27.09.2017
Judentum

Jom Kippur - der Versöhnungstag

24 Stunden lang nichts essen, nichts trinken, nicht rauchen, nicht duschen, nur Nachdenken über sich selbst und über das, was man falsch gemacht hat. Am Freitagabend (29. September 2017) beginnt für Juden in aller Welt der Jom Kippur, der große Versöhnungstag.
Schofar

 

Am höchsten Feiertag in der jüdischen Religion wird nicht gefeiert. Jom Kippur ist der »große Versöhnungstag« zwischen Gott und dem Menschen. Aber bis es soweit ist, muss der Mensch sich noch ein bisschen anstrengen. Denn Gott sitzt seit dem jüdischen Neujahrsfest »Rosh Hashana« (im Jahr 2017 vom 20. bis 22. September) über dem »Buch des Lebens« und schaut sich die Taten aller Menschen – auch der Nichtjuden – einmal genauer an. Und da die meisten nicht besonders gut abschneiden, weil alle doch hin und wieder ein bisschen betrügen, lügen oder ihr Wort nicht halten, gibt Gott den Menschen an Jom Kippur eine allerletzte Chance, ihre Fehler zu bereuen. Deshalb wird an Jom Kippur 24 Stunden lang gefastet.

Nicht nur fromme Juden, auch viele säkulare Juden verzichten von Freitagabend ab Sonnenuntergang bis Samstagabend (wieder bis Sonnenuntergang) auf Essen, Trinken, Körperpflege, Arbeit und jede Art von Ablenkung. »Denn wer nicht fastet an diesem Tage, der wird aus seinem Volk ausgerottet werden,« heißt es in der Tora. (3. Mose 23, 29)

Zum »Kol Nidre« in die Synagoge.

Vor dem Abendgottesdienst am Freitag, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, findet das Kol Nidre statt. Das ist genaugenommen kein Gebet. Der Kantor singt einen vorgegebenen Text, eine juristische Formel, mit der sich die Gläubigen von den Versprechen lossagen, die sie Gott gegeben haben und nicht einhalten konnten.

Der Kantor beginnt langsam und leise auf aramäisch zu singen.Der Gesang wird mehrmals wiederholt, immer lauter und ergreifender. Alle Gemeindemitglieder sind weiß gekleidet, denn an Jom Kippur tragen gläubige Juden ihr weißes Bußgewand, in dem sie auch einmal beerdigt werden.

Juden, die sonst nie in die Synagoge gehen

Beim Kol Nidre trifft man auch auf Juden, die sonst nicht in die Synagoge gehen. Es ist ein wenig wie bei den Christen an Weihnachten: Für viele ist es das einzige Mal im Jahr, dass sie das Gotteshaus betreten, denn das Kol Nidre gehört fest zur jüdischen Tradition. Fromme Juden verbringen den ganzen Samstag in der Synagoge und beten bis zu 10 Stunden. Das rituelle Blasen des Schofars, des Widderhorns, beendet dann den Jom Kippur.

Freude trotz strenger Vorschriften

Trotz des strengen Fastens und der Buße überwiegt am großen Versöhnungstag dennoch das Gefühl der Freude. Die Freude darüber, dass Gott dem Menschen letztendlich doch wieder vergibt und ihn ins Buch des Lebens einträgt.

In einem bekannten Gebet, das zu Jom Kippur gesprochen wird, heißt es:

Am Anfang des Jahres geschrieben
Und am Versöhnungstag gesiegelt (...):
Wer leben wird und wer sterben wird
Wer durch Feuer und wer durch Wasser
Wer bleibt und wer flieht (...)
Wer erhoben wird und wer erniedrigt wird
Wer reich wird und wer verarmt

Leonard Cohens Song »Who by fire« geht auf den Text eines Gebetes für die hohen Feiertage vor Jom Kippur zurück. Er komponierte das Lied, nachdem er 1973 vor israelischen Soldaten während des Jom-Kippur-Kriegs gesungen hatte.

Wer durch Feuer
Wer durch Wasser
Wer in der Sonne
Wer in der Nacht
Wer als Strafe Gottes
Wer durch irdisches Gericht
Wer in den Wonnen des Mai
Wer durch Siechtum
Und wer - wer entscheidet das?

Nicht nur für fromme Juden ist klar: Zuletzt entscheidet Gott.

 

Leonard Cohen: »Who By Fire«.
Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema:

Religiöse Feiertage

In der Karwoche, am Montagabend (10.4.), beginnt dieses Jahr auch das jüdische Pessachfest, das »Fest der ungesäuerten Brote«. Es heißt so, weil Juden jetzt sieben (in der Diaspora acht) Tage lang Matzen essen. Der Bayerische Müllerbund war kürzlich extra nach Israel gereist, um vor Ort das Geheimnis der Matzen und des Matzemehls zu lüften.
Share Facebook Twitter Google+ Share

Religiöse Feiertage

Hans Leonhard Schäufelein, Abendmahl, 1515, Ulmer Münster.
Nicht Weihnachten, sondern Ostern ist das höchste Fest der Christenheit. In diesem Jahr feiert die lateinische und die orthodoxe Christenheit wieder einmal zum gleichen Termin die Auferstehung des Herrn, was nur alle paar Jahre vorkommt. Aber wie berechnet sich eigentlich der Ostertermin? Warum finden das jüdische Pessach und Ostern selten, aber immer wieder gleichzeitig statt? Und warum schert die orthodoxe Christenheit genau dann immer aus einem gemeinsamen Ostertermin aus? Ein Streifzug durch die verzwickte österliche Kalendergeschichte.
Share Facebook Twitter Google+ Share
efa