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Sonntagsblatt 43/ vom

Begnadeter Literat und scharfer Kirchenkritiker

Karlheinz Deschner bekam den mittelfränkischen Wolfram-von-Eschenbach-Preis


Leicht getrübe Feierstunde: Bezirkstagspräsident Richard Bartsch (links) und Preisträger Karlheinz Deschner.
Foto: Wairer
   Leicht getrübe Feierstunde: Bezirkstagspräsident Richard Bartsch (links) und Preisträger Karlheinz Deschner.

Soll ein bayerischer Bezirk einen »glühenden Kirchenhasser« mit einem Kulturpreis versehen? Nein, findet Michael Wehrwein, Dekan in Lohr am Main. Er hat gegen die Verleihung des Wolfram-von- Eschenbach-Preises des Bezirkes Mittelfranken an den in Haßfurt lebenden Publizisten Karlheinz Deschner, Verfasser der neun Bände zählenden »Kriminalgeschichte des Christentums«, scharfen Protest eingelegt und damit der Preisverleihung am vorvergangenen Freitag ein heimliches Nebenthema verpasst.

Als einen »Schlag gegen die Kirche« hatte Wehrwein die Entscheidung von Jury und Bezirkstag in einem Brief an dessen Präsidenten Richard Bartsch bezeichnet. Weiter zitiert der Evangelische Pressedienst (epd) den Dekan mit dem Vorwurf, Deschner sei bei der »totalitären Sekte« Universelles Leben in Würzburg wiederholt als »Kronzeuge des Hasses auf die Kirchen aufgetreten«. Von der Preisverleihung gehe eine fatale Signalwirkung für Gruppierungen aus, die die Kirche und die christliche Botschaft hassen.

Bei der Preisverleihung in Wolframs-Eschenbach (Mittelfranken) reagierte der 80-jährige Deschner nur am Rande gegenüber Journalisten auf den Angriff. Er habe vor 30 oder mehr Jahren »mehrmals in Verbindung mit dem Universellen Leben gesprochen«, habe aber immer betont, »dass ich nicht dazugehöre«. Genauso »habe ich auch in drei Kirchen gesprochen, auch in evangelischen, in Frankfurt zum Beispiel während des so genannten Gottesdienstes«. Da habe er »über die Kriminalgeschichte des Christentums gelesen.«

Er fühle sich durch den Wolfram-von-Eschenbach-Preis »für mein Gesamtwerk« geehrt, zu dem nicht nur religionskritische Betrachtungen gehören. So würdigte der Literaturkritiker Karl Corino aus Tübingen in seiner Laudatio auf Deschner dessen ersten Roman »Die Nacht steht um mein Haus« (1956) als ein Werk »jener Generation, die im Dritten Reich aufwuchs und dann in den Zweiten Weltkrieg geworfen wurde«. Auch den Literaturkritiker Deschner (»Kitsch, Konvention und Kunst«, 1957) rühmte er.

Über Deschner als Kirchenkritiker sagte Corino unter anderem: Seine Bilanz ist, »was die Nachfolge Christi angeht, niederschmetternd, und ich kenne Kommilitonen, die nach der Lektüre von Deschners Opus Magnum das Studium der Theologie aufgaben«. Der Autor decke die »peinigenden Widersprüche zwischen den Geboten Christi« und der »Praxis der Kirche und ihrer Diener« auf. Was »etwa Luther hetzend über die Juden schrieb, das konnte 400 Jahre später gut der Stürmer brauchen.« Der Wolfram-von-Eschenbach-Preis werde »hoffentlich auch eine Hilfe zur Vollendung seines Werkes« sein.

Auf die Kritik an der Preisverleihung reagierend sagte Corino: »Wenn heute einzelne Kirchenvertreter behaupten, die Auszeichnung Deschners sei ein Schlag gegen die Kirche, so muss man leider entgegnen: Die schrecklichsten Schläge hat die Kirche in den vergangenen 2000 Jahren immer gegen sich selbst geführt: gegen ihre eigenen Gläubigen, gegen die Ketzer, gegen die Anhänger konkurrierender christlicher Glaubensrichtungen oder die anderen monotheistischen Religionen aus dem Morgenland.«

Bezirkstagspräsident Richard Bartsch bestätigte am Rande der Preisverleihung dem Sonntagsblatt, dass er »mehrere Briefe von Kirchenleuten« bekommen hat, die mit der Auszeichnung Deschners nicht einverstanden waren. Der Literat sei für sein Gesamtwerk ausgezeichnet worden. In der »heißen Phase seiner Kriminalgeschichte vor zwanzig Jahren« hätten sich Bezirkstag und wohl auch Jury - zu der Mittelfrankens Regierungspräsident Karl Inhofer gehört - und Bezirkstag distanziert. Deschner lehnt übrigens den Versuch ab, die Preisverleihung weniger mit seiner Kirchenkritik und mehr mit seiner fränkischen Literatur zu begründen: »Man kann natürlich diese Unterscheidung machen, bloß reißt man eben zwei wichtige Teile meiner Arbeit auseinander.«

Frank Wairer