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Sonntagsblatt 47/ vom

»Sie war die starke Frau hinter ihrem erfolgreichen Mann!«

Bayerischer Pfarrer hat die »Trauerkultur im Medienzeitalter« untersucht


Der Erlanger Theologe Hansjörg Biener
Foto: fwa
   Virtuelle Grabsteine im Internet: Noch tummelt sich auf »Internetfriedhöfen« viel makabrer Unsinn, doch der Erlanger Theologe Hansjörg Biener sieht als Experte für zeitgenössische Trauerkultur durchaus Chancen für Gemeinden.

Zentimetermaß und Zeitungslektüre fördern es zutage: Die Traueranzeige für den Mann ist größer als die der Frau. Jedenfalls im Durchschnitt. Hansjörg Biener, Pfarrer und derzeit wissenschaftlicher Angestellter der Universität Nürnberg-Erlangen, hat 454 im Juli 2003 erschienene Zeitungsanzeigen ausgewertet und interpretiert. Eine weitere Untersuchung galt dem Phänomen »Internetfriedhof«.

Seine Beobachtungen veröffentlicht Biener in dem Buch »Trauer und Hoffnung«, dem Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim, die vor zwei Wochen eröffnet wurde und dabei gleich einen Besucheransturm erlebte. Dass der richtige Monat dem Thema Tod höchste Aufmerksamkeit garantiert - auch das beschreibt der Theologe in seinem Aufsatz über die »Trauerkultur im Medienzeitalter«. Biener notiert: »Die Analyse eines Monats in ganz Mittelfranken zu lesender, in der Regel konventioneller Traueranzeigen spiegelt eine Welt, in der die Lebensverhältnisse geordnet und entspannt aussehen, in der Frauen auch im Tode im zweiten Glied stehen und Ausländer nicht vorkommen.«

So fand sich in den Traueranzeigen des ganzen Monats Juli in den Nürnberger Nachrichten, der führenden fränkischen Tageszeitung, »nur ein nicht-deutsch klingender Name«. Gemessen am Ausländeranteil der Einwohnerschaft wären aber 90 zu erwarten gewesen. Die meiste Aufmerksamkeit widmet das Medium Tageszeitung dem deutschen männlichen Verstorbenen. Nicht nur galten 17 der 20 größten Traueranzeigen im Untersuchungszeitraum Männern und fällt der Median - ein statistischer Wert - aller Frauen-Anzeigen neun Quadratzentimeter kleiner aus. Sondern auch inhaltlich gibt es signifikante Unterschiede: Während zum Beispiel bei Frauen »nie ein Beruf angegeben wurde«, gab es Hinweise vor allem auf den akademischen Beruf des Mannes. Eine Verstorbene wurde »als Witwe eines prominenten Nürnbergers kenntlich gemacht«: »Sie war die starke Frau hinter ihrem erfolgreichen Mann!«

Manche Zeitungsanzeige ist inzwischen auch im Internet zu lesen, denn einige Bestattungsunternehmer bieten diesen zusätzlichen Service an. Zu den Vorzügen gehört, dass die Anzeige sehr viel länger öffentlich bleibt als in der Tageszeitung. Auch bietet das Medium Internet mehr Möglichkeiten, das Gedenken an einen Menschen lebendig zu halten, etwa durch Fotos, Brief- und Tagebuch-Zitate und gar Homevideos.

Es gibt inzwischen ein gutes Dutzend deutscher Adressen wie  www.memoriam.de oder  www.ewigesleben.de, bei denen Hinterbliebene zum »Gedenken per Mausklick« - so formuliert es ein Spötter - einladen. Wer der Einladung folgt, stößt auf alles, was am Internet ärgerlich ist: urplötzlich aufklappende Werbebanner, abenteuerliche Inhalte, auf verfehlte Formen. Und auch auf »tote Links«, also Verweise, die auf nicht mehr bestehende Seiten führen - was im Zusammenhang von Tod und Internet allemal beziehungsvoll ist.

Wer aber auch darauf schaut, was Menschen aus tiefstem Herzen niederschreiben, erahnt das Potenzial solcher öffentlicher virtueller Trauerstätten. Jemand verknüpft sein Leid mit dem hoffnungsvollen Bekenntnis: »Hildegard F., zum Sterben geboren im April 1933, hat den irdischen Weg verlassen und ist zum Leben gestorben im November 1997.«

Eine Enkelin erinnert noch elf Jahre später an die Großmutter: »Ich vermisse meine Oma so sehr, sie ist 1992 von uns gegangen und wir werden sie für immer lieben.«

Biener spart in seiner Untersuchung die makabren Aspekte des Phänomens Internetfriedhof nicht aus, etwa dass eine einschlägig klingende Adresse schnurstracks auf eine Pornoseite führt. Oder dass ein Anbieter ohne Unterschied Menschen, Tiere und dazu noch »Kuscheltiere« in Form verflossener Liebschaften und verschrotteter Autos in seinen Friedhof aufnimmt.

Doch grundsätzlich aufgeschlossen sagt er: »Wegen der Kontinuität fragt sich, wo man virtuelle Friedhöfe eigentlich ansiedeln könnte?« Seine Antwort fasst neben Kommunen auch Kirchengemeinden ins Auge: Internetfriedhöfe »bieten sich als ergänzendes Angebot von Friedhofsverwaltungen an, sei es zu realen Gräbern, sei es zu anonymen Bestattungen.«

Frank Wairer