»Die Orden zeigen, dass Ökumene gelingt«

Die katholischen Orden und evangelischen Kommunitäten kämpfen seit Jahren mit Überalterung und sinkenden Mitgliederzahlen. Am Rande des ökumenischen Ordensfests im Kloster Triefenstein erklären Schwester Scholastika Jurt (52), Generalpriorin der Kongregation der Arenberger Dominikanerinnen in Koblenz sowie Vorstandsmitglied in der Deutschen Ordensobernkonferenz, und Bruder Thomas Dürr (50), Subprior bei der Christusträger Bruderschaft Triefenstein, wie sie sich die Zukunft ihrer Gemeinschaften vorstellen - und was die Kirchen davon lernen können.
Die Orden und Kommunitäten stehen nach Einschätzung von Schwester Scholastika Jurt (52) und Bruder Thomas Dürr vor großen Veränderungen. Darin liege aber auch eine Chance.

Vervollständigen Sie bitte den Satz: Wenn ich an die Zukunft der Orden und Kommunitäten im deutschsprachigen Raum denke, dann ...

Schwester Scholastika: ... werden wir große Veränderungen erleben. Es wird vieles anders werden in den Gemeinschaften. Gerade darum ist es wichtig, zu hinterfragen, auf welchem Fundament wir als Gemeinschaften stehen und aus welchen Wurzeln wir leben. Wenn Jesus Christus dabei unsere Ausrichtung bleibt, wächst uns auch der Mut zu für ein verändertes Leben in kleineren Formen.

Bruder Thomas: ... wünsche ich mir eine lebendige nächste Generation. Das, was wir dazu beitragen können, wollen wir auch tun. Wir Christusträger haben in unserem Kloster ein Schild, auf dem steht: »Wegen Umbau geöffnet!« Die Grundfragen unserer Gemeinschaft aber bleiben, wenn jemand zu uns kommt: Suchst Du Gott? Suchst Du Gemeinschaft? Suchst Du eine sinnvolle Arbeit?

 

Die Orden und Kommunitäten im deutschsprachigen werden im Schnitt immer älter. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht für die Zukunft?

Thomas: Das eine ist: die Dankbarkeit für mein eigenes Leben als Bruder. Und auch eben die Feststellung, dass es viele Menschen gibt, die mit echter Sehnsucht unterwegs sind. Nachwuchs kann man nicht machen, man kann ihn nur verhindern - und wir versuchen alles aus dem Weg zu räumen, was Menschen im Weg stehen könnte, sich für unsere Lebensform zu entscheiden.

 

Was wäre das? Was könnte jemanden im Weg stehen?

Thomas: Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, ob wir einander mit Respekt und Würde begegnen. Welchen Raum ein neuer Bruder zur Entfaltung hat. Wie ernst wir eigentlich selbst unsere Lebensform nehmen. Ich will aber auch mit einer Gegenfrage antworten: Woran messen wir denn eine blühende Gemeinschaft? Sind es die Zahlen oder ist es das lebendige geistliche Leben?

 

Schwester Scholastika, woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?

Scholastika: Das Leben im Orden, das Leben als Christ zeichnet sich doch dadurch aus, dass wir Gottsucher sind. Wenn wir dem folgen, sind wir immer wieder herausgefordert. Mich erfüllt das durchaus mit Zuversicht, dass ich nicht weiß, wie das Ordensleben morgen aussieht. Ich vertraue darauf, dass Gott uns zeigt, was und wie wir morgen zu leben haben. Dazu gehört auch loszulassen.

 

Inwiefern loslassen?

Scholastika: Viele Orden - auch mein eigener - befinden sich in einer Neuorientierung. Wir geben Einrichtungen wie Krankenhäuser und Altenheime ab, weil wir auf Dauer nicht mehr die Ressourcen dafür haben.

 

Schmerzt das nicht, wenn man langjährige Einrichtungen wegen des Nachwuchsmangels auf- oder abgeben muss?

Scholastika: Unsere ureigene Aufgabe in der heutigen Welt ist es nach meiner Meinung nicht, ein Krankenhaus oder eine andere soziale Einrichtung zu betreiben. Aber der Mensch bleibt uns als Schwestern anvertraut, der Kranke, der Beeinträchtigte, der Suchende - nicht ein Haus, ein Gebäude. Mir fällt das vielleicht leichter als manch älterer Schwester. Ich kann das gut abgeben, weil dadurch die Hände frei werden für Neues. Heute kommt ja keine junge Frau mehr in den Orden, weil sie Krankenschwester werden will. Die Zeiten ändern sich...

 

Wenn Sie jemandem erklären müssten, der wenig mit Kirche und Glauben zu tun hatte: Wozu braucht es Orden und Kommunitäten?

Thomas: Das ist sicher nicht die gängigste Lebensform, aber es ist eine Möglichkeit, im Reich Gottes unterwegs zu sein. Nicht so stark christlich geprägten Menschen kann man es oft über unser Tun erklären: Wir engagieren uns für andere, betreiben Volksmission, früher mit Popbands, heute nehmen wir Pilger auf. Und die spüren diese besondere Atmosphäre bei uns oft sehr schnell.

Scholastika: Ich wäre vorsichtig mit der Aussage, dass die Welt Ordensgemeinschaften braucht. Die Welt braucht Gott, nicht uns. Aber hoffentlich wird etwas von ihm spürbar durch unsere Präsenz! Orden sind ja einst nicht entstanden, um zurückgezogen im Herrgottswinkel zu beten, sondern es gab Nöte - und die Gemeinschaften wurden als Antworten darauf gegründet.

 

Nichtsdestotrotz würden sie sich aber doch über mehr Zulauf freuen, oder?

Thomas: Klar freut man sich über jeden Bruder und jede Schwester, die kommt. Die sind das größte Kapital jeder Gemeinschaft.

Scholastika: Gemeinschaften haben einen Grundauftrag. Die größte Herausforderung ist es, diesen Grundauftrag immer wieder in die Gegenwart zu übersetzen. Heute ist es das, morgen ist es das. Es geht nicht um nackte Zahlen, sondern um Nachhaltigkeit. Uns ist es wichtig, dass jemand, der zu uns kommt, eine gesunde Spiritualität entwickelt, dass er gemeinschaftsfähig ist, dass er beziehungsfähig ist, dass er auch im Ordensleben mitgestalten kann.

 

Können Sie das ein bisschen näher erläutern?

Scholastika: Die große Frage ist: Was heißt es überhaupt, gemeinsam zu leben? Ich finde, die Gemeinschaftselemente dürfen sich nicht nur aufs gemeinsame Essen und Beten reduzieren. Da haben die Orden in der Vergangenheit zu wenig drauf geachtet.

 

Das heißt: Das gemeinsame Leben wird intensiver?

Thomas: Wir sind Lebens-, Glaubens-, und Dienstgemeinschaften - früher hat der Aspekt der Dienstgemeinschaft vieles überlagert, man hat vor allem zusammen in einer Einrichtung gearbeitet. Bei den Christusträgern ist es jetzt so, dass wir die Novizen in einer kleineren Station in der Schweiz aufnehmen und sie auf ihr Leben in der Gemeinschaft vorbereiten. Dort werden sie im überschaubaren Team vor allem von jüngeren, für Veränderung offenen Brüdern begleitet.

 

Es gibt evangelische Kommunitäten, die ein bisschen an der Interpretation der Evangelischen Räte »schrauben«. Sind diese Grundsätze wirklich verhandelbar?

Thomas: Als die Diakonissen in Zürich ihre Tracht abgelegt haben, um möglichst als »von heute« zu wirken, kam keine neue Schwester hinzu. Als sie in Bethel die Ehelosigkeit aufgegeben haben, kamen auch keine Massen an verheirateten Frauen. Viel mehr als um solche Dinge geht es doch darum, sich zu besinnen: Was ist eigentlich unsere Grundberufung? Man muss einfach festhalten, dass eher die konservativen Gemeinschaften und Orden noch Zulauf haben, nicht diejenigen, die ihre Grundsätze aufweichen. Ich glaube zu unserem Lebensentwurf gehören die Evangelischen Räte einfach dazu.

Scholastika: Die Evangelischen Räte kann ich auf jede Lebensform beziehen, ob nun im Kloster oder in der Ehe. Nehmen sie die »Ehelosigkeit«, ich sage lieber jungfräulich. Denn letztlich ist jede Liebe jungfräulich, die eine Liebe ist, ohne den anderen zu gebrauchen, ohne Nebenabsichten, klar ausgerichtet, lauter. Jede Ehe, jede Liebesbeziehung sollte eine jungfräuliche sein, nur dann ist sie echt. Man muss diese Begrifflichkeiten neu übersetzen. Aber nicht, indem wir sie aufweichen.

 

Wo sehen Sie die größten Gemeinsamkeiten zwischen katholischen Orden und evangelischen Kommunitäten?

Thomas: Die Lebensform, die wir in Kommunitäten und Orden leben, reicht in die Zeit der ungeteilten Kirche zurück - von daher sehe ich das, was gemeinsam ist. Ich möchte die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht verwischen, aber ich sehe sie nicht als trennend. Im Großraum Würzburg läuft etwa die Fortbildung der für das Noviziat, also den Nachwuchs Verantwortlichen in ökumenischer Gemeinschaft ab.

Scholastika: Gerade die Orden zeigen, dass Ökumene gelingen kann. Wir leben mit Jesus Christus in unserer Mitte, aus ihm wollen wir unser Leben gestalten.

 

Was können die Kirchen und die Kirchengemeinden demnach von den Orden und Kommunitäten lernen.

Thomas: Dass Schrumpfungsprozesse nicht das Ende der Welt sind. Wir sind nicht angetreten, um mehr zu werden, sondern um Jesus nachzufolgen. Das Kleinerwerden eröffnet Chancen und eine neue Freude in der Konzentration auf das wirklich Wichtige: den Glauben.

Scholastika: Die Gemeinden können lernen, warum man glaubt. Warum will ich mit Gott unterwegs sein? Warum gehe ich in die Kirche? Viele Christen denken heute noch sehr gemeinde- und gerade im katholischen Kontext sehr pfarrerzentriert. Ist kein Pfarrer mehr da oder gefällt mir seine Art zu predigen nicht, gehe ich nicht mehr hin. In Zeiten von Pfarrer- und Priestermangel muss man sich auf andere Formen von Gebet und dem Teilen des Wort Gottes zurückbesinnen. Das muss man wieder lernen, üben - das können wir zeigen.

 

Ist dieser Schrumpfungsprozess in den Orden und Kommunitäten nicht auch eine Gefahr? Kreist man dann nicht schnell nur um sich selbst?

Scholastika: In unserem Orden haben wir ein Durchschnittsalter von 80 Jahren - das birgt natürlich die Gefahr, dass man zunehmend um sich selbst kreist. Das ist alles nicht so leicht: Wir wollen Nachwuchs-kompatibel sein, aber unsere älteren Schwestern nicht überfordern. Auch wenn die Schwestern älter werden, körperliche und geistige Kräfte nachlassen - die Empathie, die Wachheit für die Nöte der Welt bleibt. Das sehen wir gerade jetzt, wenn ältere Schwestern bereit sind, ihr Bett für ein Kirchenasyl herzugeben. Ich glaube, wir Christen werden es künftig nicht mehr so bequem haben, wir werden gefordert sein in Zukunft, wir haben als Frieden stiftende Religion einen Auftrag in dieser Gesellschaft und in dieser Welt.

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