08.11.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Treue in der Ehe: Eheblabla = Kirchenblabla

Herr S. meint: »Ehe? Alles Quatsch. Partnerschaften, solange sie Spaß machen, und dann nicht endlos aneinander kleben, sondern sich mit Anstand verabschieden.«

Ich war zweimal verheiratet. Beide Male ging es schief. Nach ein paar Jahren war es vorbei. Irgendwelche Besserwisser wollen mir immer einreden, dass ich am Scheitern schuld sei. Ich sei nicht beziehungsfähig, blabla. Ich sei nicht treu, blabla.

Ich kann nur sagen: große Täuschung. Nicht ich bin schuld, nicht die Hunderttausende, die sich jährlich scheiden lassen, sind schuld, die Ehe ist schuld. Diese Form des Zusammenseins ist nix für mich.

Jetzt habe ich Eheschließungen miterleben müssen. Welch qualvolle Veranstaltungen: »Willst du diese Frau, willst du diesen Mann zur Ehefrau bzw. zum Ehemann nehmen?« Ich kann nur sagen: blabla, Kirchenblabla. Die Leute wissen doch gar nicht, worauf sie sich einlassen. Dann der entsetzliche Höhepunkt: »... bis der Tod euch scheidet«. Blabla. Lebenslänglich also.

Ich habe mich entschieden: Partnerschaften, solange sie Spaß machen, und dann nicht endlos aneinander kleben, sondern sich mit Anstand verabschieden.

Herr S.

Sie lassen es aber krachen! Ich höre vor allem Blabla, und mein erster Impuls lautet: selber blabla! Dabei stelle ich mir vor, dass es Ihnen manchmal so geht. Sie provozieren und dann provoziert es zurück.

Aber es ergibt ja Sinn, was Sie sagen, und ich stimme Ihnen zu: Diese Form des Zusammenseins, die Ehe, ist nix für Sie. Da kommt schon eher Ihr Alternativprogramm infrage: Partnerschaften, solange sie Spaß machen, und dann nicht endlos aneinander kleben, sondern sich mit Anstand verabschieden. Nun weiß ich nicht, was Sie mit »Anstand« meinen, aber lassen wir das.

Erlauben Sie mir, eine andere Stimme danebenzustellen. Vor ein paar Tagen habe ich ein Buch aus der Hand gelegt. Geschrieben von der amerikanischen Schriftstellerin Siri Hustvedt, die kirchenblablamäßig völlig unverdächtig ist. Sie sagt:

»Ich bin seit Jahrzehnten verheiratet, mit einem Menschen, den ich liebe und für den ich mich interessiere, und wir haben seit 30 Jahren eine Unterhaltung, die ich immer noch genieße. Es könnte morgen vorbei sein. Aber der Punkt ist, das es seit so Langem eine Freundschaft und Liebesaffäre ist. Es gibt Hunderte von Beispielen, dass es möglich ist, über Tumulte hinweg eine lange Beziehung aufrechtzuerhalten.«

Soweit diese Stimme. Jetzt interessiert mich sehr, wie es Ihnen damit geht. Weckt sie Abwehr in Ihnen oder Staunen oder Neid oder ...? Vielleicht haben Sie Lust, sich mit irgendjemandem darüber auszutauschen.

Mag doch sein, dass Sie sich für sich selbst interessieren und herausfinden möchten, was hinter Ihrer Schnoddrigkeit steht. Ist da etwas, was sich nach Liebe sehnt, nach Dauer, nach Verlässlichkeit? Oder etwas, auch so könnte es sein, was mal sehr verletzt, sehr enttäuscht worden ist? Wie auch immer, es kommt wohl sehr darauf an, wie Sie sich selbst entscheiden. Ob das, was Sie mit so viel Verve schreiben, Ihr letztes Wort sein soll, oder ob Sie sich noch mal öffnen wollen. Für neue Überlegungen, für einen neuen ­Zugang zu der so unendlich wichtigen Frage nach unserem Zusammenleben.

 

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Theologe, Seelsorger, Therapeut

Waldemar Pisarski
Gleich mit zwei Beratungstexten in nur einer Ausgabe startete Waldemar Pisarski im April 1994 seine »Sprechstunden«-Karriere im Sonntagsblatt. »Herr A. (35)« wollte wissen, ob er trotz der Tratscherei in seiner Gemeinde wieder für den Kirchenvorstand kandidieren soll. Und »Frau M. (57)« fürchtete, zum Sorgen­abladeplatz für andere zu werden. Ihr antwortete Pisarski mit einem weisen jüdischen Witz. Bis heute sind in 23 Jahren über 600 »Sprechstunden« dazugekommen. Am 17. November 2017 wird der Seelsorger, Therapeut, Autor und Lehrsupervisor Waldemar Pisarski 75 Jahre alt.
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