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Sonntagsblatt 41/ vom

Alle Wege führen nach Ansbach...

...wenigstens für bayerische Pfarrer - Die alte Markgrafenstadt ist bis heute ein evangelisches Zentrum


»Siebenunddreißig Kandidaten Sind nach Ansbach eingeladen:Zeugnis sollen sie dort geben Was sie im Studentenleben Wissenschaftlich einstudiert Und in Fleisch und Blut geführt.«

Die beiden Hauptkirchen St. Gumbertus (links) und St. Johannis bestimmen bis heute die Stadtsilhouette der einstigen Markgrafenresidenz Ansbach.
Foto: Fechter
   Die beiden Hauptkirchen St. Gumbertus (links) und St. Johannis bestimmen bis heute die Stadtsilhouette der einstigen Markgrafenresidenz Ansbach.

Der dieses schrieb, war selbst unter besagten 37 Kandidaten gewesen. Am Anfang der Kirchenkarriere des Christian Geyer (1862-1929), später berühmter Volksprediger in Nürnberg, stand eine Stippvisite in Ansbach, wo seit dem späten 19. Jahrhundert alle angehenden evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer Bayerns examiniert werden. Mögen im Sprichwort alle Wege nach Rom führen - für die Theologen hierzulande gilt bis heute etwas anderes, übrigens auch bei den Ordinationsjubiläen.

Damit ist die Bedeutung, die Ansbach für Deutschlands Lutheraner bis heute besitzt, freilich allemal nur angetippt. Die einstige Markgrafenstadt gehörte zu den Schrittmachern der Reformation im Reich; sie war über hundert Jahre neben Bayreuth eine der beiden Hauptstädte des königlich-bayerischen Protestantismus, sie war 1919 Geburtsstadt der heutigen bayerischen Landeskirche und 1946 Schauplatz der ersten Nachkriegssynode. Von Ansbach aus wurde im 18. Jahrhundert, dank des kirchbaufreundlichen Markgrafen Carl Wilhelm Friedrich und seines Baumeisters Johann David Steingruber, das architektonische Gesicht einer ganzen Landschaft beeinflusst, die noch heute gern als »protestantisches Kernland Bayerns« firmiert.

Die Glasfenster im Chorraum der Johanniskirche sind eine Verbeugung vor der reformatorischen Tradition der Stadt. Dargestellt sind wichtige Stationen der Reformation: Der Augsburger Religionsfriede (1555) und der Westfälische Friede (1648) gehören dazu, ...
Foto: Fechter
   Die Glasfenster im Chorraum der Johanniskirche sind eine Verbeugung vor der reformatorischen Tradition der Stadt. Dargestellt sind wichtige Stationen der Reformation: Der Augsburger Religionsfriede (1555) und der Westfälische Friede (1648) gehören dazu, ...

Dekan Matthias Oursin ist mit dem Begriff nicht unbedingt glücklich. Wer ihn verwendet, denkt an die stolze Reformationshistorie, an Wilhelm Löhe, vielleicht auch noch an die Nachkriegsjahrzehnte, als westmittelfränkische Honoratioren in der Landessynode den Ton angaben - allen voran Karl Burkhardt, einstiger OB von Ansbach und Regierungspräsident von Mittelfranken (Sitz: Ansbach!) und in den 1960er- und 70er-Jahren 24 Jahre lang Synodalpräsident.

»Auch hier gibt es eine zunehmend säkulare Bevölkerung«, unterstreicht der Dekan: »Man kann sich auf das Erbe nicht nur berufen, sondern man muss auch unsere Zeit damit ansprechen.« In den letzten Jahren sind neue Kristallisationspunkte kirchlichen Lebens entstanden: die Evangelische Schule etwa, das Evangelische Bildungswerk, oder auch die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK), die in Ansbach seit zwei Jahren wirkt.

Auch die Bachwoche, die als relativ junges Kulturfest seit 1947 im Zweijahresturnus stattfindet und sich inzwischen in einem eigenen Bach-Gedenkstein im Stadtzentrum manifestiert, ist eng mit dem kirchlichen Geschehen verwoben.

... aber auch der Abschluss von Luthers Bibelübersetzung (1534) oder der Reichstag zu Worms (1521). Der Bibelspruch (»Siehe, wer halsstarrig ist...«, Habakuk 2,4) dürfte ebenfalls mit Bedacht gewählt sein.
Foto: Fechter
   ... aber auch der Abschluss von Luthers Bibelübersetzung (1534) oder der Reichstag zu Worms (1521). Der Bibelspruch (»Siehe, wer halsstarrig ist...«, Habakuk 2,4) dürfte ebenfalls mit Bedacht gewählt sein.

Freilich, ihre Tradition wollen und können die Ansbacher gar nicht verstecken. Seit Jahrhunderten wird die Stadtsilhouette von den beiden Hauptkirchen St. Johannis und St. Gumbertus geprägt, die zum Erstaunen auswärtiger Besucher nur ein paar Steinwürfe voneinander entfernt liegen und doch der gleichen Konfession angehören. Der Name des Platzes, der beide verbindet, ist Programm - es ist der Martin-Luther-Platz.

Fast zwangsläufig ergibt sich aus der räumlichen Nähe eine Rivalität, die eine Grundkonstante kirchlichen Lebens in der Stadt ist. St. Gumbertus ist von beiden die ältere und jüngere zugleich: Älter, weil das einstige Gumbertuskloster im 8. Jahrhundert die Keimzelle Ansbachs war, jünger, weil der heutige Bau, die einstige markgräfliche Hofkirche, von 1738 stammt und erst in königlich-bayerischer Zeit zur Pfarrkirche einer eigenen Gemeinde wurde. Die Gumbertuskirche mit ihrem nüchternen Predigtsaal und dem Kanzelaltar gilt als Prototyp der »Markgrafenkirche«.

Drüben, in der spätgotischen St. Johanniskirche, wo 1525 erstmals in Ansbach in deutscher Sprache gepredigt wurde, wird auf den Chorfenstern von 1904 die ganze Reformationsgeschichte erzählt, vom Thesenanschlag bis zum Westfälischen Frieden.

Ansbachs Stadtreformator, der Pfarrer Johann Rurer von St. Johannis, hat ebenso seinen Ehrenplatz wie Markgraf Georg, dessen Entscheidung für Luther anno 1528 das halbe Franken bis heute seine evangelische Prägung verdankt. Seinen Beinamen »der Fromme« hat er daher nicht zu Unrecht, wenngleich man die Frömmigkeit eines Renaissancefürsten nicht allzu eng sehen darf: Wenn der Markgraf mit seiner Entourage aufkreuzte, konnten schon mal »Tische, Bänke, Fußböden, Kleider und Körper von Wein triefen«, wie ein Chronist des Klosters Heilsbronn beschrieben hat.

Schon besser zum stolzen Beinamen passt da die berühmte Geschichte von Georgs Bekenntnis gegenüber Kaiser Karl V. beim Reichstag von Augsburg 1530 (»Lieber lass ich mir den Kopf abschlagen, als vom Evangelium zu lassen«), die Karl zu seinem einzigen überlieferten Satz in deutscher Sprache nötigte: »Löver Fürst, nit Kop ab, nit Kop ab!«

Georgs Tatkraft und seiner Einsicht, diesmal ausnahmsweise die alte Feindschaft mit Nürnberg beiseite zu stellen, verdankt die protestantische Kirche eine ihrer ältesten und tragfähigsten Kirchenordnungen, die Nürnbergisch-Brandenburgische Kirchenordnung von 1533, für Jahrhunderte ein liturgischer Leitfaden für Frankens Lutheraner.

Zwei theologische Papiere von großer Tragweite gingen von Ansbach aus. Die »23 Ansbacher Artikel«, die Johann Rurer und der markgräfliche Kanzler Georg Vogler 1528 ausgearbeitet hatten, waren eine wichtige Wegetappe zum Augsburger Bekenntnis.

Der »Ansbacher Ratschlag« von 11. Juni 1934 dagegen gilt bis heute als eine der folgenschwersten Verirrungen der evangelischen Theologie im Umgang mit dem Nationalsozialismus. Die Schrift, unterzeichnet unter anderem von den prominenten Professoren Werner Elert und Paul Althaus, lobte in scharfer Abgrenzung zur Barmer Erklärung das NS-Regime als »gut Regiment« und dankte Gott für den Führer als »frommen und getreuen Oberherrn«. Der hatte in der Weimarer Zeit immerhin sieben Mal im Haus des zweiten Johannispfarrers Max Sauerteig übernachtet, der als allererster Getreuer Hitlers im Franken der 20er-Jahre galt.

Nach 1934 wurde Ansbach zu einem der Zentren des Kirchenkampfes. Und auch im Untergang des »Dritten Reiches« spielt die Stadt noch eine Rolle: Hier residierte in den letzten Kriegsmonaten interimsmäßig die Kirchenleitung samt Landesbischof Hans Meiser, dem einzigen Ehrenbürger Ansbachs. Für kurze Zeit, wenn auch unter widrigen Umständen, war aus der »heimlichen Hauptstadt« die tatsächliche Hauptstadt der bayerischen Protestanten geworden.

  In der nächsten Woche stellen wir eine einstige Freie Reichsstadt vor, die schon 1529 zu den Protestanten beim Reichstag von Speyer gehörte.

SERIE

Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

Alle Folgen der Serie » Stätten protestantischer Geschichte in Bayern und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

INFORMATIONEN

Adressen

  Amt für Kultur & Touristik, Johann-Sebastian-Bach-Platz 1, 91522 Ansbach, Tel. (0981) 51243, Fax 51365, E-Mail: akut@ansbach.de, Internet:  www.ansbach.de.

  Markgrafenmuseum, Kaspar-Hauser-Platz 1, Tel. (0981) 9775056, E-Mail: museum@ansbach.de, ÖZ täglich außer Mo 10-17 Uhr, im Sommer kein Ruhetag.

  Ev.-Luth. Dekanat, Luisenstr. 2, Tel. (0981) 9523-110, Fax 9523-128, Internet:  www.st-johannis-ansbach.de und  www.gumbertus.de.

Literaturtipps

  Holger Lang: St. Johannis - Ansbach. Stadtkirche und Gemeinde im Wandel der Zeit. Ansbach 2003

  Ev.-Luth. Dekanat (Hg.): 450 Jahre evangelisches Ansbach. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Ansbach 1978

  Hans Sommer (Hg.): Es geschah im Namen des Glaubens. Evangelisch im Dekanat Ansbach. Erlangen 1991

Thomas Greif