01.01.2017
Heilige Drei Könige

Was wir von den drei Magiern lernen können

Ein Aufbruch ins Ungewisse, eine Reise mit vagem Ziel, als Wegweiser nur ein Stern. Unser Autor Roland Spur schreibt aus der Sicht der Magier und zeigt, weshalb sie uns auch heute noch als Vorbild dienen können.
So stellte der französische Illustrator Gustave Doré die Reise nach Bethlehem dar. Sie erschien 1866 in der Prachtausgabe der Bibel von Tours im Verlag von Alfred Mame.

Mein Leben hat sich geändert. Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist. Ich versuch‘s zu verstehen. Ich bin ein anderer. Das spüre ich deutlich.

Es kam durch eine Reise. Ich wusste, sie wird lang werden und riskant. Zu Hause konnte ich beobachten, wie sich zwei Planeten auf ihren Bahnen am Himmel immer mehr annäherten. Jupiter und Saturn kamen sich so nahe, als seien sie ein einziger Stern. So hell, dass man sie tagsüber sehen konnte und nicht nur bei Nacht. Was hat das zu bedeuten?

Als persischer Priester habe ich natürlich auch Astronomie studiert, ich kann die Bewegungen und Bilder der Sterne deuten. Jupiter gilt als Königsstern und der Saturn als Stern Israels, diese Verbindung obendrein im Sternbild der Fische. Meine Entscheidung fiel mir nicht schwer: Ich werde dorthin reisen und dem neugeborenen König der Juden Ehre erweisen.

Also Aufbruch von Isfahan.

Unterwegs traf ich noch zwei Kollegen mit demselben Ziel; der eine stammt aus Seleukia-Ktesiphon und der andere aus Susa. Wir können Planeten-Positionen für die kommenden Jahre berechnen, Ebbe und Flut als Einfluss des Mondes. Schlichte Gemüter denken, wir gebildeten Theologen könnten zaubern – und so werden wir »Magier« genannt. Wenn Dummheit so verbreitet ist, kann man sie kaum ändern. Was soll’s? Wir drei schlossen uns zusammen. Es ging uns gut, die Menschen unterwegs waren freundlich, brachten uns Wasser, wenn wir in ein Dorf kamen. Wir brauchten nur 23 Tage für die rund 2000 Meilen und gingen in Jerusalem gleich am nächsten Morgen zum Palast. Noch immer bekomme ich beim Gedanken daran eine Gänsehaut.

Wir wurden respektvoll hereingelassen, und ich weiß noch gut, als ich dann dort in großer Runde fragte: »Wo finden wir den neugeborenen König der Juden?« Ganz still wurde es in der Gesellschaft dieser Reichen und Mächtigen. Ich verstand dieses plötzliche Schweigen nicht. Niemand gab mir ein Zeichen. Als Erklärung sagte ich noch voll Freude und Stolz: »Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind aus Persien gekommen, um ihm Ehre zu erweisen.« Gläser klirrten, jetzt bekam ich selber Angst: Immer mehr erschrockene Gesichter wandten sich Herodes zu. Der war totenblass, er schüttelte den Kopf, flüsterte jemandem etwas zu.

Herodes ließ führende Priester kommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der künftige Herrscher geboren werden sollte. Und ich verstand allmählich die Peinlichkeit der Situation: Es gibt hier im Palast keinen Prinzen. Und: Die wissen nichts. Gar nichts. Weder der König noch die ganzen hochmögenden Leute. Die haben offenbar keine Ahnung von ihrer eigenen Heiligen Schrift.

Nur eine kurze Besprechung, dann sagte einer der Schriftgelehrten: »In Bethlehem.« Und nach einer Pause: »Denn so hat es der Prophet geschrieben: »Dir, Bethlehem im Gebiet der Sippe Efrat, lässt der HERR sagen: So klein Du bist unter den Städten in Juda, aus Dir wird der künftige Herrscher über mein Volk Israel kommen. Er wird Frieden bringen und uns vor den Besatzern retten, die herkommen und in unser Land einfallen.«

Nach einer Schrecksekunde war die ganze Spannung weg.

Alles legte los, prustete und lachte: »Der König kommt aus Bethlehem!« »Retter, was für ein Witz!« »Bethlehem? Keine zehn Pferde bringen mich da rauf in das Kaff!« »Mäh! Mäh!« Wir dachten, wir könnten uns in dem Lärm unbemerkt verdrücken. Aber Herodes ließ uns noch in der Nacht von seinen Leute holen. Wir sollten nichts fragen, nicht reden. Unheimlich. Herodes zeigte freundliches Interesse. Wann wir die Zeichen am Himmel das erste Mal gesehen hätten. »Geht nach Bethlehem, meine Freunde, und erkundigt euch nach dem Kind«, sagte er uns, »und gebt mir Bescheid, sobald ihr’s gefunden habt. Dringende Regierungsgeschäfte hindern mich jetzt. Dann kann auch ich hingehen und ihm Ehre erweisen.« Zurück im Gasthaus fanden wir Reittiere vor und uns versorgt mit allem Nötigen. Wir fühlten uns wieder besser, so dankbar und erleichtert.

Dank einiger Hirten fanden wir in Bethlehem tatsächlich das neugeborene Kind. Seine Eltern wirkten verängstigt. Sie waren aus dem Aufstandsgebiet Galiläa geflüchtet und hatten Fürchterliches hinter sich. Die Steuererhebung der Römer war so erbarmungslos und hart, es wurde gefoltert, sodass es dort zu einem Aufstand kam. Quintilius Varus, ein brutaler Prokurator, ließ kurzerhand 6000 Leute kreuzigen, in Kapernaum, Sephoris, Kana, Nazareth. Josef hatte seine Mirjam, die im neunten Monat schwanger war, ins judäische Bergland in Sicherheit bringen können.

In dem Unterschlupf der geflüchteten Familie in Bethlehem wurde uns klar, dass wir den neuen König, den Retter, an der völlig falschen Adresse gesucht hatten, bei den Mächtigen und Schönen und Reichen. Was für ein Irrtum, was für ein Fehler! Wir erinnerten uns wieder an das Erlebnis der Jupiter-Saturn-Konjunktion. Auf einmal waren wir alle hocherfreut. Wie konnten wir den Stern nur aus den Augen verlieren! Und was dem friedlichen Zusammenleben dient! Mit seinen großen Augen schaute dieses Kind uns Fremde an. Seine Eltern freuten sich, dass wir von weither da waren, und auch über unsere Geschenke. Sie freuten sich über den Weihrauch und die Myrrhe. Im Stall roch’s jetzt anders, viel festlicher als im Palast. Und das Gold werden sie auf ihrer Flucht gut brauchen können. Wer weiß, ob und wann sie wieder zurückkönnen.

Als wir von Persien und vom Stern erzählten, sprach einer: »Wir haben auch so was in der Art. Das Lied eines Bileam.« Dann begann er: »Ich höre, was der HERR verkündet. Ich sehe, was der Mächtige mir zeigt. Ich liege da – die Augen geschlossen–, und schaue, was Gott mir offenbart: Ich sehe einen, noch ist er nicht da; ganz fern erblick ich ihn, er kommt bestimmt! Ein Stern geht auf im Volk der Jakobssöhne, ein König steigt empor in Israel.«

Daran muss ich immer wieder denken, »ein Stern aus Jakob«. Die Mutter dieses Kindes hatte von ihrer Tante gehört, wie deren Mann vor einem halben Jahr zu seinem Sohn gesagt hatte: »Und du, mein Kind – ein Prophet des Höchsten wirst du sein. Unser Gott ist voll Liebe und Erbarmen; er schickt uns den Retter, das Licht, das von oben kommt. Dieses Licht leuchtet allen, die im Dunkeln sind, die im finsteren Land des Todes leben, es richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.« Ja, ich spürte bei all den Worten: Ich will nicht leben wie die da oben, sondern Gott suchen. Und legte mich wohlig schlafen.

»Trotzdem, unser Aufbruch war richtig«

Doch dann bekam ich einen Albtraum. Blut, viel Blut. Lautes Weinen, Klagen und Geschrei. Mütter weinen um ihre Kinder und wollen sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr da. Solchen Machtmenschen wie Herodes ist nicht zu trauen. Er ist gefährlich, ein Lügner, ein Verbrecher. Hastige Abreise, der Weg anders als vorher. Nicht über Damaskus, Palmyra nach Persien, sondern über die Weihrauchstraße und Arabien zum Persischen Golf. Doch in der Oase Tayma erreichte uns die Nachricht, Herodes habe in Bethlehem und Umgebung alle Knaben bis zu zwei Jahren umbringen lassen. Was für ein Massaker an Kleinkindern! Wir fragten uns, voller Selbstvorwürfe: Hätten wir nach der Warnung durch den Traum eher umkehren und ihm listig irgendetwas vorlügen sollen, damit dieses Morden nicht hätte passieren können oder müssen? Wann gibt’s wirklichen Frieden, oder bleibt das doch nur eine Sehnsucht? Weil wir Menschen es nicht hinbekommen, diese Mörder und Militärs zu bremsen, zu kontrollieren.

Trotzdem, unser Aufbruch war richtig. Wir haben den aufgehenden Stern aus Jakob gesehen, allen hässlichen Nachrichten zum Trotz.

Wo gibt es in meinem Leben nun Aufbruch? Vielleicht Aufbruch aus Bitterkeit und Resignation. Aus Verletzungen, die einen lähmen können und daran hindern, neue Möglichkeiten und das Schöne im Leben zu entdecken. Hadern hindert. Ich will lieber aufbrechen hin zu einem Menschen, dem ich mich entfremdet habe oder von dem mich unausgesprochener Ärger trennt. Mein Leben wird sich ändern, Gott sei Dank.

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