06.12.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

»Alle wischen nur auf ihren Smartphones«

Frau N. hat ein Wochenende bei ihren Enkeln verbracht, die vier und sechs Jahre alt sind. Sie irritiert wie viel Raum Smartphone & Co. im Leben der Familie ihrer Tochter einnehmen. Sie fragt sich, ob den Kindern so nicht ein ganzes Stück kindlicher Unbekümmertheit verlorengeht.

Ich habe neulich ein Wochenende in der Familie meiner Tochter verbracht, das mich immer noch beschäftigt. Mir fiel dabei vor allem auf, wie viel Zeit alle mit Tablets oder Smartphones verbringen. Ständig drückte oder wischte irgend jemand herum, sodass kaum einmal ein ungestörtes Miteinander möglich war.

Das seien eben mal die »neuen Medien«, ließ ich mich belehren. Digital statt analog. Sie würden unser Leben heute prägen, und das sei auch gut so. Vieles sei dadurch leichter geworden. Wir könnten uns z. B. alle besser und schneller informieren. Ja, die Entwicklung würde weitergehen. Es sei auch längst an der Zeit, dass in den Schulen Computer angeschafft werden. Ja, im Grunde gehörten die auch schon in die Kindergärten. Wir lebten nun mal im »digitalen Zeitalter«, so lernte ich, und könnten die Entwicklung nicht zurückdrehen.

Nun bin ich sicher altmodisch und frage mich, ob diese Begeisterung nicht doch auch fragwürdig ist. Im wörtlichen Sinne frag-würdig. Wenn ich so die beiden Enkel ansehe, gerade mal vier und sechs Jahre alt, die sollen doch spielen dürfen, herumtollen, Quatsch machen, singen dürfen. Brauchen die wirklich schon die ganze Technik? Geht dabei nicht auch ein ganzes Stück kindlicher Unbekümmertheit verloren?

Ich habe dies ausgesprochen, mich dann aber ziemlich zurückgehalten, weil die Familie meiner Tochter ihren Stil im Miteinander suchen und finden muss. Aber nachdenklich bin ich schon geworden.

Frau N.


Altmodisch? An zwei Stellen empfinde ich Sie ganz neumodisch oder, besser gesagt, ganz auf der Höhe der Zeit.

Sie blicken auf Ihre Enkelkinder und fragen: Brauchen sie nicht etwas ganz anderes? Spielen, herumtollen, Quatsch machen, singen? In der Tat: Manche Untersuchungen weisen darauf hin, dass ein zu früher Umgang mit elektronischen Geräten auch zu einem oberflächlichen Umgang mit dem Leben führen kann. Vieles kommt dann zu kurz: einmal in den Tag hineinzuleben, dann wieder miteinander zu reden, aufeinander zu hören, sich einfühlen, miteinander streiten und sich wieder versöhnen. Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer spricht in diesem Zusammenhang sogar von »Digitaler Demenz«.

Dabei geht es wohl gar nicht darum, die digitale Bildung gegen die analoge auszuspielen, sondern darum, beide Zugänge sinnvoll miteinander zu verbinden. Junge Menschen müssen vor allem Empathie und Interesse lernen, Vertrauen und Verantwortung. Alles, was eine Persönlichkeit ausmacht, und das lässt sich mehr durch Menschen als durch Maschinen vermitteln.

Für Jugendliche und junge Erwachsene, die schon ein Stück Lebenserfahrung und Kritikfähigkeit mitbringen – Fachleute sprechen von »Medienkompetenz« –, können die neuen Medien ein Gewinn sein. Sie helfen, Wissen zu erweitern, Querverbindungen herzustellen und Fragen zu vertiefen.

Nein, ich erlebe Sie nicht als altmodisch. Auch nicht in Ihrer Zurückhaltung der Familie Ihrer Tochter gegenüber: Sie spüren, dass diese ihren eigenen Stil finden muss. Sie haben sich eingebracht und Ihre Meinung kundgetan, sich dann aber auch wieder zurückgenommen. Und darin liegt wohl ein ganzes Stück Weisheit.

 

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