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Sonntagsblatt 08/ vom

Geistlicher Praktiker

Trauer um den Theologieprofessor und bayerischen Landessynodalen Michael Schibilsky

Von Johanna Haberer

»An Jesus gebunden«: Michael Schibilsky.
Foto: epd-bild
   »An Jesus gebunden«: Michael Schibilsky.

Sein wichtigstes Buch war ein Buch über den Tod und darüber, wie er mit dem Leben und der Biografie eines Menschen verwoben ist: »Jeder stirbt seinen eigenen Tod«, heißt es da. In der vergangenen Woche ist der theologische Lehrer Michael Schibilsky nur 58-jährig gestorben.

Zu früh, sagen alle, die ihn gekannt und gemocht haben. Zu früh angesichts vieler Projekte, deren Erfinder und Pate er war und denen nun der spiritus rector fehlt. Zu früh für viele Menschen, denen er Perspektive bedeutete, die er förderte und in das Berufsleben hinein begleitete, zu früh für seine Studenten, die einen Lehrer verlieren, der die Entwicklung der einzelnen geistlichen Persönlichkeit im Auge hatte.

Es sah Michael Schibilsky nicht ähnlich, etwas unabgeschlossen liegen zu lassen. Er war verlässlich auf eine geradezu pingelige Weise. Wo auch immer er auftrat, kannte er die Regeln, war Herr des Verfahrens. Er führte Buch über alles, was ihn beschäftigte, und seine Leidenschaft galt den Aktenordnern. Einmal hat er eine Universitätspredigt über den Aktenordner gehalten. Dieser Büroartikel stand theologisch für das Jüngste Gericht und den allerletzten vollständigen Ordner, den Gott - so hat es Michael Schibilsky geglaubt - von uns allen angelegt hat.

Bei Michael Schibilsky müsste Gott keine Sorge haben: Was ihn beschäftigte, was er dachte und glaubte, hat er garantiert minutiös dokumentiert und abgeheftet. Wer hätte ahnen können, dass diesem so filigranen, schlanken Mann, der gerne seine Portion grünen Tee mit sich führte, gesund lebte und den garantiert kein Bluthochdruck plagte, so früh der Atem ausgehen würde? Jeder stirbt seinen eigenen Tod, sagt Michael Schibilsky - und manchmal bürstet der Tod gegen ein ganzes Leben.

Wer mit Michael Schibilsky sprach, erfuhr ganz unterschiedliche Botschaften, die sich bei ihm widerspruchslos zu vereinen schienen: eine feinnervige Dünnhäutigkeit, durchlässig für Menschen und Stimmungen, empfindlich für Dissonanzen und Unehrlichkeit. Andererseits konnte man ihn als hartnäckig und schroff, krittelnd und nervig erleben, wenn er sich in den Kopf gesetzt hatte, die Fahne seiner Überzeugung durch die Wellen des Widerspruchs zu tragen. Er war freundlich, niemals aber harmoniesüchtig.

Fair und verbindlich

Und so waren es auch die Niederungen der alltäglichen kirchlichen Existenz, denen er seine wissenschaftliche Aufmerksamkeit widmete: die evangelische Kirche als Partnerin des Sozialstaates sowie die evangelische Kirche und die demokratische Öffentlichkeit. Die Verpflichtung der Kirche, das freie Wort zu fördern, leitete er vom Evangelium ab. Dafür brauche es auch Medien mit hoher journalistischer Qualität, betonte er beharrlich.

Michael Schibilsky war abgekommen von dem Konzept der monolithischen, allein selig machenden theologischen Wissenschaft. Im Gefolge seines großen Vorbilds Ernst Lange proklamierte er auch in der Wissenschaft den Dialog der Fachleute, die Pluralität der Zugänge. Und wie Lange bekannte er ohne Scheu den Boden, auf dem er dabei stand: »Wir sind an Jesus gebunden, und das macht uns frei.«

Schibilsky warb dafür, Menschen mit distanzierter Kirchlichkeit im Blick zu behalten, ihre Kompetenzen zu achten und wenn möglich, in die kirchliche Arbeit einzubinden. Das stand auch im Hintergrund seiner jüngsten Initiative, Teile der Bibel in die Sprach- und Denkwelt der heutigen Zeit zu übertragen und sprachbegabte Personen aller Professionen bis hin zu Harald Schmidt dazu einzuladen. Der Vorschlag harrt wie so vieles der Bearbeitung.

Und so verliert die Wissenschaft einen geistlichen Praktiker, Kirche und Diakonie verlieren einen aufgeklärten, systematisch theologischen Kopf, der auch die Diskussionen in der Synode auf den Punkt brachte. Einen, der nicht immer bequem war, aber immer fair und verbindlich.

ZUR PERSON

  Michael Schibilsky wurde 1946 in Bielefeld geboren. Nach seinem Theologiestudium war er von 1978 an neun Jahre lang Gemeindepfarrer in Bottrop. Ab 1987 unterrichtete er als Professor für Sozialethik an der Fachhochschule Bochum. Nachdem er drei Jahre lang den Evangelischen Presseverband für Westfalen und Lippe geleitet hatte, unterrichtete er seit 1996 Diakoniewissenschaften und Christliche Publizistik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

  1997 wurde der frühere Sprecher des »Worts zum Sonntag« in die bayerische Landessynode gewählt. Zugleich vertrat er die bayerische Landeskirche in der EKD-Synode, deren Vizepräsident er zuletzt war.

  In München initiierte Schibilsky 2001 gemeinsam mit dem Evangelischen Presseverband den Evangelischen Presseclub. Im vergangenen Jahr hatte er eine neue Bibelübersetzung von Prominenten in einer gegenwartsnahen Erzählsprache angeregt.