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Sonntagsblatt 01/ vom

Turmuhr-Tradition in Mittelfranken


Unser Zeitsinn ist stärker denn jemals zuvor von kleinteiligen Einheiten geprägt: Stunden, Minuten, Sekunden. Seine Wurzeln hat dieser Bewusstseinswandel im mittelalterlichen Klosterwesen.

Maximilian Reuther hält die Hand über die Zeit von Jobstgreuth: Der 14-jährige Schüler zieht jeden Abend die vollmechanische Turmuhr per Hand auf.
Foto: Fechter
   Maximilian Reuther hält die Hand über die Zeit von Jobstgreuth: Der 14-jährige Schüler zieht jeden Abend die vollmechanische Turmuhr per Hand auf.

Bis heute lässt sich nicht genau beziffern, wann und wo in Europa die erste mechanische Uhr gebaut wurde. Wahrscheinlich ist die Idee gute 700 Jahre alt - und aus dem klösterlichen Bedürfnis nach zuverlässiger Zeitmessung geboren. Pünktlichkeit und Disziplin waren dort Schlüsselwerte.

Mechanische Uhren, die oft auch Sonnen-, Mond- und Planetenbewegungen anzeigten wie die um 1350 gebaute astronomische Uhr des Straßburger Münsters, die erste Turmuhr des damaligen Reiches, galten als Wunderwerke ihrer Zeit. Die gleich langen Uhrstunden ersetzten allmählich die Tagzeiten des Stundengebets als Zeitangabe. Turmuhren kosteten ein Vermögen und wurden zu Prestigeobjekten ersten Ranges. Noch vor drei Generationen pflegte manche Bauernfamilie ihren Reichtum durch den Einbau einer Großuhr ins eigene Anwesen unter Beweis zu stellen: »Die kostete dann so viel wie ein ganzes Bauernhaus«, weiß Georg Rammensee, Spross einer alten Turmuhrbauerfamilie, der in Gräfenberg in der Fränkischen Schweiz ein privates Uhrenmuseum betreibt.

Im Laufe der Zeit hielten Turmuhren an fast allen Kirchtürmen im christlichen Abendland Einzug. Die Nürnberger Sebalduskirche besaß schon vor 1383 eine Stundenglocke; viele Dorfkirchen bekamen ihre erste Uhr aber auch erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Die gusseisernen Wunderwerke, in denen es irgendwo auf dem Turm oder hinter einem Verschlag in der Sakristei tickt, hämmert und schlägt, taten jahrzehntelang treue Dienste, Stunde um Stunde, Schlag um Schlag, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg irgendwann vom Zug der Zeit überholt wurden. Zuerst wurden die mechanischen Uhren nur noch elektrisch aufgezogen; dann flogen die alten Gehäuse auf den Schrott, und das Uhrwerk lief vollelektrisch. Die meisten Kirchturmuhren funktionieren heute funkgesteuert: Sie bekommen ihre Signale, wie alle Bahnhofsuhren, von der Atomuhr CS 2 der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig - und gehen damit, wenigstens theoretisch, in einer Million Jahren nur noch eine Sekunde falsch.

Freilich, die Beharrungskräfte der Tradition, die im protestantischen Franken mancherorts besonders ausgeprägt sind, entfalten sich bis heute auch im Turmuhrenwesen. Und so gibt es, aller gegenteiliger Behauptung von Uhrenexperten zum Trotz, zwischen Tauber und Pegnitz noch manchen Mesner, der Tag für Tag sein mechanisches Uhrwerk per Hand aufzieht - und in Rothenburg ob der Tauber eine der letzten Fachfirmen für Turmuhrenbau, deren Seniorchef Robert Dürr noch mechanische Uhren von eigener Hand gefertigt hat. Bis heute werden in der Firma in Handarbeit marode Zahnräder auf Vordermann gebracht, goldene Zifferblätter hergestellt oder, nolens volens, Funksteuerungen eingebaut. Das Metier ist so ausgefallen, dass eine Kommission der Industrie- und Handelskammer vor Jahren schier verzweifelte, in welche Berufsgruppe man die Firma, die bar jeglicher Industrienorm arbeitet, überhaupt einordnen solle.

Als ein regelrechter Hort der vollmechanischen Turmuhr-Tradition kann die Kirchengemeinde Markt Erlbach (Dekanat Neustadt/Aisch) gelten. In der Turmstube der Dorfkirche von Linden zieht Mesner Hans Popp (70) Abend für Abend das Uhrwerk und das Schlagwerk für die drei Glocken auf. Seit acht Jahren hat er keinen Abend außer Haus zugebracht. »Wenn ich nicht da wäre, hätte ich doch den ganzen Tag keine Ruhe«, sagt Popp. Das Uhrwerk der Nürnberger Firma Forster läuft seit 1908 mit der Präzision eines gesunden Herzens.

Eine Forster-Uhr steht auch im benachbarten Jobstgreuth, und auch dort wird wie zu allen Zeiten per Hand aufgezogen. Den Job macht seit einem Jahr jeden Abend Maximilian Reuther, mit 14 Jahren der jüngste seines Standes. Sogar die Gebrauchsanweisung der Firma, dazumals königlich-bayerischer Hoflieferant, liegt noch im Uhrkasten: »Die Uhr soll täglich gleichzeitig aufgezogen werden, jedoch nicht kurz vor dem Schlagen.«

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