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Sonntagsblatt 47/ vom

Sehnsucht nach Anteilnahme


»'Wie geht's?' - Die meisten wollen das doch gar nicht wirklich wissen, wenn sie so fragen.«

Ich habe mit unendlich viel Glück eine schwere Krebsoperation überlebt. Es stand wirklich Spitz auf Knopf. Ein Eingriff, der über zehn Stunden dauerte. Nach der Operation ein langer Aufenthalt in einer Nachsorgeklinik. Seit einem Monat bin ich wieder zu Hause.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass alles so gut verlaufen ist. Allerdings bebt vieles in mir noch nach. Seelisch bin ich noch ganz zittrig, noch ganz wund, und ich sehne mich danach, mit jemandem über das zu sprechen, was ich erlebt habe. Deswegen bin ich auch immer wieder ganz erwartungsvoll, wenn mich jemand nach meinem Ergehen fragt. Nachbarn, ehemalige Kolleginnen oder gar Leute aus unserer Gemeinde.

Dann aber kommt die große Enttäuschung. Die meisten wollen gar nicht wissen, wie es mir geht. Ihre Frage »Wie geht es Ihnen?« täuscht Anteilnahme nur vor. Denn: Sobald ich zu erzählen anfange, schweifen sie ab, wechseln das Thema oder verabschieden sich mehr oder weniger abrupt. Mir tut diese Erfahrung sehr weh. Schlimmer fast noch: Ich merke, dass ich langsam resigniere, dass ich bitter und misstrauisch werde, und das möchte ich nicht.

Frau U.

Mir fällt ein Gedicht von Rudolf Bohren ein. Vielleicht fühlen Sie sich in seinen Versen verstanden:

Im Vorübergehen fragt mein Nachbar,
wie es gehe,
er fragt nicht,
weil er mitgehen will.
Er fragt,
weil er weitergehen will.
Ich antworte es geht,
aber es geht nicht,
so nicht.

Sie spüren die Enttäuschung. Natürlich. Und doch reicht dieses kleine Gedicht über die Enttäuschung hinaus und lehnt sich auf. Gegen das Vorübergehen. Gegen eine Anteilname, die nur vorgetäuscht ist. Und es deutet eine Sehnsucht an. Der Nachbar möge doch stehen bleiben. Er möge doch ein Stück Wegs mitgehen. Könnten Sie dieser Spur folgen? Konkret hieße das, dass Sie zunächst etwas von dieser Sehnsucht zeigen. Etwa mit den Worten: »Ich freue mich, wenn Sie hören wollen, wie es mir geht. Aber ich brauche ein bisschen Zeit für meine Antwort.« Damit lassen Sie Ihren Gesprächspartner oder Ihre Gesprächspartnerin wissen, dass Ihnen die Frage nach Ihrem Ergehen gut tut und dass Sie darauf eingehen wollen, so sie denn ernst gemeint ist.

Eine zweite Überlegung. Es ist gar nicht so leicht, einem Menschen zuzuhören, der Schlimmes erlebt hat. Viele sind hier einfach unsicher. So in Richtung: Um Himmels willen, was soll ich sagen? Wird mir überhaupt etwas Sinnvolles einfallen? An dieser Stelle können Sie Ihr Gegenüber entlasten. Mit einer Bemerkung wie: »Wissen Sie, mir tut es schon gut, wenn ich Ihnen erzählen darf. Sie müssen gar nichts sagen. Wenn Sie bitte einfach zuhören.« So bereiten Sie den Boden, auf dem eine Begegnung entstehen kann.

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Barbara Hauck

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Waldemar Pisarski

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