Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 36/ vom

Kampf mit dem Ekel

Vom Umgang mit einem Stressfaktor in der Pflege


Ich bin Altenpflegerin und arbeite seit 14 Jahren in einem großen Alten- und Pflegeheim. Mir macht meine Arbeit Spaß, ich habe mir meinen Beruf ausgesucht, weil ich mit Menschen zu tun haben wollte. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die Großeltern immer mit dabei waren, und alle haben sich um sie gekümmert.

Natürlich ist die Arbeit anstrengender geworden in den letzten Jahren, wir haben immer wieder Hilfskräfte, die wir anlernen müssen, und die Menschen, die zu uns kommen, sind älter und kränker. Das macht mir nichts aus.

Aber es gibt etwas, was mich beschäftigt - und es ist gar nicht so leicht, das aufzuschreiben. Ich merke, dass ich mich mehr als früher vor manchen Sachen ekele. Gerüche, Erbrochenes - ich weiß, dass das dazugehört zur Pflege, und als Pflegeschülerin habe ich gelernt, dass wir das aushalten müssen.

Jetzt ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich am liebsten meinen Beruf wechseln würde - weil es mir immer schwerer fällt, so was einfach auszuhalten. Manchmal habe ich auch Angst, dass die alten Menschen mir das anmerken.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich Ihnen das schreiben soll - aber ich habe das Gefühl, es geht anderen auch so, und keiner redet darüber.

Frau M. (42 Jahre)

Als ich Ihren Brief gelesen habe, ist mir eine Krankenschwester eingefallen, die mal erzählt hat, dass sie immer die Luft anhält, wenn sie frühmorgens in bestimmte Krankenzimmer kommt. Sie reißt das Fenster auf, geht dann schnell wieder aus dem Zimmer und kommt nach ein paar Minuten wieder rein. Erst dann sagt sie »Guten Morgen.« Das ist ihre Art, mit dem Ekel-Gefühl fertig zu werden.

Schwierig ist nur, dass wer die Luft anhalten muss, nicht mehr gut mit anderen in Kontakt sein kann. Sie, das zeigt Ihr Brief, wollen nicht »die Luft anhalten«, sondern über das reden, was Sie fühlen. Sie haben gute Erfahrungen im Umgang mit alten Menschen gemacht, die tragfähig genug für Ihre Berufsentscheidung waren - es gibt aber auch die Erfahrung von Ekel.

Untersuchungen haben gezeigt, dass man sich an Ekel-Empfindungen nicht gewöhnt und dass sie einer der größten Stressfaktoren sind, die es in Pflegeberufen gibt. Wenn solche Empfindungen über lange Zeit erlitten und, so scheußlich das in diesem Zusammenhang klingt, »runtergeschluckt« werden, ist die Gefahr des Ausbrennens groß.

Sie erleben zurzeit offensichtlich etwas, was sehr zu diesem Beruf gehört - und dennoch gehen Sie anders damit um als viele andere Kollegen und Kolleginnen. Sie reden darüber. Ich möchte Sie ermutigen, sich das auch unter Kollegen und Kolleginnen zu trauen. Dann wird deutlich, dass diese Ekel-Empfindung keine Schwäche der Person ist, sondern zu den Grundbedingungen bzw. Grenzsituationen Ihres Berufs gehört.

Keiner steckt das einfach weg; nicht die alten Menschen und nicht die Pflegenden. Sich das einzugestehen, ist ein erster Schritt. Ein zweiter ist, sich klar zu machen, dass niemand dadurch in seinem Wert als Mensch gemindert wird, dass er Ekel-Gefühle empfindet oder verursacht. Vielleicht ist es möglich, das auch den Pflegebedürftigen zu vermitteln. Eine Bekannte von mir hat, als es darum ging, Erbrochenes wegzuwischen, einmal gesagt: »Frau X., das ist mir jetzt nicht angenehm, aber ich mach das jetzt, und hinterher geht's uns beiden besser.«

Ich fand das sehr entlastend. Zugleich aber braucht es, glaube ich, noch mehr solcher Entlastungsmomente für Pflegende und Gepflegte. Darüber nachzudenken, ist meiner Erfahrung nach, gerade wenn der Druck immer größer wird, längst nicht selbstverständlich. Supervision für Pflegende z.B., nicht nur in der Ausbildung, und damit die Erlaubnis, genau über das zu reden, was einem im Alltag die Luft und die Lust nimmt.

Oder die Erlaubnis, sich, wenn es einem zu viel wird, für ein paar Minuten zurückzuziehen. Frische Luft zu schnappen, Farben und Düfte zu genießen, die der Seele gut tun, ein paar Schritte um den Block zu gehen, ganz bewusst etwas Schönes anzuschauen - und vielleicht dadurch denen, die ihr Zimmer oder ihr Bett nicht mehr verlassen können, auch etwas davon »mitzubringen«.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Hauptstr. 67, 82327 Tutzing.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

Eine » Übersicht aller Sonntagsblatt - Sprechstunden finden Sie » hier...

 

Barbara Hauck