Warum die Vorstellung von Schutzengeln Kindern guttut

Dass jedes Kind einen eigenen Schutzengel hat, ist nicht nur Wunschdenken vieler Eltern – schon das Matthäusevangelium spricht davon. Kinder brauchen Engel, sagt auch die Nürnberger Theologieprofessorin Martina Plieth. Warum, erklärt sie im Interview.
Engel

Frau Plieth, brauchen Kinder Engel?

Plieth: Es gibt eine sogenannte magische Phase, die bei Kindern zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr auftritt. In dieser Zeit entwickeln Kinder oft die Vorstellung von imaginären Freunden, unsichtbaren Begleitern. Sie brauchen das, um ihr kleines Ich, das sich noch entwickeln muss, zu stabilisieren. Ich erinnere mich an meine Cousine, die mit fünf Jahren einen unsichtbaren Freund hatte. Er hieß Lüss und durfte viel mehr als sie: Streichhölzer anzünden, allein über die Straße laufen. Lüss war ihr Gewährsmann
dafür, ihre eigenen Möglichkeiten auszuweiten. Solche imaginären Freunde bezeichnen Kinder nicht unbedingt als Engel. Sie sind aber der Ausgangspunkt für Engelsvorstellungen.

Wie stellen Kinder sich Engel vor?

Plieth: Kinder kriegen Himmel und Erde viel besser zusammen, als wir Erwachsenen. Für sie ist völlig klar: Gott ist ein Gott des Himmels und der Erde. Er kommt zu uns, ist wirklich bei uns anwesend. Sie stellen sich Engel vor als Schutzeinheiten, als Wesen, die für Gott arbeiten. Weil sie so offen sind für das Transzendente, spüren Kinder manchmal, dass es Dinge gibt, die man nicht beschreiben kann. Davon können sie erzählen. Wenn sie ganz viel gespürt haben, dann ist der Engel in der Erzählung groß und dick und mächtig. Wenn sie nicht so viel gespürt haben, ist der Engel vielleicht etwas kleiner. Der Psychoanalytiker C.G.Jung hat gesagt: »Wirklich ist, was wirkt.« Deshalb sind die Engelsvorstellungen von Kindern Wirklichkeit: Denn sie können spüren, dass ihr Engel sie beschützt und begleitet.

 

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Wie sollen kritische Erwachsene mit solchen kindlichen Engelsvorstellungen umgehen?

Plieth: Als aufgeklärter Mensch und Christin glaube ich nicht an Dämonen – und deshalb auch nicht an leibhaftige Engel. Ich glaube aber an Wirkmächte, und die sind nie autonom, sondern von Gott geschickt. Deshalb würde ich sagen: Lasst den Kindern ihre englischen Vorstellungen! Wenn man einem Kind sagt, dass es Engel gar nicht gibt, raubt man ihm die Schutzfunktion. Genauso schwierig ist es, zu sagen: Engel sind immer da und passen auf – das macht Kinder leichtfertig. Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt: »Jedes Kind hat einen Engel, der es nie verlässt.«

Ist eine solche Vorstellung nicht übertrieben?

Plieth: Es gibt zwei Stellen in der Bibel, die so eine Annahme stützen. Im Matthäusevangelium (18, 10) ist von den »Engeln der Kleinen« die Rede. Jedes Kind, so die Vorstellung, hat einen Engel im Himmel, und dieser Engel sieht ins Angesicht Gottes. Durch ihre Engel sind also alle Kinder direkt mit Gott verbunden. Und in der Apostelgeschichte (12,15) geht es um den Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreit. In der Bibel wird an dieser Stelle von »seinem« Engel gesprochen. Wenn also alle Kinder Engel haben, und Petrus sogar einen ihm persönlich zugeordneten, dann könnte man daraus ableiten, dass jeder Mensch einen persönlichen Engel hat. Klar ist: Die Vorstellung eines persönlichen Engels hat etwas Tröstendes, Aufbauendes. Martin Luther sagt in seinem Abendsegen allerdings nicht, »mein heiliger Engel sei mit mir«, sondern »dein heiliger Engel sei mit mir«, nämlich der Engel Gottes. Das ist ein guter Hinweis: Wir können Gott bitten, dass er uns behütet und uns seine Engel schickt. Und wir können Kinder ermutigen, dass sie sich das auch trauen: Gott um seine Engel zu bitten.

Wie ist es um die Engelstradition im Protestantismus bestellt?

Plieth: Es gibt eine sehr starke Engelstradition im römisch-katholischen Glauben. Aber auch die evangelische Kirche kennt Engel. Luther selbst hat als kleines Kind an Schutzengel geglaubt. Später hat er seinen Morgen- und Abendsegen mit einem »Engels-Wort« enden lassen. Luther sagt sinngemäß: »Der Engel führt uns. Er schaut, dass wir inwendig angeregt werden. Von ihm bekommen wir Sinn, Anstoß, Zeichen.« Das alles fällt natürlich beim Rauschgoldengel zur Weihnachtszeit weg. Das fi nde ich schade. Denn biblische Engel sagen auch mal Nein, rufen Stopp. Sie sind wachsam, wenn ihre Menschen gerade träumen und nicht achtgeben. Wir sollten uns an diese Neinsager-Engel wieder neu erinnern.

 

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Welche Engelstypen gibt es denn in der Bibel?

Plieth: Das ist ganz unterschiedlich. Engel sind in der Bibel mal geschlechtslos, mal Jünglinge, Männer oder auch Frauen. Als Seraphim haben sie sechs Flügel und Schlangenform. Die Cherubime sind mächtige Wächterengel, die mit einer Waffe in der Hand den Weg versperren. Thronoi sind unglaublich stark, sie können den Thron Gottes tragen. Im Mittelalter unterschied man drei Kategorien von Engeln: Berater, Verwalter, Boten. Gerade die Verwalter sind für Kinder spannend! Das sind nämlich keine Schreibtisch-Engel, sondern die Mächte, die Energie und die Kraft, auf die auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer mit seinem Lied »Von guten Mächten« Bezug nimmt. Kinder verstehen sofort, dass es zwischen Himmel und Erde total viel Macht und Kraft gibt, und dass man diese Engel nennen kann.

Zwischen persönlichem Beschützer und himmlischer Gewalt: Was sind denn Engel nun für Kinder?

Plieth: Kinder verstehen, dass tief in ihnen etwas ist, das ihnen den Weg zeigt. Wenn ein Kind etwas unbedingt will, kann iches fragen: Spür mal tief in dir, ob das gut ist für dich. Wenn es da einen inneren Widerstand spürt, etwas, dass es abhalten möchte, zum Beispiel aus dem Fenster zu klettern, dann kann ich das ganz allgemein »Gewissen« nennen. Oder ich nenne es Engel. Natürlich kann ich meinem Kind auch einen kleinen Plüschengel oder eine Engelsfi gur schenken, um zum Ausdruck zu bringen: Du bist nicht allein! Du bist begleitet und behütet! In manchen Situationen sind solche Übergangsobjekte hilfreich, zum Beispiel zum Schulanfang. Ein Engelchen am Federmäppchen kann ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes sein. Immer wenn ich es sehe, erinnert es mich an Gottes Versprechen: Ich bin dir nah, ich unterstütze und stärke dich. Wichtig ist nur, dass nicht die Figur selbst zum Fetisch wird! Sonst wäre es ja der Untergang, wenn sie einmal verloren geht. Es ist nicht die Figur, die wirkt. Gott selbst wirkt.

Täte eine Schutzengelvorstellung auch manchen Eltern gut?

Plieth: Den sogenannten Helikopter-Eltern, die ihren Kindern vor lauter Sorge kaum Freiraum lassen, könnte mehr Gottvertrauen helfen. Wer annimmt, dass wir von Gott kommen und auch wieder auf Gott zugehen, der kann leichter darauf vertrauen, dass eine Wirkmacht unseren Alltag bestimmt. Wenn dabei die Vorstellung hilft, dass es auch für mein Kind einen Engel Gottes gibt – warum nicht? Aber was ist, wenn dann doch etwas passiert? War der Engel dann gerade in der Sommerfrische? Wenn mir die Schutzengelvorstellung dabei hilft, dass ich Kindern Freiraum gebe, damit sie ihre Möglichkeiten austesten können, ist es gut. Aber ich kann mir keinen Engel mit Rundum-Schutz kaufen, wie es manche Versicherungen in ihren Werbeslogans versprechen. Die Frage ist doch: Gehe ist davon aus, dass mein Leben nur von meinem Tun und Wollen abhängt, dass ich alles selbst schaffen muss? Oder gehe ich davon aus, dass auch ich getragen bin und mir helfen lassen kann?

Erinnern Sie sich an den Engel Ihrer Kindheit?

Plieth: Als Kind hatte ich eine Engelsbegegnung der dritten Art. Ich hatte lange blonde Locken: der ideale Engel für das Krippenspiel. Aber meine Stimme war tief, und ich konnte das hohe »Vom Himmel her« nur mitbrummen. Die Lehrerin hörte das und ließ alle Engel einen Schritt vortreten zum Vorsingen. Und als sie meine Stimme hörte, zeigte sie mit dem Finger auf mich und sagte: »Ab heute bist du ein stummer Engel, oder du wirst Hirte.« Ich war den Tränen nahe. Ein stummer Engel wollte ich auf keinen Fall sein! Also bekam ich einen Stab, einen Hut und das alte Schaffell meines Urgroßvaters und durfte als Hirte mit meiner sonoren Stimme bald lange Textstücke im Krippenspiel aufsagen. Das fand ich viel besser, als nur ein schöner Engel zu sein, der nichts darf. Deshalb ist noch heute meine Haltung: Schön aussehen müssen Engel nicht. Aber sie müssen tatkräftig und wirkmächtig sein! Die Geschichte hatte übrigens noch eine Fortsetzung, als ich schon Hochschullehrerin war. Bei einer Weihnachtsfreizeit planten die Studierenden ein improvisiertes Krippenspiel. Ausgerechnet mir wiesen sie die Rolle des Engels zu, und ich sollte vor versammelter Mannschaft singen. Sofort war die ganze Kindheitsgeschichte wieder präsent. Ein junger Mitarbeiter spürte meine Hilflosigkeit. Er stellte sich einfach hinter mich, so dass man ihn nicht sehen konnte, und sang engelsgleich für mich – ich musste nur noch den Mund auf und zu machen. Er ist damals für mich zum Engel geworden und hat mich an Gottes Versprechen erinnert: Wenn Du in Not bist und nicht weiter weißt, helfe ich dir.

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