29.03.2017
Ausstellung und Kunstprojekt in München

Was Kirchenasyl für Menschen bedeutet

München — 
Manchmal ist es eine einzige Entscheidung, die Menschenleben verändert. Syarta Kryeziu zum Beispiel stünde an diesem sonnigen Abend nicht in der Nazarethkirche München, wenn vor 20 Jahren ein Mann eine andere Entscheidung getroffen hätte.
Syarta Kryeziu hat als Fünfjährige sechs Monate im Kirchenasyl verbracht.
Ihre Familie flüchtete aus dem Kosovo, als Syarta fünf Jahre alt war. Sechs Monate verbrachten sie im Kirchenasyl – den Teddy aus dieser Zeit hütet Syarta bis heute.

Syarta Kryeziu ist die Namensgeberin der Ausstellung »Syartas Reise – Menschen im Kirchenasyl«, die bis Ende April in der Nazarethkirche zu sehen ist. Bei der Eröffnung steht sie, umringt von den Mitgliedern ihrer Familie, stolz und ein wenig aufgewühlt vor den Gästen. »Dankbar« sei sie, sagt die junge Frau. Dass sie nun diesen Moment erlebt, das hat mit Martin Schuster zu tun.

Der evangelische Pfarrer Schuster, mittlerweile verstorben, hatte Kryezius Familie vor über 20 Jahren rund sechs Monate lang Kirchen­asyl in München gewährt, als sie vor Gewalt und Drohungen aus dem Kosovo floh. Danach erhielt die sechsköpfige, albanischstämmige Familie Aufenthaltsrecht in Deutschland.

Martin Schusters Entscheidung also ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Syarta Kryeziu nun in Deutschland lebt, dafür dass die junge Frau als Dialyse-Schwester in Oberbayern ihren Lebensunterhalt verdient. Dass sie darüber hinaus im Mittelpunkt eines Kunst-Projekts steht, hat vor allem mit Sabine Böhlau, Andreas Tobias und Lena Gorelik zu tun. Die Theologin, der Fotograf und die Autorin haben Menschen aufgesucht, die im Kirchenasyl lebten – und teils immer noch dort leben.

Leben, küssen, lachen – dank Kirchenasyl

Insgesamt acht Männer und Frauen haben die drei für das Projekt »Syartas Reise« besucht. Ziel sei es nicht gewesen, Schicksale im Kirchenasyl zu »dokumentieren«, betont Böhlau. Ebenso wenig, wie eine politische Aussage oder Forderung zu treffen. Zusammen mit Tobias und Gorelik habe sie sich »für die Menschen interessiert«, sagt Böhlau. »Dass jeder Betrachter seine eigenen Schlüsse aus der Ausstellung zieht, das ist natürlich möglich«, sagt Böhlau. Später, so ist es geplant, soll aus dem Projekt ein Buch entstehen.

Tatsächlich sind in der Ausstellung neben Schnappschüssen aus dem Familienalbum, die die damals fünf Jahre alte Syarta im Kirchenasyl abbilden, ganz andere Bilder zu sehen: Andreas Tobias hat Syarta – genauso wie Shahinas aus Syrien und Elias aus dem Iran – auch in Alltagssituationen fotografiert: Als Menschen, die sich in ihrer neuen Heimat in Arbeitsklamotten zeigen, die lachen, ihre Partner küssen, oder zusammen an der Skulptur aus Luftballons arbeiten, die nun in der Nazareth-Kirche aufgebaut ist. Erleben konnten sie alle diese Momente an diesen Orten letztlich auch wegen ihrer Zeit im Kirchenasyl.

Natürlich gebe es im Kirchenasyl nicht immer nur positive Geschichten zu erzählen, sagt Böhlau. Aus ihrer Sicht gibt es unter den Erlebnissen der acht Protagonisten aber vor allem eine Gemeinsamkeit im Kirchenasyl: Wichtig gewesen sei für sie in der konkreten Notlage der »Moment der Überbrückung« und »der Kontakt zu den Menschen vor Ort«.

Solche Schicksale gibt es noch immer. Im Februar lebten in Deutschland nach Angaben des Bundesnetzwerks Kirchenasyl 520 Personen im Kirchenasyl, davon 141 Kinder. Nachdem jüngst auch in Bayern wiederholt Ermittlungsverfahren gegen Geistliche eingeleitet wurden, die Asyl gewährten, ist das Thema auch wieder ein Politikum.

In Sabine Böhlaus Worten ist das Kirchenasyl vor allem wichtig, um »eine Lücke zwischen Recht und Gerechtigkeit in Ruhe aushandeln zu können«. Syarta Kryeziu pflegt noch heute Kontakt zu den Menschen, die ihr vor 20 Jahren eine Brücke in das Leben in Deutschland bauten, sagt sie. Nicht nur zur Pfarrersfamilie: Erst kürzlich habe sie einen Bekannten wiedergetroffen, der ihr damals beim Deutschlernen half: »Nach 12 Jahren haben wir uns wiedergesehen, und diesmal habe ich mich erkundigt, wie das Leben ist und wie es geht und zugehört«, sagt sie. »Auf einmal war es umgekehrt.« Auch das sei ein schönes Erlebnis gewesen.

Unter dem Arm trägt Kryeziu kurz vor der offiziellen Eröffnung der Ausstellung einen alten Teddybär: ein Geschenk, das sie damals im Kirchenasyl erhalten hat – und nun ebenfalls ein wichtiges Symbol. Wie sie nun auf diese Zeit zurückblickt? »Das Kirchenasyl war sehr, sehr wichtig«, sagt Kryeziu. »Mein Leben wäre sonst nicht so, wie es ist.« Dann fasst sie ihre Gefühle noch einmal anders: »Deutschland war damals nicht mein Land. Jetzt ist es auch mein Land.«

Info

Die Ausstellung »Syartas Reise – Menschen im Kirchenasyl« ist noch bis 30. April in der Nazarethkirche München (Barbarossastr. 3) zu sehen.

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Sonntagsblatt