12.08.2017
Orgelmusik

Citykirchen München: Orgelmusik bringt Kultur in den Sommer

München — 
Der Münchner Orgelsommer, ein Gemeinschaftsprojekt der sechs evangelischen Münchner Citykirchen, ist in vollem Gange. Ein Gespräch mit Lukaskantor Tobias Frank über die »Königin der Instrumente« - und was eine alte Redewendung bedeutet...
Lukaskantor Tobias Frank am Spieltisch der Steinmeyer-Orgel.
Lukaskantor Tobias Frank am Spieltisch der Steinmeyer-Orgel.

Opernferien, Theaterferien, Orchesterferien – im Sommer ist in Sachen Hochkultur nix los. Eine Chance für die Kirchen, mit dem Orgelsommer klassisches Publikum anzulocken?

Frank: Wir haben die Reihe nicht bewusst in die spielfreie Zeit der großen Kulturhäuser gelegt. Aber natürlich profitieren wir davon, dass im August viele Urlauber und Touristen in München unterwegs sind – da kommen schon mal 300 Menschen ins Konzert. Außerdem bietet uns der Sommer die Gelegenheit, ganz entspannt ein paar neue Formate wie das Orgelkino zu wagen.

Auf dem Programm stehen viele moderne Stücke. Sind Orgelhörer aufgeschlossener, als Opernbesucher?

Frank: Wir spielen viele moderne Komponisten, aber es ist keiner dabei, den ich in klanglicher Hinsicht grenzwertig nennen würde. Allgemein machen wir Organisten uns Gedanken, wie wir unser Publikum durch pfiffige Konzertprogramme bei Laune halten können. Wir nutzen den Orgelsommer aber auch, um mit ein paar Klischees in punkto Kirche aufzuräumen: Darf man da lachen? Gibt es einen Verhaltenskodex? Bei den Konzerten in St. Lukas können die Besucher in der Pause mit einem Glas Rotwein in der Hand durch die Kirche schlendern – und sie nicht nur als religiösen Ort, sondern auch als kulturellen Lebensraum erfahren.

Als Zuhörer und Zuschauer wird einem in Orgelkonzerten fast schwindlig: Wie schaffen Sie das, Ihre Hände und Füße gleichzeitig in gegensätzlichen Rhythmen zu bewegen?

Frank: Studien sagen, dass bei Organisten die Gehirnhälften besser vernetzt sind. Die Koordination bereitet mir keine Mühe, das ist jahrelanges Training. Von alleine geht es aber immer noch nicht: Bis bei einem neuen anspruchsvollen Orgelstück die Bewegungen aller vier Extremitäten richtig ins Körpergefühl übergegangen sind, muss ich ganz schön arbeiten. Oft hilft es, ein Stück mal einen Monat liegen zu lassen. Wenn ich es dann wieder übe, merke ich, wie sich der Körper erinnert.

 

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Orgel als Königin der Instrumente

Die Orgel ist ja angeblich die Königin der Instrumente – warum?

Frank: Der Ausspruch stammt eigentlich von Mozart. Und das mit der Königin stimmt schon: Die Orgel hat eine dynamische Palette und einen Tonumfang wie kein anderes Instrument. Von Pianissimo bis zum gewaltigen Tutti ist alles möglich. Ich kann mit ihr Solo spielen und mich gleichzeitig selbst begleiten – das schafft keine Geige. Sie ist ein sehr physisches Instrument: Man spürt den Boden vibrieren und die tiefen Töne im Bauch grummeln. Und jede Orgel ist einzigartig.

Was ist das Besondere an der Steinmeyer-Orgel in St. Lukas?

Frank: Die Denkmalpflege stuft sie als eine der bedeutendsten Instrumente der 1930er-Jahre ein. Sie gehört mit ihren 72 Registern zu den größten Steinmeyer-Orgeln aus dieser Zeit weltweit. Ursprünglich verfügte sie über einen spätromantischen Klangcharakter. Leider wurde ihr die Klangidentität bei der Sanierung von 1967 genommen. Dem damaligen Zeitgeschmack folgend hat man gewissermaßen die Klangpyramide umgedreht: die tiefen Frequenzen gedrosselt und die hohen verstärkt, wodurch die Wärme im Klang verloren ging und manches schriller wurde. Deshalb freue ich mich schon auf die Innensanierung der Lukaskirche, denn dann wird auch die Orgel von der Berliner Orgelbauwerkstatt Schuke renoviert. Geplant sind neben der allgemeinen Instandsetzung und Reinigung zwei neue Spieltische für Orgelempore und Kirchenschiff, der Wiedereinbau des zweiten Schwellwerks, die Rückführung auf den spätromantischen Charakter und die Vervollständigung der Disposition um sechs Register,  wie Oboe, Flöte, Gambe und Klarinette.

Sie spielen häufig Konzerte im Ausland: Welche Orgel hat Sie am meisten beeindruckt?

Frank: Als Junge habe ich immer davon geträumt, einmal in Westminster Abbey zu spielen. Mittlerweile ist aus diesem Traum Wirklichkeit geworden. Meine Lieblingsorgel in England ist die der Temple Church in London, das ist wirklich ein fettes Instrument. Kommendes Jahr steht dann ein Konzert in Notre-Dame in Paris auf dem Terminplan...

»Da muss man alle Register ziehen« – was heißt diese Redewendung für einen Organisten?

Frank: Das heißt, es wird entweder gescheit laut – oder es bedeutet, dass ich das gesamte Klangspektrum der Orgel geschickt und kreativ nutze. Nur den »Tutti«-Knopf zu drücken, finde ich persönlich zu plump.

Lukaskantor Tobias Frank spielt den Anfang des ersten Satzes aus Widors sechster Sinfonie.
Lukaskantor Tobias Frank spielt den Anfang des ersten Satzes aus Widors sechster Sinfonie.

Kirchenmusiker Tobias Frank

TOBIAS FRANK studierte u. a. A-Kirchenmusik und Konzertfach Orgel in München sowie in England. Von 2008 bis 2015 war er Kirchenmusiker in St. Johannis in Neubrandenburg und künstlerischer Leiter der Internationalen Orgeltage.

LUKASKANTOR: Seit 2015 ist Frank Kantor der Lukaskirche. Der 37-Jährige spielt dort am Sonntag, 13. August, ein Konzert mit Werken u.a. von J.S. Bach, Dupré, Debussy, Rachmaninoff und Langlais. Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei. Aller Termine des Orgelsommers: hier!

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