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Sonntagsblatt 21/ vom

Wenn das Reden schwer wird

»Ich will sie nicht alleine lassen«


In meinem Bekanntenkreis gibt es eine sehr alte Freundin meiner Mutter, die ich auch sehr mag. Nach mehreren Schlaganfällen musste sie vor einem Jahr aus ihrer großen Wohnung in ein Pflegeheim umziehen.

In den letzten Monaten ist sie sehr schwach geworden. Sie spricht fast nicht mehr. Oft dämmert sie so vor sich hin und ich weiß nicht, was sie eigentlich noch mitbekommt. Manchmal sagt sie Sätze, die ich nicht verstehe. Manchmal ist sie einfach nur unruhig. Solange es ihr noch besser ging, habe ich sie im Heim regelmäßig besucht - und wir hatten immer viel miteinander zu reden.

Ich will sie auch jetzt nicht alleine lassen - aber ich weiß nicht, was sie noch wahrnehmen kann und wie ich mit ihr reden soll. Ich fühle mich sehr hilflos und auch unsicher.

Frau N. (36 Jahre)

Das, was Sie schreiben, deutet eine lange gemeinsame Geschichte an. Es ist Ihnen gelungen, diese Beziehung lebendig zu halten, auch über den großen Einschnitt hinweg, den das Verlassen der eigenen Wohnung und der Umzug ins Pflegeheim bedeutet. Viel miteinander zu reden -, dieses Miteinander haben Sie entdeckt als einen vertrauten Raum, der geblieben ist, auch, als Ihre Bekannte aus ihren anderen Räumen, aus ihrer Wohnung, ausziehen musste. Nun geht es wieder um Abschied und Veränderung. Sie beide haben so einen Übergang bereits einmal erfolgreich zusammen gemeistert. Werden Sie noch einmal einen neuen »Raum« miteinander entdecken? Und wie kann er aussehen?

Ich spüre Ihre Zuneigung zu Ihrer Bekannten aus Ihren Fragen und aus den Gedanken, die Sie sich machen. Vielleicht können Sie ja fortsetzen, was Sie bereits miteinander begonnen haben, indem Sie sie so regelmäßig und verlässlich wie möglich besuchen - und sei es nur kurz. Dabei können sie sich durchaus eingestehen: »Wir können vielleicht nicht mehr so viel miteinander reden wie früher - aber ich bin da.« Womöglich werden Sie beide merken, dass nun umso mehr Raum ist für Gesten, für Klänge, für Berührungen, für die Erinnerung an alte Bilder und altvertraute Gegenstände.

Vielleicht geht es aber auch noch einmal darum, zu entdecken, was Ihnen Ihre Bekannte jetzt mitteilen will und kann. Wir wissen heute, dass es bei manchen Menschen im Alter zu einer geistigen und körperlichen Entwicklung kommt, die sie auf frühere Entwicklungsstufen zurückführt. Ganz ähnlich scheint es mit den inneren Bildern zu sein, die ein alter Mensch in einer solchen Situation hat und ausdrücken kann. Es kann sein, dass Ihre Bekannte Sie nun teilhaben lässt an einem inneren Erleben, das dem ähnelt, das sie als kleines Kind gehabt hat. Vielleicht »erzählt« sie Ihnen auf diese Weise etwas von ganz früher, aus ihrer Kindheit; vielleicht kann sie Ihnen nur noch durch Gesten mitteilen, wie sie sich im Moment Ihnen gegenüber fühlt. Da kann es sein, dass Sie dann auf einmal für sie gar nicht mehr die erwachsene Freundin sind - sondern dass sie Sie wahrnimmt und braucht in der Rolle der Mutter oder einer schützenden, bergenden, beruhigenden Person, die Sicherheit gibt in aller Verwirrung und Unruhe.

Ich frage mich aber auch, was Sie brauchen in dieser Situation. Sie müssen sich ja auch innerlich lösen von manchem, was bisher mit Ihrer Bekannten noch möglich war. Ich glaube, Sie können auch jetzt noch Neues in Ihrer Beziehung entdecken - aber zugleich geht es auch um einen allmählichen Abschied. Und damit ist all das verbunden, was zum Abschied gehört: Wehmut und Traurigkeit, die Erinnerung an andere Abschiede, die Sie erlebt und durchlebt haben, auch die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht. All das braucht seinen Platz und seine Zeit, auch in Ihnen.

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Barbara Hauck

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