Zum 250-jährigen Bestehen der Gemeinde, das 2011 gefeiert wurde, kam auch die damalige Bischöfin Margot Käßmann vorbei, erwähnt Nora Steen beim Rundgang durch die Kirche.

Apropos: Die Tatsache, dass sie selbst als Frau ein Kirchenamt bekleidet, sorgt hierzulande unter den konservativ geprägten katholischen Kollegen immer noch für Aufsehen. Die Pastorin ist sich diesbezüglich ihrer Sonderstellung bewusst. »Es passiert manchmal schon, dass lieber mein Mann eingeladen wird oder dass bei ökumenischen Trauungen portugiesische Pfarrer abgelehnt haben, den Gottesdienst mit mir zusammen zu halten«, erzählt sie. »Insofern sehe ich mich hier in einer Vorreiterrolle und als absolute Exotin.«

Katholisches Portugal: Marienverehrung und den Weissagungen

Auch als Protestantin ist es ihr in einem durchweg katholischen Land schier unmöglich, den heiligen Ort Fátima mit seiner Marienverehrung und den Weissagungen der drei Hirtenkinder völlig zu ignorieren. Zumal Papst Franziskus erst kürzlich dort war und zwei von ihnen heilig gesprochen hat. Nora Steen gibt offen zu, mit der Vermarktung des Wallfahrtsorts so ihre Probleme zu haben. »Ich finde diese Kommerzialisierung abschreckend, auch zu sehen, dass viele Gläubige bestimmte Dinge dort symbolisch ins Feuer werfen. Das ist mir als Protestantin sehr fremd.« Die augenscheinliche tiefe Ergriffenheit und große Innerlichkeit der Gläubigen hingegen beeindruckt und berührt sie. »Da bieten wir als Evangelische zu wenig Möglichkeiten an, um Leid oder Schuld auszudrücken. Zu spüren, wie sich Körper und Seele dabei verbinden.«

Gemeindefest
Das Gemeindefest wird zusammen mit den Katholiken gefeiert.

Wirkliche Schnittstellen oder einen Austausch mit anderen Religionsgemeinschaften gibt es zum Bedauern der Pastorin kaum. »Da ist im Prinzip jeder für sich. Aber wir haben zumindest ein ökumenisches Sommerfest, das wir jedes Jahr gemeinsam mit den Katholiken gestalten.« Besonders am Herzen liegt ihrer Gemeinde in diesem Zusammenhang die Unterstützung eines einheimischen katholischen sozialen Projekts, das vom örtlichen Padre Cónego Francisco Crespo gegründet wurde, der hier verwurzelt ist, und der im sehr armen Stadtteil Bairro Serafina einen Kindergarten, eine Krippe, ein Altersheim sowie einen Jugendtreff betreut. »Hier finanzieren wir jeden Monat das Mittagessen mit mehreren Hundert Euro. Ohne Spenden ginge das aber nicht.« Damit spricht Nora Steen einen wichtigen Punkt an: die Finanzierung der Kirchengemeinschaft. Denn Kirchensteuern erhalten sie hier nicht. »Als eingetragener Verein sind wir sozusagen auf uns selbst gestellt und von freiwilligen Mitgliedsbeiträgen und Spenden abhängig, deren Höhe jeder selbst festlegt.«

Reformationsfest in Portugal

Etwas von diesem Geld braucht die Gemeinde aktuell für ein einmaliges Projekt. Denn zum anstehenden 500. Reformationsfest hat sich das Pastorenpaar etwas Besonderes einfallen lassen. »Wir wollen die weltweit erste portugiesische Fliesenbibel herstellen. Das fertige Werk soll dann im Rahmen eines ökumenischen Gottesdiensts am 31. Oktober feierlich an unserer Kirchenmauer eingeweiht werden«, freut sich Nora Steen.

Azulejos: Fliesen erinnern an Martin Luther

Dazu sollen über 200 »Azulejos«, wie die Fliesen in Portugal heißen und traditionell zum Stadtbild gehören, mit der nordfriesischen Tradition kombiniert werden. Das heißt, die Kacheln werden mit blauer Farbe auf weißem Grund bemalt. Die Gemeinde will so Martin Luthers zentrales Anliegen, die Bibel unters Volk zu bringen, visuell aufgreifen. 100 dieser Fliesen werden dafür von den Mitgliedern der evangelischen Kirchengemeinde bemalt, für die restlichen 100 fährt ein Team im Juli nach Wittenberg, um sie dort gestalten und per Post zukommen zu lassen. Dann werden sie in Lissabon zusammengesetzt. Eine Bibel-Fliesenwand in der portugiesischen Hauptstadt mit Motiven von der Schöpfung bis zu den ersten christlichen Gemeinden. Luther hätte das gefallen.

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