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Sonntagsblatt 01/ vom

Immer mehr Bürger beschweren sich über Kirchenglocken

Landeskirchlicher Glockenexperte Michael Lochner beklagt Traditionsabbruch


Die Zahl der Beschwerden über zu laute Kirchenglocken hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht. Damit liegt ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs zum so genannten Glockenstreit im mittelfränkischen Baiersdorf gewissermaßen »voll im Trend«. Nach dem Urteil wird das nächtliche Glockenschlagen von Rathaus- und Kirchturmglocken in der Kleinstadt deutlich eingeschränkt.

Der nächtliche Stundenschlag einer solchen Glocke ist zwar einerseits eindeutig Tradition (unser Foto zeigt ein über 400 Jahre altes Exemplar in der Eisenacher Nikolaikirche), kann aber andererseits schon ein wenig durchdringend sein.
Foto: Frank
   Der nächtliche Stundenschlag einer solchen Glocke ist zwar einerseits eindeutig Tradition (unser Foto zeigt ein über 400 Jahre altes Exemplar in der Eisenacher Nikolaikirche), kann aber andererseits schon ein wenig durchdringend sein.

Die Fälle, in denen sich die Menschen über Glockenläuten beschweren, scheinen sich zu vermehren«, sagte der Orgel- und Glockenexperte der evangelischen Landeskirche, Kirchenmusikdirektor Michael Lochner, in einem epd-Gespräch.

In vielen bayerischen Gemeinden habe der Turmuhrenschlag eine lange Tradition. Offensichtlich werde diese alte Tradition, »dass Kirchenglocken nicht nur bei Gottesdiensten läuten, sondern auch die Uhrzeit angeben, zunehmend als störend empfunden«, so Lochner. Häufig beschwerten sich neu zugezogene Gemeindemitglieder, die diese Tradition nicht kennen, gegen das Glockengeläut.

Bei einer Beschwerde könne die Kirchengemeinde vor Ort in der Regel keinen Einspruch erheben. Nur das »liturgische Läuten«, beispielsweise für Gottesdienste, stehe unter dem besonderen Schutz der Glaubensfreiheit. Als Lösung für Kirchengemeinden empfahl Lochner, die technischen Möglichkeiten zu überprüfen. »Die Lautstärke kann reduziert werden, indem andere Klöppel verwendet werden oder ein Magnetstahlschlaghammer verwendet wird.« Alternativ dazu könne der Glockenturm besser isoliert werden, um den Schall zu dämmen.

In Bezug auf die evangelische St. Nikolaus-Kirche in Baiersdorf sagte Lochner, hier werde der zuständige Glockensachbeauftragte bei einer technischen Lösung behilflich sein.

Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte zuvor eine behördliche Anordnung bestätigt, die das viertelstündliche Läuten der Rathaus- und Kirchturmglocken in der Kleinstadt erheblich einschränkt. Künftig dürfen dort die Glocken während der Nacht nur noch erklingen, wenn der Geräuschpegel der einzelnen Schläge von über 80 auf maximal 65 Dezibel begrenzt wird. Städte und Gemeinden müssten, so die Begründung, »nach gleichen Maßstäben wie ein privater Lärmverursacher auf das Schlafbedürfnis der betroffenen Nachbarn Rücksicht nehmen« (BayGH Az. 22ZB 03.3011).

Der Verwaltungsgerichtshof verwies in seiner Begründung auf die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zum Schutz vor regelmäßigem Glockenläuten. Danach könnten die Nachbarn die Einhaltung der allgemeinen Grenzwerte selbst dann verlangen, wenn die Zeitansage durch Glockenschläge eine Jahrhunderte alte Tradition darstellt, an der die Mehrheit der Gemeindebewohner festhalten will. Außerdem, so das Gericht, habe der nächtliche Stundenschlag entgegen der Begründung der Stadt Baiersdorf »keinerlei religiöse Bedeutung« und stehe daher nicht unter dem »Schutz der Glaubensfreiheit«.

Der Bürgermeister von Baiersdorf, Andreas Galster, bedauerte die Entscheidung. »Es ist schade, dass die Gerichte nur die Einzelperson im Blick haben«, sagte Galster. »Vielleicht klagt nun eine Einzelperson, dass sie die Glocke hören will«, so Galster. Bis zum 7. Januar seien Weihnachtsferien. »So lange werden die Glocken wie bisher läuten«. Dann werde die Gemeinde gemeinsam mit Glockenbauern überlegen, was zu tun sei.

epd