11.05.2014
Pflege von Angehörigen

Wenn Pflegenden die Kraft ausgeht

Mit Liebe wird so einiges möglich - auch auf Kosten der eigenen Reserven. Daher ist es wichtig, rechtzeitig für Entlastung zu sorgen. Die Diakonie Neuendettelsau bietet Auszeit-Seminare für Menschen, die sich selbst um ihre Angehörigen kümmern.

Am schlimmsten ist das schlechte Gewissen. »Es hat mich lange nicht losgelassen«, sagt Eva Kesten. Vor einem Jahr hat die schmale Mittsechzigerin ihren Mann in einem Pflegeheim untergebracht. »Er ist hochgradig dement, eine Borreliose, die nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wurde«, erklärt Kesten. Viele Jahre hat sie ihren Mann gepflegt. Sie hat die Schuhe aus dem Mülleimer gefischt, ihren Mann festgehalten, wenn er im Winter in Unterhose auf die Straße laufen wollte, und still den Urin weggewischt.

Irgendwann ging es nicht mehr. Eva Kesten konnte nicht mehr. Erst jetzt, nach einem Jahr, kann sie über die schwierige Zeit sprechen. Im Haus Emmaus in Bad Reichenhall traf sie bei dem kostenlosen Kurs »Kraftquellen für Pflegende« der Diakonie Neuendettelsau auf andere Frauen, die ebenfalls ihre Angehörigen pflegen. 


Kräftezehrende Pflege

»Die meisten Menschen, die einen Angehörigen pflegen, sind Tag und Nacht damit beschäftigt«, erläutert Schwester Erna Biewald den Grund für das Angebot der Diakonie. Die Pflege dauere meist mehrere Jahre und gehe oft über die eigenen Kräfte der Pflegenden. Das einwöchige Programm im Haus Emmaus biete den Pflegenden die Möglichkeit, sich zu erholen und Gleichgesinnten zu begegnen.

Dossier

Pflege & Pflegende

Rund drei Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig und im Alltag auf Unterstützung angewiesen. Wie beantrage ich Pflegegeld bei der Krankenkasse? Wie gehe ich mit einem dementen Angehörigen um? Und wo bekomme ich als Pflegender Hilfe? Das uns vieles mehr erfahren Sie in unserem Themen-Dossier »Pflege & Pflegende«.

Jeden Tag beginnt Schwester Biewald mit einem Morgenimpuls. »Ich zeige zum Beispiel das Bild eines Baumes und gebe Denkanstöße dazu«, erklärt die Schwester. Anschließend werde über die Gedanken der Teilnehmerinnen diskutiert. 
Nach einem Mittagessen und einer längeren Pause geht es am Nachmittag weiter mit konkreten Hilfestellungen.

Der Diplom-Sozialpädagoge Rudi Veitengruber zeigt Entspannungsübungen und erläutert Methoden zur Stressbewältigung. »Oft haben Pflegende den Kontakt zu ihrem eigenen Körper verloren und müssen diesen erst mühsam wieder herstellen«, erläutert Veitengruber. Die Übungen helfen, »emotionalen Ballast abzuwerfen«. Bei manchen Teilnehmerinnen fließen dann die Tränen, oder es bricht die gesamte Wut und Verzweiflung aus ihnen heraus.

Geschützter Raum für pflegende Angehörige

»Das Seminar bietet einen geschützten Ort, an dem die Frauen lernen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind«, erläutert Schwester Biewald, die unterstützend seelsorgerliche Gespräche anbietet. 
»Ich habe hier gelernt, dass ich auch mal von mir reden darf«, erzählt Brigitte Brost. Sie habe erst einmal zwei Tage gebraucht, um überhaupt abschalten zu können von ihrer Situation zu Hause. Vier Jahre pflegte sie ihren an Krebs erkrankten und dementen Ehemann.

»Er konnte nicht mehr alleine essen, sich anziehen oder pflegen«, erzählt die weißhaarige Dame. Den Mann aus dem Bett heben und wieder hineinlegen raubte ihr die letzte Kraft. Erst die Hausärztin brachte die 77-Jährige dazu, ihren Mann in Pflege zu geben. »Mein schlechtes Gewissen ist erst weggegangen, als ich gesehen habe, wie gut es meinem Mann in dem Pflegeheim geht«, sagt Brost.


Das Seminar im Haus Emmaus hat Brost geholfen, sich zu öffnen. »Hier hat mich zum ersten Mal jemand gefragt, wie es mir geht«, erzählt sie. »Und ich habe mal wieder so richtig gelacht.« Und dann erzählt sie, wie sie ihren Mann kürzlich zum 57. Hochzeitstag im Pflegeheim besucht hat. »Er betrachtete den Kuchen, den ich mitgebracht habe, und sagte: ›Ich hätte nicht gedacht, dass ich heute Geburtstag habe‹«. Als sie daraufhin wiederholt habe, dass sie Hochzeitstag hätten, »schaute er mich groß an und meinte: ›Eigentlich passen wir gut zusammen. Wir könnten doch heiraten‹, erzählt Brost und wischt eine Träne aus dem Augenwinkel. 
Da schiebt Eva Kersten gleich eine andere Anekdote hinterher: »Einmal fragt mich mein Mann, warum ich ihn eigentlich pflege. Ich sage, weil ich dich lieb habe und wir verheiratet sind«, erzählt Kersten. Daraufhin antwortet er: »Hast du wenigstens einen netten Ehemann?«

Ein gemeinsames Schicksal verbindet

Die Runde lacht. Erzählen befreit, erlöst, verbindet. Auch das erfahren die Pflegenden in dem Seminar in Haus Emmaus. Selbst schwierige Geschichten finden hier einen Raum. 
Wie das Schicksal von Christine Schuh. Sie ist zuletzt jede Nacht bis zu zwölf Mal aufgestanden, um ihren Schwiegervater zu pflegen. Sechs Jahre pflegte sie ihre Schwiegermutter - Diabetes, Hüftoperationen, Nierenversagen, Demenz, herzkrank.

Im Mai starb die Schwiegermutter. Der Schwiegervater hatte vier Schlaganfälle und saß nach einem Oberschenkelhalsbruch im Rollstuhl. »Im November bin ich zusammengebrochen«, erzählt Schuh. Mit Schlafstörungen und einer Fibromyalgie musste sie mehrere Wochen in eine psychosomatische Klinik. Und dann? Ging es weiter mit der Pflege. »Bis mein Mann mir gesagt hat, so geht es nicht weiter«, erzählt Schuh. Inzwischen hat sie viel Unterstützung bekommen. Zusammen mit ihrem Mann will sie jetzt die nächsten Schritte planen, um Entlastung zu holen. »Sonst geht mein Familienleben auch noch kaputt«, sagt Schuh.

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