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Sonntagsblatt 19/ vom

Das Scheitern in Nahost

Von Wolfgang Weissgerber

Gescheitert ist im Nahen Osten eigentlich so ziemlich alles. Gescheitert sind sämtliche Konferenzen von Oslo bis Madrid, auf denen der »Friedensprozess« befördert werden sollte. Gescheitert ist auch die »Landkarte des Friedens« von US-Präsident George W. Bush. Er selbst hat sie stillschweigend beerdigt, als er die Absicht des israelischen Regierungschefs Ariel Scharon abnickte, den Gaza-Streifen zwar zu verlassen, die Siedlungen im Westjordanland aber auszubauen.

Scharon ist ebenfalls gescheitert. Er hat die Palästinenser ein ums andere Mal provoziert, drangsaliert, gedemütigt, Drahtzieher des Terrors gezielt liquidieren lassen. Das hat sein Land massiver internationaler Kritik ausgesetzt, aber keineswegs sicherer gemacht. Innenpolitisch ist Scharon in die Enge getrieben.

Vor wenigen Tagen erst hat er den Gaza-Plan seiner Partei, dem Likud-Block, zur Abstimmung vorgelegt und ist damit durchgefallen. Rund 60 Prozent der Mitglieder sind dagegen, wollen auch die jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen halten. Zu hoch bewerten darf man die Niederlage Scharons aber nicht: Nur 40 Prozent der knapp 200000 Likud-Mitglieder haben abgestimmt.

Und die Palästinenser selbst? Gescheitert: Nach Jahrzehnten der Besetzung hat ihre Führung am Verhandlungstisch überreizt. Auch herbeibomben konnten sie ihren eigenen Staat bislang nicht.

Auf Dauer aber führt am Frieden kein Weg vorbei. Der mitunter pathologische Hass vieler fundamentalistischer Muslime auf Amerika und alles Westliche hat im Dauerkonflikt zwischen Israel und Palästinensern seine Wurzeln. »Das Glück des einen Volkes hängt vom Glück des anderen Volkes ab«, sagt der evangelische Pfarrer Dschadallah Schihadeh, ein Palästinenser.

In der Kleinstadt Beit Dschala bei Bethlehem hat Schihadeh für Juden, Christen und Muslime das Begegnungszentrum »Abrahams Herberge« eingerichtet; evangelische Journalisten aus Deutschland konnten es kürzlich besuchen. Was dort passiert, nährt den begründeten Verdacht, dass Israelis und Palästinenser sehr wohl in Frieden miteinander leben könnten, wenn man sie nur ließe. Eine knappe Mehrheit der Israelis hält die Formel »Land für Frieden« längst für die einzig wahre Lösung. Trotz gegenteiliger Tiraden radikaler Aktivisten scheint sich auch unter den Palästinensern eine stille Mehrheit mit der Existenz Israels abzufinden. Scharons Härte und der Bombenterror der Hamas machen es den Vernünftigen auf beiden Seiten allerdings schwer.

Deutschland und Frankreich haben 100 Jahre und drei Kriege gebraucht, um ihre vermeintliche Erbfeindschaft in eine Freundschaft zu verwandeln, wie sie enger nicht sein könnte. Sie haben das nur geschafft, weil ganz Europa diesen Frieden wollte. Vermutlich werden auch Israelis und Palästinenser noch viel Zeit brauchen, bis sie wenigstens friedliche Nachbarn sind. Und auch sie werden das ohne Hilfe kaum schaffen.