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Sonntagsblatt 13/ vom

Kaderschmiede für die Pfarrerschaft

An der Universität Altdorf wurden 200 Jahre lang fast alle evangelischen Theologen Bayerns ausgebildet


Die Kirche ist großzügig, fast prachtvoll; in ihrem Chorraum ruht einer der bedeutendsten Juristen Europas. Die Gehsteige in der Innenstadt sind - ungewöhnlich für eine Kleinstadt - grundsätzlich rollstuhlfreundlich abgesenkt. Und der Direktor des örtlichen Gymnasiums muss, wenigstens inoffiziell, ein Protestant sein.

Die Alte Universität in Altdorf: Dort, wo jahrhundertelang Professoren und Studenten zusammenlebten und arbeiteten, ist heute ein Heim für körperbehinderte Kinder und Jugendliche untergebracht.
Foto: Gemeinde Altdorf (Repro)
   Die Alte Universität in Altdorf: Dort, wo jahrhundertelang Professoren und Studenten zusammenlebten und arbeiteten, ist heute ein Heim für körperbehinderte Kinder und Jugendliche untergebracht.

Man möchte es nicht glauben, aber für alle drei Beobachtungen, die man bei genauem Hinsehen im Landstädtchen Altdorf im Südosten Nürnbergs machen kann, gibt es die gleiche historische Begründung. Denn über 200 Jahre lang bestand hier eine in ganz Europa bekannte und geachtete Universität, deren Theologische Fakultät eine überragende Bedeutung für die frühen protestantischen Landeskirchen im heutigen Bayern besaß. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hatten fast alle evangelischen Pfarrer, die in Franken und Schwaben tätig waren, in Altdorf studiert. In der Laurentiuskirche wurden an die 1200 von ihnen ordiniert - eine für ganz Bayern einmalige und wahrscheinlich uneinholbare Zahl.

Ihren Ruhm als Universitätsstadt verdankten die Altdorfer den vielfältigen Zerstreuungsmöglichkeiten, die anno 1565 die Reichsstadt Nürnberg den Schülern im dortigen »Gymnasium illustre« zu bieten hatte. Joachim Camerarius, einstiger Gründungsrektor dieser ersten evangelischen Oberschule in Deutschland, empfahl nämlich seinerzeit dem Rat der Stadt die Verlegung aufs Land, »...dass weniger occasion und Zufälle gegeben, dadurch die Jugend an der Lehr und Zucht verhindert möchte werden.«

Altdorfer Druckkunst: die »Zeltner«-Bibel von 1730, hier gezeigt vom früheren Stadtarchivar Hans Recknagel.
Foto: Fechter
   Altdorfer Druckkunst: die »Zeltner«-Bibel von 1730, hier gezeigt vom früheren Stadtarchivar Hans Recknagel.

Altdorf bekam den Zuschlag; und schon eine Generation später war an der Silbergasse eine prächtige Renaissancefestung der Wissenschaften in Dienst gestellt, samt Uhrturm, Torhaus und Brunnen als unübersehbare Zeichen höchster Wertschätzung der neuen Lehranstalt seitens ihrer Sponsoren, den reichen Nürnberger Patrizierfamilien.

1578 wurde die Schule per kaiserlichem Dekret zur Akademie, 1622 dann zur Universität erhoben. Mit einem kleinen Schönheitsfehler freilich, der den konfessionellen Zwistigkeiten inmitten des Dreißigjährigen Kriegs geschuldet war: Denn der Habsburgerkaiser Ferdinand II. verweigerte den protestantischen Nürnbergern das Promotionsrecht ihrer Theologischen Fakultät. Das reichte erst Leopold I. über 70 Jahre später nach. In Altdorf lehrten Professoren von europäischem Rang. Etwa ebenjener, in St. Laurentius bestatteter Hugo Donellus, einer der Väter des modernen Zivilrechts, der Historiker, Jurist und Hebraist Johann Christoph Wagenseil oder der Philologe Johann Heinrich Schulze, der mit seinen chemischen Studien die Grundlagen der Fotografie schuf.

Die Altdorfer Theologie des 18. Jahrhunderts beeinflusste die Entwicklung der Kirchengeschichtsschreibung und der praktischen Theologie als wissenschaftliche Disziplin - immerhin fanden hier die ersten theologisch-praktischen Seminare in Deutschland statt. Im nahen Penzenhofen durften sich die angehenden Pfarrer im Predigen vor dem Volk üben. Auch als Ort der Druckkunst machte sich Altdorf einen Namen: So entstanden hier etwa die »Zeltner-Bibel« von 1730 oder mehrere Gesangbücher, da­runter die »Altdorffische Davids-Harpfe«.

Mit der Gründung der Konkurrenz-Uni in Erlangen und dem finanziellen Niedergang der Reichsstadt Nürnberg kam auch das Ende der Altdorfina. »Diese Dinge haben uns das Genick gebrochen«, sagt Hans Recknagel, einstiger Stadtarchivar und Verfasser der aktuellsten Darstellung der Universitätsgeschichte. Der Wehmut des Lokalpatrioten klingt bis heute durch. 1809 verfügte der Bayernkönig Max I. die Auflösung der Hochschule.

Die Spuren ihrer Blütezeit, in der Altdorf mit seinen vielleicht 3000 Einwohnern eine akademische Hochburg und dabei ein geistiges Zentrum des süddeutschen Protestantismus war, begegnen innerhalb der Altstadtmauern auf Schritt und Tritt. Den Gottesdienst kann man wahlweise von den gläsernen Logen im Chorraum aus verfolgen, in denen die Frauen der Professoren und die Familie des Nürnberger Landpflegers saß, oder gleich vom baldachinbekrönten Sitz des Universitätsrektors aus.

Das Universitätsmuseum samt Doktorsgärtlein gibt Eindrücke von Organisation, Lehrbetrieb und Persönlichkeiten der Altdorfina. Vor allem aber das vollständig erhaltene Universitätsgebäude lässt die stolze Vergangenheit der Stadt lebendig werden. Es blieb auch nach der Auflösung der Universität genutzt, zunächst als Lehrerseminar, dann, bereits seit 1925, als »Krüppelheim« (was die traditionelle Offenheit der Altdorfer gegenüber den Belangen von Behinderten erklärt - und die abgesenkten Gehsteigkanten). Als »Wichernheim« gehört es den Rummelsberger Anstalten: In den einstigen Professorenwohnungen leben und lernen körperbehinderte Jugendliche, und der einstige Theologische Hörsaal dient als Gute Stube Repräsentationszwecken aller Art. An die Studienzeit des Feldherrn Wallenstein erinnern neben einem Brunnen vor dem ehemaligen Pflegschloss auch die alle drei Jahre stattfindenden Wallenstein-Festspiele.

Die Altdorfer blicken auf ihre Vergangenheit übrigens mit einer Mischung aus Wehmut und trotzigem Stolz. Und wer sich über den Platz in der zweiten Reihe grämt, den die Stadt seit 200 Jahren hat und den sie sogar in ihrem offiziellen Namen bekennen muss (nämlich Altdorf bei Nürnberg), kann sich in Beschreibungen wie die des Altdorfer Medizinprofessors Johann Jacob Baier flüchten, der einstmals hoch erfreut fomulierte: »Man kann mit Warheit sagen, dass allhier fleißiger gelesen werde als auf vielen andern Academien...«

  In der nächsten Folge geht es um einen Ort, an dem sich reichsstädtische Protestanten und ein katholischer Fürstabt jahrhundertelang - und immer misstrauisch - Aug in Aug gegenüberstanden.

SERIE

Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

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INFORMATIONEN

Adressen

  Kulturamt der Stadt Altdorf, Oberer Markt 2, 90518 Altdorf, Tel. (09187) 807-100, E-Mail: altdorf.kulturamt@lau-net.de

  Universitätsmuseum, Neubaugasse 2, Tel. (09187) 9545-30, E-Mail: altdorf.museum@lau-net.de. Öffnungszeiten: Sa./So. 14-17 Uhr und nach Vereinbarung.

  Dekanat mit Laurentiuskirche, Kirchgasse 10, Tel. (09187) 902806. E-Mail: info@ev-pfarramt-altdorf.de. Öffnungszeiten der Kirche: täglich 9 bis 17 Uhr.

Literaturtipps

  Leder, Klaus: Universität Altdorf. Zur Theologie der Aufklärung in Franken. Nürnberg 1965

  Recknagel, Hans: Die Nürnbergische Universität Altdorf und ihre großen Gelehrten, Feucht 1989

 

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Thomas Greif