14.12.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Weihnachten, Familie, Augenrollen

Frau H. (48) will mit ihrem neuen Lebensgefährten und dessen Kindern Weihnachten feiern. Aber die signalisieren sehr deutlich, dass sie daran wenig interessiert sind.

Ich habe vor fast zwei Jahren einen wundervollen Mann kennengelernt, zärtlich, liebevoll, wir teilen viele Interessen und unterstützen uns gegenseitig in unserem Alltag. Er ist seit zehn Jahren alleinerziehend. Die Mutter hat die Familie verlassen. Seine jüngste Tochter ist jetzt 17.

Wir wollen gerne heiraten – aber seine Kinder sind sehr abweisend. Ich habe keine eigenen Kinder und bemühe mich sehr um die Kinder meines Freundes. Auch er möchte, dass wir alle eine neue Familie bilden. Weihnachten wollen wir dieses Jahr zum ersten Mal zusammen feiern – aber seine Kinder haben schon angekündigt, dass sie nicht wollen, dass ich dabei bin.

Die beiden Älteren haben gesagt: Dann kommen wir eben nicht. Und die 17-Jährige hat nur die Augen verdreht. Wir möchten beide nicht, dass die Kinder uns auseinanderbringen – aber wir wissen auch nicht, wie wir zusammenkommen können. Ich weiß nur, dass mein Partner mir sehr fehlt, wenn wir nicht zusammen sind.

Frau H. (48)

 

Wer sagt eigentlich, dass ausgerechnet Weihnachten die beste Gelegenheit ist, zum ersten Mal gemeinsam mit Ihrem neuen Partner und seinen Kindern »Familie« zu sein? Die Kinder machen Ihnen ja auch sonst schon deutlich, dass das Zusammensein mit der neuen Partnerin ihres Vaters nicht das ist, was sie sich unter Familie vorstellen.

So sehr Sie ein Recht haben auf eine glückliche Beziehung und ein Leben mit einem Partner – so wichtig scheint mir, dass Sie beide, aber auch die Kinder, die Möglichkeit bekommen, zu verstehen, was jeder sich zur Zeit eigentlich unter »Familie« so vorstellt.

Das, was sie mit ihrer leiblichen Mutter erlebt haben, prägt vermutlich ihre Vorstellungen davon, wie »Mütter« sind und was es bedeutet, eine »Familie« zu sein. Und weil die 17-Jährige das mit Worten nicht gut ausdrücken kann, rollt sie eben mit den Augen. Es könnte ja auch sein, dass sie überzeugt ist, die eigentliche »Familie« sind jetzt sie und ihr Vater, nachdem die Familie so zusammengeschrumpft ist. Und dass sie es als ihre Aufgabe sieht, diese Reste so gut wie möglich zu beschützen und zusammenzuhalten – und daher schon mal gar nicht jemanden hereinlassen will, der alles verändert.

Das Familienfest »Weihnachten« könnte also gerade in diesem Jahr zuallererst mal ein Anlass sein, darüber zu reden, was alle Beteiligten eigentlich unter »Familie« verstehen, was ihnen dabei wichtig ist, was sie bewahren und was sie verändern wollen. Das sind anstrengende Gespräche, aber sie sind hilfreich angesichts all der Veränderungen, die auf Sie zukommen. Eine Bekannte hat neulich mal gesagt, wer Kinder hat und wieder heiraten möchte, sollte doch einen Teil des Geldes, das für Blumenschmuck vorgesehen ist, lieber in ein paar Gespräche mit einem Familientherapeuten investieren ...

Und Weihnachten dieses Jahr? Vielleicht ist das ja ein Weihnachtsabend mit Freunden, ein kleines gemeinsames Weihnachtsessen in der Familie ihres Partners am nächsten Tag – und ein zweiter Weihnachtstag irgendwo, wo Sie beide gerne zu zweit sind? Gut, dass »Weihnachten« nicht nur am 24. Dezember ist …

 

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