16.11.2014
»Spiritual Care«

Wie Spiritualität und Medizin wieder zueinanderfinden wollen

»Es ist besser zu wissen, was für ein Mensch das ist, der eine Krankheit hat, als nur zu wissen, welche Krankheit er hat«: Gemäß dieser Aussage des kanadischen Mediziners William Osler aus dem Jahr 1901 entdeckt die Medizin heute wieder zunehmend die Bedeutung von Spiritualität.

Auf der Station von Claudia Bausewein tragen Ärzte keine Kittel. Denn der Kittel stehe für die Rolle Arzt; und die Professorin für Palliativmedizin in München-Großhadern will ihren Patienten als Mensch begegnen. »Der Patient ist natürlich Patient«, erklärt die Klinikdirektorin: »Aber vor allem ist er ein Mensch.« Und dasselbe gelte für den Arzt.

Als Palliativmedizinerin gehört es selbstverständlich zu ihren Aufgaben, schwer kranke Menschen auf ihrem oft letzten Weg zu begleiten. Und zwar nicht nur mit Medikamenten, sondern auch mit geistiger Zuwendung.

Doch was für sie selbstverständlich ist, ist für viele Nichtpalliativmediziner ein Hemmnis. »Das Heilen und Schmerzenlindern übernimmt man gern selbst, das Trösten wird delegiert an die Seelsorger«, berichtet Bausewein bei der Veranstaltung »Spiritualität und Medizin« des SZ-Forums Gesundheit in der Katholischen Akademie in Bayern.

Geistliche Fürsorge für Patienten

Doch diese strikte Trennung zwischen Medizin und Spiritualität scheint im Wandel. Die Wissenschaft dazu heißt »Spiritual Care«. Der evangelische Pfarrer Traugott Roser übersetzt das junge interdisziplinäre Fach an der Grenze zwischen Medizin und Theologie mit »Sorgende Haltung«.

»Spiritual Care« ist kein neumodischer Begriff für Seelsorge, betont Jesuit und Mediziner Eckhard Frick. Seit vier Jahren leitet der Professor Deutschlands ersten und bislang einzigen Lehrstuhl für »Spiritual Care« an der LMU München. Es gehe um eine Fürsorge, die geistlich sein kann - aber nicht muss. Darum, die Sorgen, Fragen und Bedürfnisse eines Kranken wahr- und ernst zu nehmen. Und zwar nicht nur als Seelsorger, sondern als jeder Mitarbeitende im Gesundheitswesen. Des Weiteren ist »Spiritual Care« nicht auf Palliativpatienten begrenzt: Sie wird überall relevant, wo Menschen in Grenzsituationen kommen, die Sinnfragen aufwerfen. Das kann bei der Mitteilung einer ernsten Diagnose sein oder auch bei chronischen Krankheiten.

Professor Eckhard Frick und Claudia Bausewein, Direktorin der Klinik für Pallia-tivmedizin in München-Großhadern
»Spiritual Care«-Professor Eckhard Frick und Claudia Bausewein, Direktorin der Klinik für Pallia-tivmedizin in München-Großhadern.

Dossier

Spiritualität und Mystik

In unserem Dossier zum Thema »Spiritualität« finden Sie Artikel rund um die christliche Frömmigkeitspraxis. Dazu gehören Mystik, Pilgern und Meditation, spirituelle Impulse und neue Formen der Gottesbegegnung. Hier geht es zum Dossier.

Spirituelle Begleitung verlangt Dasein, Zuhören und Empathie. »Es geht mehr um Sein als um Tun«, erklärt Bausewein. Doch genau das falle Ärzten häufig schwer. »Mediziner sind fixiert auf Handeln und Aktionen«, sagt sie. In »schweigender Aufmerksamkeit« neben einem Patientenbett zu sitzen mache viele schon nach wenigen Sekunden nervös. »Dabei rattert es währenddessen im Kopf des Gegenübers, und er kommt seinen Lösungen womöglich ein Stück näher«, sagt die Palliativmedizinerin. Hat sie das Gefühl, dass die Stille zu lange dauert, hakt sie nach: »Wo hängen Sie gerade?«

Nicht Trösten oder Antwortengeben sei zentral, sondern dem Patienten zu helfen, seine Antworten selbst zu finden. Treffend hat Palliativexpertin Monika Müller formuliert: »Begleiter können oft keine Antwort geben, aber sie können immer eine Antwort sein. Und damit dem anderen ermöglichen, in seine eigenen Antworten hineinzuwachsen.«

»Ich kann auch in fünf Minuten mit einem Patienten ziemlich auf den Punkt kommen«

Professorin Claudia Bausewein

Doch dafür braucht es einen geschützten Raum, Ruhe, Offenheit - und Zeit. Doch nicht auf die Dauer eines Gesprächs komme es an, sondern auf die Tiefe. »Ich kann auch in fünf Minuten mit einem Patienten ziemlich auf den Punkt kommen«, betont Bausewein. Zeit dürfe keine pauschale Ausrede sein - oft gehe es vielmehr um eine Frage der Haltung.

Denn manchen Ärzten kommt Spiritualität erst einmal verdächtig vor, erklärt Frick: »Werden mich die Kollegen für einen Spinner oder Esoteriker halten, wenn ich eine spirituelle Anamnese durchführe?« Das Thema löse oft Unbehagen aus, es gelte als intim. »Geht man damit nicht weg von der sicheren Objektivität der Wissenschaft?«, sei ein typischer Zweifel an spiritueller Zuwendung. Frick empfiehlt, »taktvoll, aber nicht vermeidend« mit Spiritualität umzugehen.

Um Hemmungen abzubauen, gibt »Spiritual Care« wissenschaftliche Instrumente wie Frage-Schemata und eine professionelle Sprache fürs Arzt-Patienten-Gespräch an die Hand. Was ist mit dir?, Wie geht es dir damit?, Wer geht mit dir?, Was trägt dich?: simple Fragen, mit denen sich spirituelle Bedürfnisse einfach abtasten lassen, beschreibt Krankenhausseelsorger Thomas Hagen. Auf der Palliativstation in Großhadern erlebt er eine bereits sehr gute Zusammenarbeit zwischen den Profis für körperliche Beschwerden, den Ärzten, und denen für geistige, den Seelsorgern. Doch so finde das noch viel zu selten statt. »Spirituelle Fürsorge ist eine gemeinsame Aufgabe«, betont er. Doch um sie umzusetzen, brauche es dafür in den Kliniken auch genügend Zeit und Raum.

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Bei allem Interesse wolle »Spiritual Care« Seelsorgern nichts »wegnehmen«, betont Frick. Sie sind und bleiben die Spiritualitäts-Spezialisten. Auch solle kein Arzt oder Pflegender etwas tun, womit er sich nicht wohlfühle. Doch gerade das Pflegepersonal sei eben häufig am nähesten an Patienten dran - vor allem nachts. »Nächte sind im Krankenhaus am schlimmsten«, erzählt Pflegeprofessorin Constanze Giese. Da wird gegrübelt, und die existenziellen Fragen rauben den Schlaf. »Ein Gespräch mit der Nachtschwester kann dann so manches Schmerzmittel ersetzen«, sagt sie.

Mit den aktuellen Bestrebungen knüpft die Medizin an eine uralte Tradition an. So wurden frühe Krankenhäuser im Mittelalter meist von Nonnen oder Mönchen geführt, die nicht zwischen körperlicher und geistlicher Versorgung trennten. Mit der zunehmenden Professionalisierung von Medizin und (Natur-)Wissenschaft verteilten sich die Zuständigkeiten. Nun könnte sich das wieder ändern: Seit den 70er-Jahren gewinne Spiritualität im Gesundheitswesen an Bedeutung, erklärt Frick. So sei die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen dazu von ein paar wenigen vor 40 Jahren auf knapp 1.000 im Jahr 2013 gestiegen.

»Geht's nicht auch um Lebensqualität - nicht nur um Lebensverlängerung?«

Professor Andreas Eigler

Gleichzeitig stehe im Stationsalltag der enorme betriebswirtschaftliche Fokus einer spirituellen Fürsorge im Weg, gesteht Professor Andreas Eigler, Chefarzt für Innere Medizin am Klinikum Dritter Orden in München. Unmengen an Bürokratie und Fallpauschalen, die genau aufzeigen, ab wann ein Patient zum »Minusgeschäft« wird, ließen kaum Ruhe für intensive Gespräche. Dennoch findet auch Eigler, dass Ärzte sich öfter erinnern sollten: »Geht's nicht auch um Lebensqualität - und nicht nur um Lebensverlängerung?«

Laut mancher Studien lasse sich mit »Spiritual Care« sogar Geld sparen, erklärt Frick. Die US-Forscher Tracy und Michael Balboni etwa fanden heraus, dass spirituell zufriedene Krebspatienten seltener auf teuren Intensivstationen sterben als unzufriedene.

Doch jenseits von Statistiken um Effektivität und Wirksamkeit geht es der »Spiritual Care« um etwas anderes: »Spiritualität ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen, genauso wie Nahrung und Sicherheit«, betont Frick. Entsprechend müsse es auch in der Medizin berücksichtigt werden. Roser ergänzt: »Ich kenne niemanden, der nicht spirituell wäre.«

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