Warum Kirchengemeinden soziale Medien stärker nutzen sollten

Kirche im Internet? Beim zweiten Social-Media-Tag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau machen die Referenten aus Kirche und Medien deutlich, warum Kirchengemeinden und andere evangelische Einrichtungen dringend bei Facebook, Instagram und Co. aktiv werden sollten.
Smartphone

1. Kirche basiert auf Kommunikation

Religion und Kirche sind nach Ansicht des Journalisten Ingo Dachwitz eng mit den unterschiedlichsten Formen von Kommunikation verbunden. Die Geschichten aus der Bibel seien in unzähligen Gemälden aufgeriffen worden und würden bis heute von Künstlern in Bildern und Fotografien interpretiert, erläutert der Redakteur der Plattform netzpolitik.org und früherer Jugenddelegierter der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

»Johann Sebastian Bach hat die Evangelien zum Klingen gebracht«, sagt Dachwitz mit Blick auf Musikstücke wie die Johannes-Passion oder die Matthäus-Passion weiter. Und Jesus habe seine Botschaft mündlich als Wanderprediger verbreitet.

Soziale Netzwerke und Gemeindeleben haben Ähnlichkeiten

Später war es die Erfindung des Buchdrucks, die dazu führte, dass die von Martin Luther ins Deutsche übersetzte Bibel vervielfacht und verbreitet werden konnte. »Das Christentum war schon immer eine Medien-Religion«, resümiert der Journalist. Dennoch tue sich sie Kirche schwer mit den digitalen Medien.

Die sozialen Netzwerke entsprechen ihm zufolge genau dem evangelischen Grundgedanken: Im Gemeindeleben dürfe genau wie bei Facebook, Instagram oder Twitter jeder mitmachen und mitreden. Interaktion und Gemeinschaft stünden im Mittelpunkt. In den sozialen Medien seien dagegen bisher hauptsächlich institutionelle Einrichtungen vertreten - und nicht Pastoren, Diakone und einzelne Kirchengemeinden.

 

2. Digitale Medien bieten neue Formen, christliche Ansichten zu verbreiten

Die Zahlen der neuen ARD/ZDF-Onlinestudie 2017 verdeutlichen, welches Potenzial das Internet und die sozialen Medien auch für kirchliche und soziale Einrichtungen bieten: 90 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren nutzen der Studie zufolge das Internet. Etwa drei Viertel der Deutschen gehen jeden Tag ins Internet, das entspricht etwa 62,4 Millionen Menschen. Diese Zahl steigt seit 2004  - und dürfte künftig weiter zunehmen. 

Facebook gehört zum Alltag

Jugendliche und junge Erwachsene sind rund 4,5 Stunden am Tag im Internet aktiv, vor allem um Videos zu schauen, Musik zu hören und Texte zu lesen. Aber auch ältere Zielgruppen wie die 50- bis 69-Jährigen sind täglich über anderthalb Stunden im Netz unterwegs. Sie verbringen die meiste Zeit allerdings mit Shoppen, Spielen oder Surfen.

Die sozialen Medien sind fester Bestandteil im Alltag der Internetnutzer: 33 Prozent der Deutschen loggen sich mindestens einmal die Woche bei Facebook ein, 21 Prozent sogar täglich. Neun Prozent sind mindestens einmal die Woche bei Instagram, sechs Prozent bei Snapchat, drei Prozent bei Twitter online.

 

3. Kirche muss im Netz eine Stimme bekommen

Die Digitalisierung beeinflusst das komplette Leben, betont Netzexperte Ingo Dachwitz. Mittlerweile könne man nicht mehr nur Zugtickets online buchen, Einkäufe erledigen, Bastel- und Reparaturanleitungen suchen oder Rezept-Ideen googeln. Ganze politische und gesellschaftliche Diskurse würden in den Kommentarspalten sozialer Netzwerke ausgetragen. Menschen suchten neue Freunde oder Partner für Liebesbeziehungen im Netz.

Auch Tod und Sterben hätten inzwischen einen Platz im Internet gefunden, sagt Dachwitz. In Blogs beschäftigten sich Menschen mit dem Ende des Lebens und soziale Medien böten Trauerprofile für Verstorbene ein.

Internet ist realer Lebensraum

Das Internet habe großen Einfluss auf das Leben aller Menschen: »Das Internet und die sozialen Medien prägen unsere Weltsicht.« Über Filterblasen und Such-Algorithmen steuerten Unternehmen, von welchen Neuigkeiten oder Produkten Menschen erfahren.

Die digitalisierte Welt sei kein abstraktes Gebilde, sondern bilde einen Lebensraum für Menschen. »Das Leben spielt sich auch digital ab«, betont der Journalist, der in der Evangelischen Jugend tätig war. Viele könnten Online- und Offline-Welt kaum noch voneinander trennen.

Die Kirche habe online bisher allerdings kaum etwas zu bieten, kritisiert Dachwitz. Das Thema Religionen würde zwar immer wieder von anderen Anbietern behandelt, eine christliche Haltung werde aber kaum kommunziert.

 

4. Kirche kann im Internet neue Zielgruppen erreichen

Soziale Medien bieten nach Ansicht der Kommunikationsexpertin Eva Salzer die Gelegenheit, die Botschaft von Kirche und Christentum an Menschen zu verbreiten, die sonst nichts mit Gott und Glaube zu tun haben. Pastoren, Diakone oder ganze Gemeinden könnten sich zum Beispiel über Facebook-Gruppen oder öffentliche Beiträge an Diskussionen beteiligen, so den Bekanntheitsgrad ihrer Kirche steigern und Vertrauen aufbauen.

Außerdem könnten sie gezielt Menschen erreichen, die über andere Kommunikationsmittel der Gemeinde sonst nichts von ihrer Arbeit erfahren würden, betont Salzer. Während Senioren in der Regel den gedruckten Gemeindebrief lesen, seien junge Leute eher im Internet zu finden.

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