Was heißt hier evangelisch?

In Brasilien meint »evangelisch« nicht nur die lutherischen Kirchen, sondern auch Pfingstkirchen. Warum »Evangelischsein« auch so viel mit Deutschland zu tun hat, erklären wir hier.
Blick vom evangelisch-lutherischen Studienzentrum in Sao Leopoldo.
Blick vom evangelisch-lutherischen Studienzentrum in Sao Leopoldo.

Evangelisch heißt auf portugiesisch »evangélico«, so einfach ist es aber nicht. »Evangélico« oder »Igrejas evangélicas«, evangelische Kirchen also, nennen sich hier auch jene Freikirchen und Pfingstkirchen, die auf mich wie Sekten wirken. »Evangelikal« sagt man in Deutschland. In Brasilien nennt man die Prediger dieser Kirchen auch Charismatiker.

Reichtum wird als Zeichen der Liebe Gottes gedeutet

Im schlimmsten Fall waschen diese Charismatiker ihren Anhängern das Hirn und nehmen ihnen so viel Geld wie möglich ab. Reichtum wird als Zeichen der Liebe Gottes gedeutet, die Ansichten sind äußerst konservativ: gegen Alkohol, Sex vor der Ehe, Abtreibung, Homosexualität und oft auch gegen andere Religionen wie zum Beispiel die afrobrasilianischen. Klar also, dass sich die evangelische Kirche von diesem Humbug absetzen will und ihre Herkunft, also Martin Luther, betont. Protestanten nennen sich hier »luteranos« - eine Sache, die ich gelernt habe.

Was Evangelischsein mit Deutschland zu tun hat

Eine weitere: Evangelischsein in Brasilien hat viel mit Deutschland zu tun. Eigentlich logisch. Es waren die Deutschen, die 1824 den Protestantismus hierher gebracht haben. Die »Luteranos« von heute sind vor allem die Nachkommen dieser Einwanderer. Auf Bildern der evangelischen Gemeinde in Porto Alegre sieht man: der Posaunenchor (allein dass es sowas gibt!), die Pfarrer, die Gemeindemitglieder - sie sehen alle ziemlich deutsch aus, viele von ihnen haben deutsche Nachnamen. 

Die katholische und lutherische Kirche in Brasilien schrumpfen, während die Evangelikalen immer weiter wachsen, an Mitgliedern, Reichtum und Einfluss. Ihre politische Macht wurde zuletzt bei der Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff spürbar. Einige Parlamentarier stimmten im Namen Gottes und aller Evangelikalen gegen sie und für den neuen ultrarechten Kurs von Michel Temer. Religion und Gesellschaft in Brasilien lassen sich also nicht ohne diese anderen »Evangélicos« begreifen.

Vor zehn Jahren war ich einmal in einem evangelikalen Gottesdienst in Brasilien. Ich hoffe, ich kann meine Eindrücke auf dieser Reise auffrischen.

Evangelisch-Lutherische Kirche in Brasilien

Die Evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB oder auch IECLB) ist aus der Migration von Deutschen nach Brasilien im 19. Jahrhundert hervorgegangen. Inzwischen hat sich die EKLBB zu einer in der brasilianischen Gesellschaft verwurzelten Kirche entwickelt. In manchen Gemeinden spielt die deutsche Sprache in Gottesdienst und Seelsorge noch eine gewisse Rolle. Die EKLBB ist geografisch vor allem im Süden Brasiliens beheimatet.

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