Nach einem Unglück: Wie helfe ich einem Freund?

Notfallseelsorger sind Experten für schwierige Gespräche. Sie begleiten Menschen, die zum Beispiel ihr Kind, den Ehemann oder die beste Freundin durch ein Unglück verloren haben. Doch eigentlich ist jeder gefragt, wenn Mitmenschen ein Schicksalsschlag ereilt. Was sagt man da? Und was sagt man besser nicht? Ein Gespräch mit Dietmar Frey, dem Leiter der evangelischen Notfallseelsorge im Dekanat München.
Dietmar Frey leitet die evangelische Notfallseelsorge München.
Der Diakon und Traumaberater Dietmar Frey leitet die evangelische Notfallseelsorge München.

Herr Frey, wie kann ich reagieren, wenn in meinem Freundeskreis ein Unglück geschehen ist?

Frey: Dasein und zuhören sind die zwei Dinge, um die es dann geht. Manchmal stelle ich fest: Der Betroffene oder auch ich selbst können noch gar nicht sprechen. Dann muss ich diese Sprachunfähigkeit, die Stille oder auch die Emotionen aushalten, ohne gleich peinlich berührt das Thema zu wechseln. In der Notfallseelsorge arbeiten wir mit Impulsfragen. Eine gute Impulsfrage für so einen Moment wäre: »Erzähl mal, was heute passiert ist – wie war dein Tag, bevor das Unglück geschehen ist, wie hast du davon erfahren?«

Gibt es Dinge, die ich besser nicht sagen sollte?

Frey: Die Sache verniedlichen oder verkleinern, das geht gar nicht. Sätze wie »Das wird schon wieder« sind tabu. Auch billiger Trost ist verboten, vermeintlich gute Beispiele von jemandem, dem es ähnlich ergangen ist. Und es ist wichtig, die Dinge klar auszusprechen, zum Beispiel: »Es ist schlimm, dass dein Freund gestorben ist.« Die Betroffenen sollen hören und spüren können, dass ihre Situation schlimm ist. Natürlich ist die Reaktion dann vielleicht noch schlimmer und es gibt ein großes Weinen oder lautes Schreien. Das muss man dann wiederum aushalten.

Eine Freundin, die ich sonst regelmäßig sehe, taucht plötzlich nicht mehr auf. Ich höre, dass sie z.B. ihr Kind verloren hat. Muss ich mich aktiv kümmern oder soll ich warten, bis sie auf mich zukommt?

Frey: Auf jeden Fall aktiv werden! Es ist wichtig, dass ich hingehe oder anrufe und sage, dass ich von dem Unglück gehört habe – auch wenn ich das Gefühl habe, das könnte unpassend sein. Lieber hole ich mir einen Korb, wenn die Freundin sagt, dass sie jetzt nicht darüber sprechen möchte. Aber ich habe ihr ein Zeichen gegeben: Du bist mir wichtig! Ich akzeptiere, dass du gerade nicht sprechen kannst oder willst. Aber ich bin da, falls du mich brauchst. Stellen Sie sich vor, Sie suchen den Kontakt nicht – dann sagt die Freundin später vielleicht: Als es mir am dreckigsten ging, da war niemand da.

Wie lange soll ich denn Rücksicht nehmen auf die besondere Situation von jemandem, der einen Todesfall verkraften muss oder der etwas Schreckliches erlebt hat?

Frey: Die ersten zwei bis vier Wochen nach einer Katastrophe sind entscheidend. Für die Betroffenen geht die Welt unter. Sie zittern, haben Alpträume oder Flashbacks, können nichts essen. Das sind normale Reaktionen des Körpers auf die psychische Ausnahmesituation. Wenn allerdings diese starken Symptome nach 14 Tagen oder spätestens einem Monat nicht besser werden, ist das ein Alarmzeichen. Dann ist professionelle Hilfe nötig. Als Freund oder Freundin kann man den Betroffenen beobachten und darauf ansprechen.

Was hilft noch?

Frey: Dem Betroffenen hilft es, wenn ich für ihn ein Begleiter bin, wenn ich ihn wieder sprachfähig mache, wenn ich keine Angst vor seiner Geschichte habe, wenn ich ein guter Zuhörer bin und regelmäßig den Kontakt suche. Nach einiger Zeit kann ich bewusst alte Geschichten erzählen: Was sind die positiven Erinnerungen, die wir mit dem Verstorbenen verbinden? Fotobücher sind dabei wie Schatzkisten: Ich kann sie ansehen, dabei Trauer und Freude spüren – und dann kann ich sie wieder zumachen und wegstellen.

Wie bin ich ein guter Zuhörer?

Frey: Indem ich Stille aushalte, nur wenige Impulsfragen stelle, darauf verzichte, ständig gute Beispiele zu bringen, und das, was der andere sagt, stehen lasse. Ich sollte an seinen Antworten nicht herumdoktern, und ich sollte ihn für das, was er sagt, nicht kritisieren – auch wenn ich es nicht verstehe oder nicht nachvollziehen kann. Ich kann zum Beispiel sagen: »Das ist ja Wahnsinn, wie Du das erlebt hast.« Als Christ kann ich dann noch schauen, ob der Mensch religiös verbunden ist oder mal war. Dann kann ich ihn einladen, ein gemeinsames Gebet zu sprechen. Oder ich kann ihm vorschlagen, abends den Tag im Gebet noch einmal durchzugehen – und alles, was an diesem Tag geschehen ist, mit einem »Amen« abzuschließen.

Was mache ich, wenn ich merke, dass mir das Leid zu nahe geht oder dass mir das zu viel wird?

Frey: Wenn die Erlebnisse für mich zu traumatisch oder zu emotional sind und ich merke, das übersteigt meine Kräfte, dann muss ich mich selbst schützen. Das kann ich dem Betroffenen zurückspiegeln: »Was du erlebt hast, berührt mich zu sehr – lass uns einen Profi suchen, mit dem wir zu dritt reden oder mit dem du allein darüber sprechen kannst.« Ich kann mich ein Stück zurückziehen, wenn ich sage: »Soll ich dir helfen, jemanden zu suchen?« Wichtig ist, dem anderen nichts überzustülpen, nichts gegen seinen Willen zu tun.

Wo finde ich als Laie Hilfsangebote?

Frey: Auf der Internetseite der Notfallseelsorge München findet sich eine Liste mit möglichen Ansprechpartnern.

 

 

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