22.09.2013
Alzheimer im Alltag

Wenn der Ehepartner dement ist

Der Welt-Alzheimertag am 21. September erinnert an die rund 1,4 Millionen Menschen, die derzeit in Deutschland an Demenz erkrankt sind. Zwei Drittel von ihnen leben zu Hause - betreut von ihren Angehörigen. Ein solches Paar sind Günter und Erika Haßel. Eine Reportage über Verstehen ohne Worte, kleine Auszeiten und gemeinsame Tage.
Günter Haßel mit seiner Frau.
In der ersten Zeit nach der Diagnose »Demenz« hat sich Günter Haßel oft alleine gefühlt. Mittlerweile hat er sich mit seiner neuen Situation arrangiert.

Erika Haßel sitzt am Frühstückstisch im Wohnzimmer. Vor ihr steht ein Teller mit kleinen Stücken Marmeladebrot. »Eigentlich kann meine Frau noch alleine essen, aber offensichtlich will sie nicht mehr«, erklärt Günter Haßel. Erika Haßel kaut lange an ihrem Brot. Wenn sie geschluckt hat, schiebt ihr Mann ihr ein neues Stück in den Mund.

»Man braucht vor allem Zeit und viel Geduld«, sagt Günter Haßel. Seine Frau ist dement, er kümmert sich zu Hause um sie. Morgens kommt ein Pflegedienst, wäscht und zieht sie an. Alles andere macht er selbst. »Der Lebensinhalt reduziert sich schon sehr stark«, gibt Günter Haßel zu. »Im Grunde hangeln wir uns von einem Essen zum anderen.«

»Gell, wir machen das schon ganz gut«

Das Leben ist für den 74-Jährigen wieder ein bisschen wie mit einem kleinen Kind - nur umgekehrt. Er denkt oft, bestimmte Dinge, die seine Frau nicht mehr kann, müssten wiederkommen. »Aber das tun sie nicht«, sagt Haßel. Die Fähigkeit zu sprechen hat seine Frau mit den Jahren der Krankheit verloren. Es geht einfach nicht mehr. Günter Haßler hat es akzeptiert. Wie seine Frau sich fühlt, weiß er nach fast 50 Ehejahren auch ohne Worte. »Gell, wir machen das schon ganz gut«, sagt er zu seiner Frau, die nickt.

Dass sie wirklich verstanden hat, was ihr Mann gesagt hat, glaubt er nicht. Manchmal schauen die beiden abends gemeinsam fern. Die Filme von Rosamunde Pilcher hat Erika Haßel früher gerne gesehen. »Heute flimmert das Fernsehen wahrscheinlich nur an ihr vorbei«, sagt Haßel. Aber vielleicht freut sie sich heute auch noch darüber. Daran richtet er ihr gemeinsames Leben aus. Nachmittags geht er mit seiner Frau in ein Café zum Kuchen essen. So versucht Haßel seiner Frau ein Stück Lebensqualität zu geben.

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An zwei Tagen in der Woche geht Erika Haßel in eine Demenzgruppe. Für ihren Mann ist das eine Zeit zum Erholen. »Man muss schon aufpassen, dass man mal rauskommt«, gibt er zu. Er nutzt die Gelegenheit, um Freunde zu treffen oder wandern zu gehen; Dinge, die ihm wichtig sind. Auch Besorgungen macht er oft in dieser Zeit. »Wenn meine Frau beim Einkaufen dabei ist, brauchen wir doppelt so lange«, sagt Haßel und zuckt mit den Schultern. Es macht ihm nichts aus, dass alles seine Zeit braucht. »Zeit ist das Einzige, was wir wirklich haben« sagt er. Deswegen fährt er seine Frau auch selbst zu den Treffen der Demenzgruppe. Wenn sie abgeholt wird, muss sie pünktlich fertig sein, und das klappt nicht immer. Diesem Druck mag sich der Rentner nicht mehr aussetzen.

»Demenz haben wir jetzt seit sechs Jahren«

Anfangs wollte seine Frau nicht in der Demenzgruppe bleiben. »Heute hat sich bei ihr vieles beruhigt. Manche Dinge hat sie einfach losgelassen«, sagt Haßel. »Demenz haben wir jetzt seit sechs Jahren«, erklärt er. In der Zeit hat sich das Leben eingespielt zwischen den beiden. Günter Haßel hadert nicht mit dem Schicksal. Manche Tage seien unbequem, etwa wenn »das Wetter wunderschön ist und meine Frau nur rumhängt«. Aber im Großen und Ganzen geht es den beiden gut.

Der Blick von Erika Haßel wandert zwischen ihrem Mann und dem Besuch auf der Eckbank hin und her, als ob sie dem Gespräch folgen würde. Immer wieder bleibt ihr Blick bei ihm hängen. »Ist schon gut«, sagt er dann und sie widmet sich wieder ihrem Brot

Die Anfänge der Demenz waren schleichend. Zuerst sprach Erika Haßel manche Sätze nicht mehr zu Ende oder hatte Schwierigkeiten, das richtige Wort zu finden. Mit ihren Freundinnen wollte sie auch nicht mehr telefonieren. »Das hat sie früher gerne gemacht und stundenlang. Nach einer Stunde hatte sie, wie Frauen eben sind, immer erst das Nötigste erzählt«, sagt Günter Haßel. Aber erst als die Kinder sagten, die Mutter beteilige sich nicht mehr an Gesprächen, suchte das Ehepaar einen Neurologen auf. Der Arzt stellte dann die Diagnose: Demenz.

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»Ab diesem Moment stürmen natürlich viele Fragen auf einen ein«, schildert Haßel seine damalige Situation. Wie soll es weitergehen? Was kann ich tun? Er habe sich in dieser Zeit oft alleine gefühlt. Die Broschüren haben ihm nicht weitergeholfen: »Man liest nur Begriffe die einem nichts sagen. ›Verhinderungspflege‹, was soll das sein? Oder ›Betreuungsleistung‹?« Haßel hätte sich gewünscht, dass die Ärzte ihm einen Ansprechpartner genannt hätten, an den er sich mit seinen Fragen hätte wenden können. Heute weiß er, dass es viele Angebote und Hilfen für Demenzkranke und ihre Angehörigen gibt, aber damals musste er sich erst einmal durchkämpfen.

Günter Haßel hat sich inzwischen eingerichtet in seiner neuen Rolle. Einmal im Monat geht er zu einem Angehörigen-Treffen. »Es tut gut, wenn man sich mit Menschen unterhalten kann, die ähnliche Probleme haben.« Die komischen Blicke, die die Menschen seiner Frau und ihm zugeworfen haben, sind im Laufe der Zeit weniger geworden. Vielleicht weil viele Menschen in dem kleinen Ort Unterhaching ihn zumindest vom Sehen kennen? Haßel glaubt: »Der Gesellschaft ist das Thema ›Demenz‹ heute viel bewusster.« Daher reagieren auch die Menschen nicht mehr so befremdet.

»Wer weiß schon, was morgen ist«

Erika Haßel ist inzwischen fertig mit essen und sitzt geduldig auf der Eckbank. »Früher war sie die Lebhaftere von uns beiden«, erinnert sich Günter Haßel, heute ist sie sehr ruhig. »Da habe ich es relativ leicht mit ihr«, sagt ihr Mann. Vieles hat sich durch die Krankheit verändert. Manches ist aber beim Alten geblieben. Die Familie ist ihr genauso wichtig wie früher. »Wenn die Kinder und Enkelkinder zu Besuch kommen fühlt sie sich sichtlich wohl«, erzählt er.

Haßel hofft, dass er erkennt, wenn es nicht mehr weitergehen kann wie bisher: »Dann muss man eine realistische Entscheidung treffen«. Für den Fall, dass ihm plötzlich etwas passiert, hat er vorgesorgt und seine Frau in mehreren Heimen angemeldet, damit sie im Notfall auch sicher einen Platz bekommt. Die Patientenverfügung haben er und seine Frau gerade noch rechtzeitig ausgefüllt. Mit dem Betreuungsgericht wird er sich nicht auseinandersetzen müssen.

Irgendwann wird der Tag kommen, an dem seine Frau einen Rollstuhl braucht. Dann wird er ihr Bett vielleicht ins Wohnzimmer im Erdgeschoss stellen. Er hat aufgehört, große Pläne im Voraus zu machen. »Wer weiß schon, was morgen ist«, sagt er. Solange es geht, wird er seine Frau selbst versorgen. Bis dahin lässt er die Tage einfach auf sich zukommen.

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