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Sonntagsblatt 04/ vom

Wunden der Erinnerung - zehn Jahre danach

Ausstellung im Münchner Völkerkundemuseum thematisiert den Völkermord in Ruanda


»Evidence - Beweismaterial«: »Wo waren wir, als es passierte?«, fragt der ghanaische Künstler Kofi Setordji.
Foto: Springer
   »Evidence - Beweismaterial«: »Wo waren wir, als es passierte?«, fragt der ghanaische Künstler Kofi Setordji.

Das gottgleiche, allsehende Auge der Medien zählt täglich die Toten - aber ab wann definieren wir ein massenhaftes Morden als Völkermord?« Oder: »Wenn alles vorbei ist betreten wir den Schauplatz und sammeln Beweise - aber wo waren wir, als es passierte?« Es sind die Fragen, die der ghanaische Künstler Kofi Setordji mit fester, fast predigender Stimme stellt, während er durch die Skulptureninstallation »Genocide Monument« führt, die nachhallen: »Was haben die Ermordeten eines Völkermords, jeder Einzelne von ihnen gefühlt, als die Mörder mit Macheten und Gewehren vor ihnen standen?«

Setordjis Skulptureninstallation »Die Wunden der Erinnerung - Genocide Monument«, noch bis zum 7. März als Sonderausstellung im  Münchner Völkerkundemuseum zu sehen, ist unter dem Eindruck des Völkermords in Ruanda entstanden, bei dem 1994 binnen weniger Monate nahezu eine Million Menschen ermordet wurden. In Deutschland ist die Installation erstmals in einem Museum der breiteren Öffentlichkeit zugänglich, nachdem sie im vergangenen Jahr bereits beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin für Aufsehen sorgte und zuvor an mehreren Orten in Afrika und in Frankreich zu sehen war.

Seine mehr als zweijährige Arbeit an dem Ensemble von Skulpturen aus Terrakotta, Holz, Stahl und Bildern hat der 1957 geborene Setordji unmittelbar unter dem Eindruck der Berichterstattung des Fernsehsenders CNN über den Völkermord begonnen. Wahrnehmungs- und Medienkritik einer Welt die vor allem eines getan habe: wegzusehen scheint als ein wesentliches künstlerisches Motiv der Installation auf.

Ein stählerner Todesvogel der Rüstungsprofiteure erhebt sich aus einem Massengrab aus Terrakottamasken, von Menschen, die zur bloßen Statistik geworden sind, die Mächtigen zeigen sich als bunte, aber hohle Schachteln. Seine »Justitia« wägt sehr fein, doch ihr anderer Arm, so kräftig er scheinen mag, hängt schlaff am Körper. Setordji, der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler Afrikas gilt, will vor allem den Opfern ihre Würde zurückgeben: »1994, Ruanda, Völkermord, 800000 Tote - darauf komprimieren wir das Geschehen, und doch verbirgt sich hinter jedem Einzelnen von ihnen ein Mensch, der geliebt hat, der Träume hatte.«

Mit seinen Skulpturengruppen gehe es ihm nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Fragen, die letztlich alle Menschen beträfen. Der Holocaust an den Juden oder das Beispiel Bosnien zeigten die Aktualität seiner Fragen auch in Europa. »Seit biblischen Zeiten hat es Völkermorde gegeben, obwohl wir wissen sollten, dass wir unseres Bruders Hüter sein müssen«, sagt Setordji.

Maskenhafte »Richter« und ein menschlicher Schädel, mit einem Etikett versehen, auf dem »Exhibit« und eine Nummer steht. Wer hat welche Rolle gespielt?
Foto: Springer
   Maskenhafte »Richter« und ein menschlicher Schädel, mit einem Etikett versehen, auf dem »Exhibit« und eine Nummer steht. Wer hat welche Rolle gespielt?

Diese Haltung zeigen auch Setordjis »Richter« mit dem Titel »Judges: what role did you play«, was eine Umkehrung der Anklage mitdenken lässt. »Wenn ein Mensch Tausende Menschen getötet hat, wie soll man ihn bestrafen?«, fragt Setordji.

Die Aufgabe des Künstlers sieht Setordji als Hüter der Kultur, der seine Gesellschaft kritisch begleiten soll und von dem seine Gesellschaft Nutzen haben muss. »Der Künstler kann das Morden nicht stoppen, aber kann ein Stopp-Schild zeigen, das die Menschen beachten können, oft aber nicht tun. Meine Arbeit ist ein solches Zeichen«, so Setordji.

Das Skulpturenensemble »Genocide Monument« wird im April zum zehnten Jahrestag des Völkermords, finanziert von der evangelischen Hilfsorganisation Evangelischer Entwicklungsdiensts (EED, siehe »Nachgefragt«) in der ruandischen Hauptstadt Kigali zu sehen sein. Mit dabei auch Kofi Setordji, der Workshops leiten wird. In München gibt es ebenfalls ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung, die auch hier vor allem auf Betreiben des EED ins Münchner Völkerkundemuseum kam. Das Begleitprogramm mit Diskussionen, Filmen und Vorträgen trägt das Münchner Goethe Institut. Den Auftakt macht am Mittwoch, 4. Februar, unter dem Titel »Die Last des Erinnerns« ein Vortrag des nigerianischen Literaturnobelpreisträgers Wole Soyinka im Münchner Goethe-Forum (weitere Informationen unter  www.goethe.de/forum oder Telefon (089) 15921-0).

  Zur Ausstellung ist ein Katalog zum Preis von 5 Euro erhältlich. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 9.30 bis 17.15 Uhr. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 3 Euro (ermäßigt 2 Euro), Kinder bis 15 Jahre und Schulklassen sind frei.

HINTERGRUND

Der Weg in den Genozid: Im Westen häufig als vorwiegend ethnisch begründet wahrgenommen, hat der Völkermord in Ruanda eine komplexe, vor allem politische und soziale Vorgeschichte. Eine kurze Chronik... » mehr!

INTERVIEW

Der 1999 aus mehreren evangelischen Hilfswerken hervorgegangene Evangelische Entwicklungsdienst (EED) fördert Entwicklungsvorhaben von Partnerorganisationen in nahezu allen Entwicklungsländern. Jährlich stehen ihm dazu rund 130 Millionen Euro zur Verfügung. Hans Spitzeck koordiniert die Öffentlichkeitsarbeit des EED, auf dessen Betreiben die Installation »Genocide Monument« in Verbindung mit dem Goethe-Institut im Münchner Völkerkundemuseum gezeigt werden kann... » mehr!

Markus Springer